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Liebe Besucher,

seit ich mich aus dem berufllichen und politischen Leben zurückgezogen habe,  bin ich nicht mehr so leicht erreichbar wie früher. Aus diesem Grunde habe ich diese Website eingerichtet mit zwei Zielen:

1. Unsere privaten Freunde sollen wissen, wo wir sind und was abgeht. Dazu gibt es das Fach "Neuigkeiten".

2. Meine früheren Mitstreiter aus meinen unterschiedlichen Arbeitsbereichen sollen nach wie vor die Möglichkeit haben, auf das Archiv meiner Ausarbeitungen zurückzugreifen, ohne dass ich in Zukunft selbst aktiv werden muss. Dass es komplizierter ist, auf den Seiten genau das zu finden, was man sucht, ist durchaus beabsichtigt, weil Zufallssurfer so abgeschreckt werden. Aber Interessierte, die wissen, was sie suchen, die finden es auch.

 

Wer interne Nachrichten auf "Klausur" ansehen möchte, müsste sich per eMail bei mir ein Passwort abholen.


 

Hier also die Neuigkeiten:

Die Geschichten sind so geordnet, dass immer die neueste oben ist! Wer eine chronologische Reihenfolge möchte, muss die Absätze von unten nach oben lesen!

 

Viertel vor sieben wachen wir auf in der schönen Stadt Besançon. Beim Frühstück ist es dann schon hell. Was gestern noch nicht geklappt hat, soll heute geschehen: Die Einfahrt nach Deutschland. Von hier aus ist das für uns Routine. Wir fahren gewöhnlich über die Vogesen, dann durch das südliche Elsass direkt in meine Lieblingsstadt Breisach am Kaiserstuhl. Das südliche Baden ist so gut wie immer die wärmste und sonnigste Ecke Deutschlands, und die Badener sind ein sehr umgängliches Völkchen. Aber ich habe im Gefühl, dass wir diesmal nicht die übliche Reiseroute nehmen sollten. Das südliche Elsass ist Risikogebiet, und die Badener sind in heller Aufregung wegen der Unmengen von Franzosen, die täglich zum Einkaufen herüber kommen. Davon haben die Badener bisher immer sehr gut gelebt. Die Dichte an Friseurgeschäften ist enorm, und auf dem gemeinsamen Parkplatz von Aldi und Lidl in Breisach liest man fast nur französische Kennzeichen. Es ist eben so, dass fabrikmäßig hergestellte Lebensmittel, auch Brot und Fleisch, nirgends in Europa so billig sind wie in Deutschland. Aber seit gestern können die Franzosen nicht mehr in Deutschland einkaufen, weil die Grenzen geschlossen sind. Uns beide wird man wieder ins Land lassen, da bin ich mir sicher, aber mit welch einem Generve könnte das verbunden sein! Lange Schlangen an den Schlagbäumen, viele Fragen zu beantworten, amtliche Papiere auszufüllen usw. Deshalb entscheiden wir uns, nicht die badischen Grenzübergänge zu nehmen, sondern fahren durch das ganze, wunderschöne Elsass in Richtung Pfalz. Das Risikogebiet stört uns nicht, denn wir haben alles, was wir brauchen an Bord und fahren sozusagen in unserer eigenen gelben Quarantäne-Station. Aber schauen dürfen wir. Die Dörfer füllen unglaublich niedlich mit ihren durchweg gleich hohen Giebelhäusern die Täler. Heraus ragt nur der Kirchturm. Und die Orte haben ausgesprochen putzige deutsche Namen wie „Wilgottheim“, „Diebelsheim“, „Morschwiller“, „Obernai“ oder „Unternai“. Wir sehen auch ab und zu Supermärkte an der Straße, die so gar nicht zu dem Bild der Dörfer passen. Die Parkplätze davor sind voll, vor dem Markt steht eine lange Schlange von Kunden, denn es werden immer nur begrenzt viele gleichzeitig in die Märkte hinein gelassen. Wir umfahren Colmar, Straßburg, Haguenau, immer weiter nach Norden. Zu Mittag werden die Straßen immer leerer, die Orte auch. Man hat das Gefühl, es wäre Siesta an einem Sonntag. Aber es ist Dienstag, jedoch der Dienstag, an dem um zwölf Uhr die allgemeine Ausgangssperre in Frankreich beginnt. Zu diesem Zeitpunkt fahren wir durch einen Wald. Ich will einen nicht zu großen Grenzübergang aus den oben genannten Gründen, aber auch nicht einen zu kleinen, denn ich befürchte, dass man solche aus Personalgründen einfach mit einem Sandcontainer versperrt und auf andere Übergänge verweist. So wähle ich „Wissembourg“. Gespannt fahren wir an die Grenze. Niemand außer uns ist da, abgesehen von einer Handvoll Polizisten, die uns auch wirklich anhalten, damit sie nicht nur rumstehen müssen. Sehr freundliche junge Männer fragen uns, ob wir aus dem Urlaub zurück kämen. Wir bejahen. Sie wollen unsere Personalausweise haben, und als Salka zu Bedenken gibt, dass sie diese dann ja anfassen und und infizieren könnten, beteuern sie, dass sie den ganzen Tag damit beschäftigt sind, ihre Hände zu desinfizieren. Dann schreiben sie noch unsere Autonummer auf und wünschen uns „Gute Fahrt“. Wie im Traum fahre ich weiter in die Pfalz. Wir mussten nicht erklären, wo wir im Ausland gewesen sind, wir mussten keine Eidesstattliche Erklärung unterschreiben, keine Formulare ausfüllen, bekamen weder Verhaltensregeln mit noch Auflagen, z.B. uns zu Hause dem Gesundheitsamt zu melden. Nichts. Wir wurden nur registriert. Aber wir sind trotzdem psychisch ziemlich am Ende, nun, wo die Anspannung nachlässt. Aber da gibt es ein supergutes Mittel, uns schnell wieder aufzubauen: Auf dem nächsten Parkplatz halten wir, und Salka kocht aus Bordmitteln ein leckeres Mittagessen!

Es ist Sonntag. Gestern noch war die Innenstadt von Perpignan bei schönstem Wetter voller Menschen, die Kaufhäuser, Cafés und Plätze waren mit französischem Leben ausgefüllt, wie wir das auch andernorts kennen. Heute finden wir das große Centre Commercial wie ausgestorben. Nomalerweise sind fast alle Läden in Frankreich auch am Sonntag geöffnet. Aber das Carefour ist dunkel und geschlossen. McDo und Flunch, die beide große Schilder zu hängen haben, dass sie ausnahmslos jeden Tag öffnen – sind geschlossen. Im Flunch sind fast zwanzig Angestellte damit beschäftigt, die Kühl- und Eisschränke zu leeren und alles in ihre Privatwagen zu verfrachten. Über Nacht wurden in Frankreich alle Speiselokale, welcher Art auch immer, geschlossen. Der einzige offene Laden in dem ganzen Komplex ist Lidl, in dem das Brotregal schon völlig geleert ist und andere weitgehend. Wir müssen weg. In einem Land, in dem alles geschlossen ist, können Vagabunden wie wir nicht leben. Also fahren wir so schnell es uns möglich ist nach Norden. Auf den Autobahnen sind auch alle Restaurants geschlossen, nur die Tankstellen mit den angeschlossenen Läden bleiben in Betrieb. Da wir selbst nichts brauchen, aber die Menschenmengen an Raststätten vermeiden wollen, nehmen wir lieber die einsamen Landstraßen. Die Landschaft bleibt schön, aber das Leben fängt an, richtig öde zu werden.

Auf dem Weg von der Unterstadt in die Oberstadt fahren wir in noch bei den Supermärkten vorbei, denn ab und zu reicht das, was man beim Bäcker oder Gemüsehöker kaufen kann, für unsere Versorgung nicht aus. Es ist Freitag Morgen, die Parkplätze vor den Märkten sind voll, die Kassen alle besetzt, sämtliche Regalisten an der Arbeit – und trotzdem glotzt uns gähnende Leere aus den Regalen an. Bisher war in Spanien davon nichts zu spüren, aber jetzt hat uns die Hamsterwelle sogar im verschlafenen Altafulla erwischt. Wir bekommen noch alles, was wir brauchen, manchmal nicht genau das Gewünschte, aber doch einen guten Ersatz. Trotzdem, es ist unheimlich und wirkt irgendwie bedrohlich. Auf dem Weg durch die Stadt finden wir kurz vor dem Wochenende alle Spielplätze mit rot-weißem Flatterband abgehängt: Betreten verboten. Wenn alle am Rad drehen, wollen wir auch ein bisschen, schon aus Solidarität: Wir beschließen, nicht das günstigste Wetter abzuwarten, sondern sofort nach Frankreich zu fahren. Sollten die Franzosen auf die Idee kommen, die Schlagbäume umzulegen, dann bitte hinter uns!

Ich will nach Tarragona. Denn bei unserem letzten Besuch haben wir uns nur auf die Altstadt konzentriert und die Neustadt links liegen gelassen. Aber die ursprünglich römische Stadt war viel größer als die mittelalterliche Altstadt und hat auch in der Neustadt Relikte hinterlassen. Wir fahren mit der Bahn, ist nur eine Station, und laufen nach Stadtplan. Die Ausgrabungsstätte kostet Eintritt. Auf meine Frage, ob die Anlage auch über die Siesta geöffnet sei, antwortet mir der Kassierer etwas von weltweiter Epidemie. Den Zusammenhang verstehe ich nicht, aber mein Spanisch ist auch weniger als rudimentär. Und dann stehen wir zwischen den Säulen, also dem Wenigen, was davon noch übrig ist. Ich stelle mir einen römischen Marktplatz vor, wundere mich nur über die extreme Höhe der Säulen, und begreife nach und nach, dass es sich mitnichten um einen Platz handelt, sondern um ein riesiges Gebäude, das hier einmal stand, eine gewaltige Basilika, deren Struktur man aus den Trümmern noch erahnen kann. Viel ist wirklich nicht mehr davon da. Die Leute früher haben die Steine genommen und woanders zum Bauen verwendet. Und beim Entstehen der neuzeitlichen Neustadt hat man Platz für Straßen und Häuser geschaffen. Das römische Zeug war da nur im Weg. Übrigens sind auch in der Altstadt die römischen Reste erbärmlich. Das Einzige, das in voller Pracht erhalten blieb, ist der gewaltige Aquädukt zur Wasserversorgung. Aber den kennen wir schon. Er liegt ein Stück weit vor der Stadt und muss diesmal auf unseren Besuch verzichten.

Kleine Städte wie Altafulla sind besonders stramm katalonisch ausgerichtet. Kastilisch, bei uns bekannt als „Spanisch“, ist aus dem öffentlichen Leben völlig verbannt. Die uralten Schilder mit den Straßennamen sind und waren schon immer Katalonisch. Nun sind es aber auch sämtliche Aufschriften, Ansagen, amtliche Hinweise, Veranstaltungsplakate usw. Nur die Durchsagen bei der Eisenbahn sind noch zweisprachig. Sonst findet man in der ganzen Stadt die spanische Sprache nicht mehr. Auch die Menschen sprechen katalonisch. Ich kann das zwar kaum unterscheiden, weil ich beide Sprachen nicht kenne, aber ich merke es am Fehlen des gelispelten „th“, das bei spanisch sprechenden Menschen sehr auffällig ist. Auch in Tarragona ist man beim Verdrängen der spanischen Sprache weit voran gekommen, aber nicht ganz so konsequent. Die Erklärungen an den touristischen Highlights der Stadt sind zuerst in Katalonisch formuliert, dann in Englisch, dann in Französich und schließlich auch auf Kastilisch. Und nicht nur am Rathaus des Provinznestes Altafulla, sondern auch am Rathaus von Tarragona hängt groß und breit ein Transparent: „Freiheit für die politischen Gefangenen!“

Da habe ich doch gewagt, Salka vorzuschlagen, diesmal nur nach Tarragona zu fahren und keine Station in Altafulla zu machen. Normalerweise folgt sie meinen Vorschlägen, wenn es um die Reiseroute geht, aber diesmal ernte ich heftigen Widerspruch. Altafulla ist lieb und schön, da müssen wir hin, auch wenn es keine spektakulären Ereignisse gibt wie das tagelange Fest um St. Martin, die Menschentürme oder die weißen Palmen zu Palmarum. Meistens ist es nämlich sehr, sehr ruhig in Altafulla außerhalb der Saison. Aber hübsch ist der Ort wirklich. Auf dem Berg ist die pittoreske, treppenreiche Altstadt mit Burg, Kirche und Stadtmauer, und unten am Meer der sauberste Strand von ganz Spanien. Aber den haben die ungewöhnlich heftigen Stürme des Winters doch arg mitgenommen. Also, mitgenommen hat das tobende Meer den Sand, so dass das Niveau des Strandes in einigen Bereichen um 80 cm gesunken ist. Aber über die ganze Länge verteilt ist wohl noch genug Sand da, und man ist dabei, ihn mit schwerem Räumgerät so zu verteilen, dass die Anschlüsse an Podeste, Strandduschen und Zugängen wieder gewährleistet sind. Strom- und Wasserleitungen müssen dabei natürlich auch wieder mit gehöriger Packung Sand zugedeckt werden. Strandgefühl stellt sich im Moment deshalb nicht ein. Wir wohnen also meistens in der Oberstadt.

Die Ebene von Valencia wird beherrscht von Apfelsinen-Plantagen. Ich kenne diese Bäume mit ihren reifen Früchten nun seit 1979, als wir im März die Kühlschränke nach Portugal schmuggelten, aber es fasziniert mich immer wieder, wie lange so eine Apfelsine oder Zitrone braucht, um zu reifen. Die leuchtenden Früchte sin noch gar nicht ganz fertig, da treibt der Baum schon die neuen Blüten aus. Und es wird mehr als ein ganzes Jahr dauern, bis daraus wiederum reife Früchte werden. So ist es völlig normal, an den Bäumen zugleich Blüten und Früchte zu finden. Nur einem Nordländer kommt das seltsam vor.

Heute spielt im Theatersaal des Kulturzentrums ein reines Frauenorchester, und wir sind natürlich dabei, denn bei den Zuhörern sind auch Männer zugelassen. Von den 80 Frauen sind fast alle sehr jung, nur etwa fünf schon älter, und es handelt sich um ein Blasorchester mit Holz und Blech, dazu ein Klavier, einige Celli und reichlich Schlagwerk mit und ohne Tönen. Wir müssen genauso wie das Orchester geduldig sein, denn zuerst hält eine Frau, die aussieht wie eine Elternratsvorsitzende, eine Rede. Dann hält ein Mann im Karohemd eine Rede, der aussieht wie ein Betriebsratsvorsitzender. Dann hört sich noch eine Frau gern reden, deren Aussehen habe ich vergessen. Und dann endlich kommt die Dirigentin, alle Frauen im Orchester werden wieder wach und starten laut und präzise. Es ist ein wirklich gutes Orchester, und wir beide sind von Anfang an voll dabei – mit Zuhören, versteht sich. Nach der Pause wird auch gesungen, ein kleiner Frauenchor, zwei Solistinnen, und das gefällt mir doppelt gut. Aber wir sind ja nicht nur Zuhörer, sondern auch Zuschauer, und am spannendsten zu beobachten sind die Frauen an den tönenden Schlagwerken, z.B. den vier Kesselpauken, Vibrafon, Metallofon und Glockenspiel. Je länger das Konzert dauert, desto mehr kommen Dirigentin und Orchester in Fahrt, und ganz zum Schluss stehen sie auf, schwenken Tücher und singen zusammen. Ob das jetzt die Valencianische Nationalhymne ist oder die internationale Frauenhymne oder sonst eine Hymne, das wissen wir nicht. Jedenfalls verlassen wir am Ende das Theater in dem Bewusstsein, etwas sehr Schönes erlebt zu haben. Und es hat noch nicht einmal etwas gekostet. Frauen eben, die sind es ja gewöhnt, die meiste Arbeit umsonst zu machen.

Dénia ist „UNESCO Creative City of Gastronomie“. Das haben wir schon des öfteren irgendwo gelesen, konnten uns aber nichts darunter vorstellen. Aber als wir in die Markthalle kommen, einfach nur, um frisches Gemüse einzukaufen, geraten wir sofort in ein „internationales Treffen der kreativen Küche mit der roten Krabbe“, wenn ich das alles richtig übersetze. In dem zentralen Raum der Halle sind Tische aufgestellt, provisorische Küchen mit einfachen Geräten eingerichtet, sogar ein Taschen-Holzkohle-Grill dabei, wie man ihn vom Camping kennt, und viele Köche beschäftigen sich emsig jeder mit seinem eigenen Brei. Das Kochen scheint dabei weniger wichtig zu sein als das kunstvolle Dekorieren der Teller, das sehr präzise zelebriert wird. Dass einige Köche wohl so etwas wie Stars sein müssen, merken wir an der Aufmerksamkeit durch Pressefotos, Mikrofone und Fernsehkameras. Wir schauen eine Weile dem für uns fremden Treiben zu. Es werden aber jeweils nur wenige Teller vorbereitet, und daraus schließen wir, dass wir wohl nichts von dem abbekommen werden, was hier gekocht wird. Also setzen wir unseren Einkauf doch lieber fort.

Jeden Monat bekommt Salka von Jiving-June eine Einladung zum Rock'Roll-Abend – die wir so gut wie nie annehmen können, weil wir irgendwo in Europa sind, aber nicht gerade in Dénia. Aber in diesem Jahr haben wir Glück: Wir sind gerade da und der Termin fällt genau auf Salkas Geburtstag, schließt diesen Tag also mit einem großen Event ab, nachdem wir den Tag über – besonders den Morgen – einfach nur nur in aller Ruhe Geburtstag zelebriert haben. June erwartet uns im hinteren großen Saal des Restaurants Comercio, der sich schnell füllt, da ältere Leute wie wir ja zur Überpünktlichkeit neigen. Wie wir es von früher schon kennen, sind auch diesmal etliche Damen mit weiten Röcken über Petticoats erschienen. Auch Salka trägt natürlich einen schwingenden Rock, aber keinen Petticoat darunter, weil der ja in unserer kleinen Rollhütte keinen Platz finden würde. Fast alle Gäste sind Briten, aber es gibt auch vereinzelt andere Nationalitäten. June platziert uns neben eine sehr nette Familie aus der Slowakei. Mit dem Ehemann kann sich Salka auf russisch, mit der Ehefrau auf Deutsch unterhalten. Ich verstehe von der Konversation ohnehin nur die Hälfte, aber wir verstehen uns alle bestens. Und wir können nachvollziehen, dass der noch relativ junge Mann von dem Menü nicht satt wird. Die drei Gänge sind einfach gehalten, sozusagen „Seniorenteller“, aber sehr gut gemacht. Und nachdem der letzte Gang abgeräumt wurde, kommt der „Fabulous Woody“ zum Zuge, ein Alleinunterhalter, der mit Computerunterstützung einen Song nach dem anderen persönlich singt und Gitarre dazu spielt. Er ist keine wirkliche Rampensau, aber singen kann er. Und es wird getanzt! Akrobatische Einlagen beim Rock'Roll verkneifen sich die älteren Herrschaften denn schon, aber ansonsten sieht man bei vielen Paaren, dass sie das, was sie da machen, schon ein Leben lang machen. Wir beide geben uns Mühe, einigermaßen mitzuhalten und rocken den Abend mit den Engländern – bis Mitternacht, was für uns das äußerste ist und wir auch nicht warten wollen, bis das Tanzen allmählich in das Trinken übergeht. Vielen Dank, June, es war wundervoll!

Wir müssen umziehen auf einen anderen Platz in einem ganz anderen Stadtteil von Dénia. Der tagelange sehr heftige Wind bringt unangenehm viel Staub mit sich, weil wir hier ja nie Regen haben. Nun sind wir umgeben von einer großen Grünfläche aus Spitzwegerich und anderen Wildkräutern, was den gröberen Staub minimiert. Der feine, der irgendwo aus den Wüsten Afrikas hier ankommt, ist ohnehin nicht zu vermeiden. Er ist aber auch so fein, dass man die Körner nicht spürt, nur unser Bus wird leicht gelblich überzogen. Aber der ist ja sowieso schon in einem recht schattierungsreichen Gelb gehalten. Nun kommt noch eine Schattierung dazu. Da wir jetzt in der Nähe des Sandstrandes von Les Marines stehen, lieben auch etliche Camperfahrzeuge diesen Platz. Unter denen fallen wir gar nicht auf, außer durch die gelbe Farbe. Wir sind meistens die einzigen Deutschen hier, aber es gibt Spanier, Holländer, Franzosen, Engländer, Italiener, Österreicher, Schweden, Tschechen und Rumänen, die hier weitläufig und lose wohnen. Für übermorgen ist angesagt, dass der Wind dreht. Dann ziehen wir wieder um an den Felsenstrand von Les Rotes.

Auf der Suche nach Geschlechter-Scheingerechtigkeit treibt Lidl in Spanien neue Blüten. So ein Anhängsel wie das unsägliche „innen“ bei uns gibt es da ja nicht, sondern die weibliche Form hat einfach ein a am Ende und die männliche ein o, jedenfalls in der Regel. Auf der Suche nach Angestellten schreibt Lidl nun z.B so: Cajer@s. Da kann man ja ein a oder ein o drin lesen. Hm. Da arte ich nur noch auf den Proteststurm der Emanzen, sobald denen auffällt, dass das o in diesem Zeichen deutlich größer ist als das a . . .

Kaum habe ich Salka nach Dénia heimgeholt, gibt sich die Stadt alle Mühe, ihr auch etwas zu bieten: Die Maurenfeste sind offenbar noch nicht zu Ende. Wir treffen auf der Suche nach einem Mittagessen auf zwei Gruppen der Kostümierten, die sich mit einer Blaskapelle hinter sich mitten in der Stadt treffen und gegenüber stehen. Aber diesmal fuchteln sie nicht, sondern singen. Lauter Männergesang – mit Blasmusik im Hintergrund – füllt die Straßen. Eines der Lieder, das mit Hingabe geschmettert wird, folgt der Melodie „Heute an Bord, morgen geht's fort“. Da ruckt es mich, sofort mitzusingen „... leis die Wellen wiegen, Möven heimwärts fliegen ...“. Aber ich habe dann das unbestimmte Gefühl, dass der valencianische Liedtext doch nicht nur eine Übersetzung ist, und lasse es lieber bleiben. Außerdem scheint es sich um eine fröhliche Angelegenheit nur für die Einheimischen zu handeln. Von den vielen deutschen oder englischen Residenten sind keine Zuschauer zu sehen. Die interessieren sich offenbar überhaupt nicht weiter dafür. Die Stadt Dénia hat trotz der vielen Fremden in ihren Mauern ein sehr starkes Eigenleben. --- Am Abend dann, während immer noch lose Menschen mit Ritter- oder Maurenkostümen durch die Straßen stromern, startet schon das nächste Großereignis: Die Eröffnung der diesjährigen Fallas. Deren Höhepunkt ist erst am 19. März, aber heute gibt es den Startschuss. Auf der großen Ereignistreppe der Stadt, beobachtet von Presse, Fernsehen und vielen Zuschauern, ziehen die Abordnungen der zehn Nachbarschaften aus der inneren Stadt Dénia mit ihren bunten Standarten auf, die sich an den Fallas beteiligen und dabei wie jedes Jahr auch im Wettbewerb stehen. Vor ihnen reihen sich pittoresk die Frauen und Mädchen in ihren fantastischen Falla-Kleidern und der dazugehörigen aufwändigen Frisur. Wir sehen das ja nicht zum ersten Mal, aber die Frauen in diesen Kleidern sind immer wieder eine Pracht. Ja, und dann hält der Falla-Präsident seine unvermeidliche Rede, was auszuhalten ist, weil nur er redet, und das auch bei weitem nicht so ausführlich, wie das in Frankreich oder Italien der Fall wäre. Nach höflichem Beifall startet sofort das Feuerwerk, zuerst zögerlich, dann immer mehr und in immer schnellerer Folge. Das Feuerwerk ist so nah, dass ich meinen Kopf weit in der Nacken legen muss, um es überhaupt zu sehen. Zum Schluss kommen die Sprengsätze in kurzem Stakkato mit lautem Getöse, der Himmel ist übersät mit Farben – und es fällt erst einmal der Strom aus. Die Scheinwerfer erlöschen, die Lautsprecher verstummen, alles wird dunkel und ruhig. Die Leute bleiben auch ganz ruhig. Man unterhält sich leise und wartet ganze zehn Minuten, dann ist der Strom wieder da und alles kann weiter gehen. Zwei Fallerinas stellen jetzt kurz und launig jede der Nachbarschaften vor, begleitet vom Applaus der jeweiligen Anhänger. Und dann sagen sie im Chor so etwas wie: Hiermit sind die Fallas 2020 eröffnet. Großer Applaus – und wieder ein Feuerwerk, genauso wie das vorige. Ich halte mir die Ohren zu und schaue senkrecht. Aber diesmal fällt der Strom danach nicht aus, obwohl er es nun gern könnte, denn die Eröffnungsfeier ist zu Ende. Die Stadt ist voller Menschen, die nun individuell weiter in die Nacht feiern.

Ich bin auf dem Heimweg, um Mittag zu kochen, aber aus den Augenwinkeln sehe ich beim Radeln ungewöhnlich gekleidete Menschengruppen abwartend stehen. Mittag muss warten, hier gibt es etwas zu sehen. Beim genaueren Betrachten dürften es fast zehn Gruppen sein, die jeweils unterschiedlich, aber in der Gruppe einheitlich, verkleidet sind. Nein, mit Karneval hätte das nichts zu tun, erklärt man mir, das sei eine historische Angelegenheit. Manche Gruppen haben nur etwa 15 Mitglieder, andere fast 50. Manche Gruppen sind als christliche Ritter oder ähnlich verkleidet, andere als Muslime unterschiedlicher Trachten. Und jetzt geht es auch los: Die in Dénia reichlich vorhandenen und ständig beschäftigten Musikzüge werden formiert, und der Zug setzt sich in Bewegung. Man marschiert mit gekreuzten Armen und ernster Miene (die nicht jeder durchhalten kann) in einem seltsamen Gleichschritt voran, immer einen Anführer vorweg, der fuchtelt und schreit. Und was mich besonders freut: Diesmal sind es Männer, echte, kernige, lustige Männer jeden Alters, die dabei mitmachen, ganz anders als bei den Karnevalzügen. Es gibt auch große Frauengruppen (mit Handtäschchen in ihren Uniformen, echt zum Lachen), aber die Frauen sind in der Minderheit, und sie machen auch genau dasselbe wie die Männer: ernst, wichtig und trotzig marschieren mit einer fuchtelnden Anführerin. Der Zug wird sehr lang, und bis die Letzten sich formiert haben, ist die gesamte Prachtstraße gefüllt. Ich schnappe mir mein Fahrrad und versuche, über eine breite Nebenstraße, auf der keine Autos fahren, die Spitze des Zuges wieder zu erreichen, und staune nicht schlecht: Die Straße ist vollgestellt mit langen, gedeckten Tischreihen. Und da kommt der Zug mir auch schon entgegen, huldigt einer Art Chefgruppe, die besonders edel verkleidet ist, und verteilt sich auf die Stühle. Dort feiern sie dann noch stundenlang, aber was, das bleibt mir verborgen. Es ist in diesem Monat mindestens schon der zweite große Festumzug (Karneval war letzte Woche). Im Januar gab es ebenfalls mindestens zwei, die Botschafter der Magier und und die „heiligen“ Könige auf echten Kamelen mit jeweils riesigem Gefolge. Im März folgen die Fallas. Im Dezember gibt es auch zwei Umzüge. In anderen Monaten war ich noch nicht hier, aber so etwa zwei große und jeweils völlig unterschiedliche Festumzüge pro Monat traue ich Dénia schon zu. Die Einwohner kommen wahrscheinlich kaum noch zu irgendetwas anderem, aber diese Aktivität wird auch Quelle eines enormen Zusammenhaltes der Bevölkerung sein.

In Dénia atme ich auf. Es ist hier zwar ein paar Grad kälter als an der südlichen Costa Blanca, aber einfach angenehm. Hier kenne ich so vieles, und vor allem auch viele Leute, allerdings auch wieder keine Spanier. Die Stadt selbst ist noch nie so besonders malerisch gewesen, aber es gibt ständig irgendwelche Verbesserungen, die Aufschwung anzeigen. Nur die von uns so geliebte Bahn ist noch immer nicht fertig. Die komplette Renovierung ist von Alicante inzwischen bis Calpe voran gekommen, aber bis dort ist noch Bus-Ersatzverkehr über die Berge. Es sieht schräg aus, wie Bahnsteige, Prellböcke, Zugänge, Leitgitter, alles nagelneu renoviert ist, die Gleise aber ab Bahnhofausgang noch fehlen. Aber für die Bahnstrecke ist die Stadt eben nicht zuständig. Bei Straßen, Plätzen und Parks ist man dagegen weiter voran gekommen. Alles wird schöner. Am Strand ist über das Wochenende schon reichlich Betrieb. Der Winter hat auch hier viel Sand geraubt, aber es ist für den Strand, der jetzt 30 bis 60 cm tiefer liegt, noch reichlich da. Und auch die Verankerungen der Kletterspinne oder der Fußduschen und die Zugänge zum Strand sind noch da, wo sie hin gehören. Man sieht die Spuren der schweren Maschinen, mit denen wahrscheinlich versucht wurde, den Sand noch mal neu zu verteilen. Die Stadt ist tätig und leidet offenbar nicht unter einer Wirtschaftskrise durch Weggang von vielen Engländern, wie andere Orte mehr im Süden. Außerdem überwiegen in Dénia ohnehin die deutschen Residenten.

Torrevieja liegt zwischen dem Meer und der blauen und der roten Lagune. Das seltsame Pink der letzteren ist auf Luftfotos oder bei Googles Satellitenbild sehr beeindruckend. Bei der Touri-Information erkundige ich mich, wie ich an die Lagune komme. Das kleine Straßenzüglein, das da regelmäßig hin fahre, sei im Winter nicht in Betrieb, aber mit einem Fahrrad käme ich schnell dahin. Ich solle am besten einfach durch den Wald zu diesen Bergen gehen, denn weiter hinten stünden viele Häuser, und da käme ich an die Lagune nicht mehr heran. Er zeichnet mir alles in den Stadtplan ein, zwei gedachte Wege durch den Wald und etliche seltsam spitze Berge. Ich weiß, das Land ist hier absolut flach, von Bergen keine Spur, aber ich sage nichts und fahre los. Als erstes sehe ich die Berge. Es sind riesige Kegel aus weißem Meersalz, das aus der Lagune gewonnen wird. Ein Wald ist allerdings nicht vorhanden, denn sonst könnte ich die „Berge“ gar nicht sehen. Es handelt sich mehr um eine weite Fläche von erbärmlichem Macchia-Gestrüpp, und das ist zudem komplett eingezäunt. Schnell bin ich an den Häusern und schaue mich erst einmal ratlos um. Tatsächlich, tief drinnen im „Wald“ sehe ich Menschen, die ihre Hunde ausführen. Die Hunde kann ich nicht sehen, weil die Büsche dafür dann doch zu hoch sind, aber die Menschen benehmen sich so, wie Hundehalter sich eben benehmen. Ich schaue genau auf die eingezeichneten „Wege“ durch den „Wald“ auf dem Stadtplan. Eindeutig, ich bin dran vorbei gefahren. Also zurück, aber ganz langsam. Ein mickriger Trampelpfad weist mir ein unscheinbares Loch im Zaun. Aha. Ich schließe mein Fahrrad an einem Kaktus an und zwänge mich durch das Loch. Leicht ist der Weg durch den „Wald“ nicht, denn es gibt immer wieder Wasserläufe und matschige Stellen. Ich folge deshalb im Zickzack kleineren Trampelpfaden und komme tatsächlich fast bis an die Lagune heran. Der Übergang des Buschlandes zur Wasserfläche ist sehr fließend. Alles ist versalzen. Aber die Lagune ist nicht rot. Mit sehr viel gutem Willen kann man einen leichten rosa Schimmer ausmachen, aber für unvoreingenommene Betrachter ist die Lagune bei gutem Wetter blau und bei schlechtem grau wie jede andere Wasserfläche. Ohne das Abenteuer mit dem „Wald“ wäre dieser Ausflug also enttäuschend gewesen.

Zu Fuß bin ich in Torrevieja unterwegs und will eigentlich nur einkaufen. Doch eine der längsten Einkaufsstraßen mitten durch die Stadt ist abgesperrt, am Rande teilweise bestuhlt, jedenfalls voll von wartenden Menschen. Karneval, sagt man mir. Das lasse ich mir nicht entgehen, auch wenn ich nur einen Stehplatz bekomme. Ganz von der Ferne höre ich auch schon Musik, also mehr die Basstrommeln, ganz leise. Zehn Meter neben mir steht ein großer Lautsprecherblock, aber der ist ganz ruhig. Langsam wird die Musik lauter. Dass sie nicht kontinuierlich lauter wird, wie man es von einer nahenden Kapelle erwarten müsste, sondern in kleinen Sprüngen, verwundert mich sehr. Und da sehe ich auch schon die Scheinwerfer des voran fahrenden Polizeiwagens und – muss mir schnell die Ohren zu halten, denn plötzlich fangen die Lautsprecher in meiner Nähe mit Höchstlautstärke an, die Musik zu dröhnen. Offenbar werden immer die Boxen eingeschaltet, an denen der Zug gerade vorbei kommt. Und da sind sie, die tanzenden Kinder, in großen Gruppen immer gleich, aber aufwändig verkleidet, mit festgelegter Choreografie zu jedem der brüllenden Musikstücke. (Inzwischen habe ich weichgekaute Taschentücher in den Ohren.) Ja, es sind Kinder, offenbar Schulen und Sportvereine, die sich präsentieren. Ihre Lehrer sind dabei und machen mit, besonders Lehrerinnen, die dicken als Bewacher am Rande des Zuges, die schlanken als Tänzerinnen. Mag sein, dass es noch gar nicht der richtige Karnevalszug ist, sondern ein spezieller für Kinder vorweg. Kann auch sein, dass die Erwachsenen im weiteren Verlauf des Zuges noch kommen. Ich werde das nicht mehr erfahren, denn inzwischen ist es dunkel geworden, die eigens aufgehängten LED-Scheinwerfer über der Straße sind eingeschaltet, ich beobachte den Zug nun schon eine Stunde lang und mir wird kalt. Im Gegensatz zu den anderen Zuschauern bin ich für einen Abend nicht ausgerüstet. Also gehe ich nach Hause, denn immer wieder und immer wieder fast nackte Mädchen zu betrachten, ist auf die Dauer auch langweilig.

Ich würde sagen, es ist eine Art militärische Flugschule. Von morgens um 8 bis abends um 10 donnern immer wieder Motoren über dem Flugfeld. Die kleinen Propeller-Maschinen machen am meisten Lärm. Die bunten Düsenflitzer sind zwar beim Start viel lauter, dann aber schnell weg. Es wird gestartet, gelandet, gestartet, gelandet. Aber am Nachmittag trainieren sieben Düsenflitzer eine beeindruckende Choreografie von Flugkunststücken. Sie fliegen in verschiedenen Formationen, machen Loupings, fliegen spiralförmig um die Kondensstreifen ihrer voraus fliegenden Kollegen, rasen aufeinander zu und biegen im letzten Moment einer links und einer rechts ab, steigen zu zweit senkrecht auf, schalten den Kondensstreifen ein, fliegen über Kopf voneinander weg, sausen in großem Bogen nach unten, bis sie sich wieder treffen, und zeichnen damit ein senkrecht stehendes Herz in die Luft. Ja, das ist Können. Aber mich gruselt es. Ich denke dabei nicht nur an die erhebliche Luftverschmutzung, sondern auch an die Mengen von Toten bei schwersten Unfällen z.B. in Deutschland oder Frankreich. Es gibt Künste, die sollte man lieber lassen.

Das Mar Menor (kleineres Meer) gehört zur Costa Cálida (warme Küste) und ist eigentlich ein Kleinod der Natur. Es ist eine richtig große Lagune, die nur in der Mitte wirklich tief ist und vom Meer durch eine schmale Nehrung abgetrennt, die wiederum auch Durchgänge zum offenen Mittelmeer hat. Ähnliche Konstruktionen hat das Meer auch in Venedig oder an der südlichen Ostsee geschaffen. Eigentlich ein Paradies für Flora und Fauna. Aber die haben hier nichts zu sagen. Die gesamte Küste entlang – mit einer Unterbrechung durch einen Militär-Flugplatz – zieht sich eine schöne Promenade hin, bestanden mit vergleichsweise bescheidenen Einrichtungen für den Tourismus, jetzt im Winter fast leer. Die fast tausend Wilden Camper mit ihren Wohnmobilen, denen man nicht allzu weh tun wollte, weil sie die Einzigen sind, die die Orte im Winter am Leben erhalten, hat man in den letzten Jahren tatsächlich in den Griff bekommen. Man hat einfach die Brachen, auf denen sie früher ungeregelt rumstanden, eingezäunt und als Camper-Stellplätze deklariert, gleichzeitig die übrigen von den Straßen verscheucht. Tatsächlich sind die neuen, riesigen Plätze sehr gut belegt, obwohl sie sicherlich nicht umsonst zu haben sind. Die Manga, wie man hier die Nehrung nennt, ist durchgehend mit Bettenburgen bebaut. Vom Ufer aus macht das einen seltsamen Eindruck, denn das Mar Menor ist recht groß, und wegen der Entfernung und der Erdkrümmung sieht man die flache, schmale Nehrung gar nicht mehr, nur die Kette der Hochhäuser, die aus dem Meer zu wachsen scheinen. Ob vor ihnen nach dem letzten gewaltigen Orkan und dem dazu tobenden Meer der Strand noch vorhanden ist, habe ich nicht nachgesehen. An der südlichsten Costa Blanca zumindest hat das Meer den Sand radikal abgeholt. Die Zugänge, Brücken, Kioske und Fußduschen schweben jetzt mitsamt ihren Betonsockeln einen Meter über dem, was als steiniger Grund zurück blieb. Die Gäste an der Lagune werden sich auch umstellen müssen. Ihr Wasser schäumt und stinkt nach Klärwerk. Hans-Peter meint, das käme auch von dem Orkan, dessen Sturzregen alle Düngemittel und Pestizide von den intensiv genutzten Feldern ausgewaschen und ins Mar Menor gespült habe. Nun ja, so eine Lagune macht sich recht gut als Klärwerk, wenn genug Wind und Wellen für Sauerstoff sorgen. Wenn allerdings viel Sonne scheint, wird’s kritisch. Mehr Schilf und weniger Strand würden helfen. Strand braucht man ja eigentlich nicht mehr, denn wer badet schon gern in einem Klärwerk?

Mojacar warb gestern um Wintergäste mit einem guten Klima und der wundervollen Landschaft drum herum. Fantasie haben die Werber, das muss ich gestehen. Die Landschaft besteht aus kegeligen, fast unbewachsenen Hügeln, die aussehen wie Abraumhalden. Ich habe mich früher tatsächlich gefragt, ob hier irgendeine Art Bergbau betrieben wurde, aber das ist wohl nicht so. Und das Meer sieht aus, wie es eben aussieht. Woran sehe ich heute sofort, dass ich Andalusien verlassen habe? Die Mittelberge, durch die sich meine Straße kunstvoll windet, sind grün – nicht gerade üppig, aber richtig grün. Dank der EU-Landwirtschaftspolitik sind neun von zehn Gehöften, an denen ich vorbei komme, zwar verfallen, aber große Mengen von blühenden Mandelbäumen säumen den Weg, Plantagen von Pfirsich oder Aprikosen blühen in der Ferne. Und die Felder in den Tälern sind erst so richtig satt dunkelgrün, viel grüner als Wiesen. Aber sie sind es wohl nicht mehr lange, denn gerade wird die Gemüse-Ernte mit großem Einsatz betrieben. Viele Leute, Maschinen, Logistik sind am Werk. Zitrusfrüchte sehe ich noch nirgends, die kommen erst nördlich von Cartagena.

Und da fahre ich wieder durch die Folienwelt zwischen Motril und Almería, hundert Kilometer nur Plastik, so weit das Auge reicht. Unter leicht hellgrau-grünen Planen liegt der ganze mehr oder weniger breite Küstenstreifen vom Meer bis ein Stück die Bergfüße hinauf. Sogar die Nehrung einer kleinen Lagune ist damit überzogen. Manchmal lassen die Planen ein Rechteck frei für ein paar eng aneinander gelehnte Häuser, wenn eine Ortschaft nicht zu vermeiden ist, weil sie schon vorher da war. Auf Straßen fährt man wie durch ein grau-grün im Sonnenlicht glitzerndes, aber völlig unbewegtes Meer. Dabei kann man leicht den Eindruck haben, mit dem Motor stimme etwas nicht, weil so ein seltsamer Geruch in die Nase steigt. Aber das ist nur die Ausdünstung der in der Sonne schmorenden Gewächshausdächer, eventuell auch der Pestizide darunter. Hinter dem flimmernden Plastikmeer steigen die Berge grau-braun auf mit ihren sonnenverbrannten Flanken. Ehrlich, außer Gegenden mit Industriebrachen oder Braunkohletagebau kenne ich in ganz Europa kein Land, das hässlicher wäre. Die echte Wüste, die sich hinter Almería landeinwärts ausbreitet (wo die Western-Filme gedreht wurden) ist daran gemessen interessant und ansehnlich.

Unser Nachbarort Torrox wirbt mit dem Slogan „bestes Klima in ganz Europa“. Muss nicht falsch sein, denn unzählige deutsche und andere Rentner setzen darauf, wohnen hier auf Dauer, und, so weit ich das sehen kann, machen sie alle einen entspannten Eindruck, sogar wenn sie auf Stöcken oder mit Gehwagen unterwegs sind. Zum Milchmüttern suche ich mir am Strand das Café aus, wo die meisten Alten schon sitzen. Da kann man nichts falsch machen. Und siehe da, ein halbes Baguette mit Butter und Marmelade und dazu ein Milchkaffee kosten zusammen 2,70 Euro. Prima Klima, gebe ich zu. Aber es deprimiert mich zunehmend, immer nur unter alten Leuten zu sein. Wo ich wohne sowieso, da sitzen sie in der Sonne oder klönen in Gruppen miteinander. Und sind bester Laune. Die Leute von gestern Abend liegen mir da schon eher, die Engländer, Iren und andere Europäer, mit denen ich Musik gemacht habe. Ich hatte meine Freue an ihnen, und sie hatten ihre Freude an mir. Es war entgegen ihrer sonstigen Blues-Mentalität ein ausgesprochen fröhlicher Abend und trotzdem von musikalischer Klasse. Und dann vergesse ich kurze Zeit, dass ich mich eigentlich in einer gut funktionierenden Selbsthilfegruppe eines Altenheims befinde, die jede Woche zusammen kommt und immer dieselbe Musik macht, wenn nicht gerade ein unpassender Vagabund wie ich da hinein gerät und eine gewisse Gruppendynamik hervorruft. Na klar, ich bin auch alt. Und ich bin gern alt. Es gab in meinem Leben nur wenige kurze Zeiten, in denen es mir ähnlich gut ging wie jetzt schon sehr lange Zeit. Aber ich möchte nicht alt sein unter Alten. Ich möchte arbeitendes Volk. Ich möchte Kinder. Nicht nur angucken von einer Bank aus auf dem Balkon von Europa, sondern mit ihnen zu tun haben. Ich möchte Zukunft spüren, wenn ich auch selbst keine mehr habe. Diesen Mangel macht auch das hiesige Klima nicht wett. Und wer weiß, vielleicht hat in Kürze ja auch Amrum das beste Klima Europas, jedenfalls der Teil, der dann noch rausguckt.

Ich bin es ja gewöhnt, dass mich überall Fremde nach dem Weg fragen. Das passiert mir in jeder deutschen Stadt, aber auch ganz regelmäßig im Ausland – so regelmäßig, dass ich schon Wetten darüber gewonnen habe. Manchmal kann ich den Leuten helfen, oft aber auch nicht, weil ich ja selbst fremd bin. Es haftet mir irgendwie an, dass ich nach dem Weg gefragt werde. Aber bis heute ist es mir noch nie passiert, dass mich in der Fremde sogar die einheimische Polizei zu Rate zieht. Aus purer Langeweile, weil man sich ja täglich auch ordentlich bewegen muss, damit es einem gut geht, bin ich den höchsten Villenberg in unserer Umgebung hochgetapert. Schön gestaltete weiße Häuser, schöne Gärten, viele Blumen, aber keine Menschen zu dieser Jahreszeit. Ich treffe auf dem ganzen Weg nur zwei Maler, die weiße Farbe verteilen. Fast ganz oben angekommen spricht mich aus einer Hausnische plötzlich jemand aus einer Gruppe schwarz gekleideter Menschen an, Polizisten, zwei Männer, zwei Frauen. Sie warten, bis ich den Schreck verdaut habe und fragen mich dann, ob ich Spanisch spräche. Ich biete ihnen Englisch oder Italienisch an. Eine der jungen Frauen spricht nun Englisch mit mir und fragt, ob ich wisse, wo für diese Straße das Haus Nr. 47 sei. Ich muss bedauern und erkläre, dass ich zum ersten Mal auf dieser Straße stünde. Sie wünscht mir einen guten Urlaub, und ich gehe weiter, verlaufe mich nach 50 Metern in einer Sackgasse. Und da ist es, das Haus Nr. 47. Es liegt so unschlüssig am Hang, dass die Zuordnung zu einer bestimmten Straße schwierig ist. Aber die nächstgelegene Gasse kann es nicht sein, denn die endet schon bei Nr. 19. Da ich ja nun sowieso zurück muss, sage ich den Polizisten, dass es dort unten ein Haus Nr. 47 gäbe. Sie bedanken sich höflich und ich gehe weiter hinauf. Auf meinem Rückweg sind die Polizisten weg. Ob sie nun meinem Tipp gefolgt sind oder sich mit dem Gedanken „der Fremde kann das ja gar nicht wissen“ wieder auf den Rückweg gemacht haben – das werde ich wohl nie erfahren.

Also los, gegen den Blues muss man was tun. Ich entschließe mich mutig, im Flussbett nach Frigiliana hoch zu laufen. Müssen ungefähr 10 Kilometer sein, schätze ich. Und der Weg soll schön sein, märchenwaldähnlich. In Spanien?? Mit der Wegbeschreibung im Kopf und dem Rucksack vorm Bauch gehe ich also los. Der Rio Chíllar führt zu meiner Freude Wasser. Hinter der hohen Autobahnbrücke soll ich links in einen anderen Fluss abbiegen. Mache ich auch. Aber der führt kein Wasser. Ich glaube, das finden die Leute gut, denn das Flussbett, in dem ich jetzt laufe, wird auch von Fahrzeugen benutzt, weil man anders an die abgelegenen Gehöfte gar nicht heran kommt. Ja, Gehöfte – von Märchenwald keine Spur. Überall gibt es nur Avocados, Spanisches Rohr und gelben Sauerklee. Auf meinem ganzen Weg, der sehr abgelegen aussieht, habe ich keinen Punkt, von dem nicht Häuser zu sehen wären, entweder Gehöfte unten oder Villen oben an den Felskanten. Das tief eingeschnittene Tal wird immer schmaler. Und schließlich stehe ich unter Frigiliana, das oben auf der Kante weiß leuchtet. Ich tapse in Schlangenlinien den steilen Weg hoch und stehe zu meiner Überraschung völlig ohne Erschöpfungserscheinungen im pittoresken Vorzeige-Dorf Frigiliana, das ich allerdings von früher her schon kenne. Nachdem ich eine der blumengeschmückten Gassen gegangen bin und mir gerade überlege, was ich noch besuchen will, beantwortet der abfahrbereite Bus meine Frage. Und so bin ich über viele Serpentinen in zwanzig Minuten wieder in Nerja.

Am Tag ist richtig Sommer. Wenn die Sonne weg ist, ist Winter. Nun muss ich mich nicht nur morgens anziehen und abends wieder ausziehen, sondern auch noch am Vormittag und späten Nachmittag komplett umziehen. Das ist lästig, besonders für jemanden, der am liebsten immer dieselbe Kleidung trägt, aber ohne kurze Hemden und Hosen geht es acht Stunden lang nicht. Heute bin ich ein wenig durch das bäuerliche Hinterland gefahren. Schlauchhersteller verdienen sich in Spanien eine goldene Nase. Überall wird bewässert. Doch Regen ist nicht in Sicht. Wenn der Sommer kommt und die Talsperren nicht voll geworden sind, wird’s ernst. Die Touristen brauchen viel Wasser. Ein ordentlicher Sommertourist schläft in den Vormittag, duscht die Nacht weg, frühstückt und geht an den Strand (oder den Pool). Wenn die Sonne sich neigt, duscht er den Tag weg, macht sich fein für Dinner und Nachtleben. Wenn er davon nach Hause kommt, duscht er den Rausch weg und geht ins Bett. Und dann geht alles von vorn los. Viel, viel Wasser. Aber noch schlimmer sind die Golfplätze, denn um an der Südküste Europas ohne jeden Dauernebel Englischen Rasen wachsen zu lassen, braucht man viel, viel Wasser. Die Bauern werden wohl die ersten sein, die aufgeben müssen, wenn das Wasser immer mehr ausbleibt. Oder doch die Golfplätze in Boule-Plätze umwandeln?

Malaga hat eine nagelneue U-Bahn mit kurzen Zügen und kurzen Bahnsteigen von der City bis zum Flughafen bekommen. Nur ist sie an beiden Ende noch nicht fertig, erreicht also weder die City noch den Flughafen. Das gibt Gelegenheit, eine Menge zu Fuß zu laufen, was sich in einer Richtung auf jeden Fall lohnt, denn Malagas Innenstadt ist schön. Es gibt eine Menge prächtiger Häuser und vor allem sehr anheimelnde Um-die Ecke-Gassen. Und dann natürlich die Strände. Und eine aufwändige Weihnachtsbeleuchtung, bei der man noch mit dem Abbau der letzten Reste beschäftigt ist. Nur die Haupteinkaufsstraße ziert noch eine bombastische Lichterinstallation. Niemand bastelt an ihr herum, und es gibt trotz aller Pracht auch gar keine Rentiere, Eiskristalle oder andere deplatzierten Weihnachts-Motive. Ach so, das ist gar nicht mehr der vergangene Schmuck von Weihnachten, sondern schon der zukünftige für Karneval! Vieles ist eben doch nicht so, wie es im ersten Moment aussieht. Zum Beispiel auch die Preise. Ja, in der City haben sie mitteleuropäisches Niveau, aber mehr zum Stadtrand hin esse ich trotz Strandnähe für 8 Euro ein vollständiges und gutes Menü einschließlich der Getränke. Und im Wohngebiet-Café kostet ein Stück Kuchen und ein Milchkaffee zusammen 2 Euro – wohlgemerkt: Großstadt in Spanien und nicht Dorf in Portugal. Kleine Preise, kleine Steuereinnahmen, kleine U-Bahn. Aber wovon bezahlen sie den Lichterpomp?

Was in Olhão die Franzosen, sind in Nerja die Schweden – nein, so stimmt das wieder nicht. Die meisten Residenten in Nerja sind nach wie vor Engländer. Und das gefällt uns, die machen mit ihrem Hang zur Geselligkeit immer was her und zögern nicht, uns mit einzubeziehen. Sie nehmen nur reichlich Alkohol zu sich, und man muss wissen, wann man die Party verlässt. Die Frauen gefallen uns beiden besonders. Sie erhalten sich mit Röckchen und langen Haaren ihre Weiblichkeit in ein Alter hinein, in dem bei uns in der Heimat lange Unisex angesagt ist. Aber auch wenn die englische Präsenz ungebrochen ist, holen die Schweden auf. Viele sind mit einem Camper unterwegs. Andere haben Wohnungen. Es gibt einen schwedischen Delikatessenladen in der Stadt. Es gibt schwedische Immobilienfirmen. An Neubauten werden die Wohnungen auf Spanisch, Englisch und – Schwedisch angeboten. Nicht auf Deutsch. Ich verstehe das, weil doch im winterlichen Schweden die Sonne noch nicht einmal aufgeht, geschweige denn scheint. Aber es gibt doch insgesamt nur so wenig Schweden. Ist das Land im Winter bald leer?

In Nerja gehe ich gleich am ersten Abend zum „Dubliner“. Aber den gibt es nicht mehr. Dort residiert jetzt ein italienisches Ristorante. Salka hat die Idee, am nächsten Tag in einen andere irischen Pub zu gehen, weil sie hofft, dort irgendjemanden zu treffen, den wir aus dem Dubliner kennen. Und tatsächlich, sie findet, was sie sucht, und erfährt, dass nun im Fitzgeralds Folksessions stattfinden, nicht mehr sonntags, sondern freitags. Und richtig, dort treffen wir die Musiker, einige, die wir kennen, aber sehr viele, die auch Salka nicht kennt. (Dass ich niemanden kenne, ist ja klar.) Vieles hat sich geändert. Die Iren sind weniger geworden, fast alles sind Engländer. Und sie spielen nicht mehr alle zusammen dideli, dideli, dideli, sondern geben Soli zum Besten, die von den anderen spontan begleitet werden. Einerseits kommt mir das sehr entgegen, da ich selbst ja so gar kein Didelist bin. Andererseits ist die Qualität der Beiträge enorm, und ich muss zusehen, mithalten zu können. Einerseits höre ich fasziniert bei den anderen zu, andererseits muss ich mir während derer Beiträge überlegen, was ich vortragen will, wenn ich wieder an der Reihe bin. Das überfordert mich fast, aber wir kommen insgesamt zu einem vielfältigen, erstaunlichen Musikgenuss.

Am Ostufer des Guadiana fängt Spanien an. Man merkt es, auch wenn man es nicht weiß. Das Land ist öder. Und dabei ist es, abgesehen von den Flächen unter Plastikfolie, zu dieser Zeit schön grün auf den Feldern und in den Olivenplantagen. Auch an den Toiletten merkt man den Staatenwechsel; sie sind wunderbar sauber sogar in der Tankstelle. Die Frau hinterm Tresen spricht mit mir, als wäre ich nicht nur schwerhörig, sondern fast taub. Übrigens kann man die Stimme von Männern und Frauen durchaus unterscheiden, zwar nicht an der Stimmhöhe, sehr wohl aber an dem Klang. Spanier klingen rauher, raspeliger als Spanierinnen. Wir schlafen vor der schönen und historischen Stadt Osuna mitten im Land auf einem sauberen Platz zwischen Hospital und Supermarkt. Es ist Sonntag. Morgens um 9 Uhr bei strahlendem Sonnenschein beginnt ein fünf Minuten anhaltendes Feuerwerk, ohne Bild, nur Ton. Wir können nicht richtig ausmachen, woher es kommt. Der Supermarkt hat heute geschlossen. Das Hospital??

Was in Lagos die Engländer, sind in Olhão die Franzosen. Unmengen ihrer Wagen belegen die riesigen Brachflächen. In den Cafés spricht man französisch, und sogar Jehovas Zeugen missionieren französisch an der Seepromenade. Sehr viel See ist da allerdings nicht an dieser Promenade. Die Ria Formosa ist eine lang gestreckte Lagune über die gesamte Ost-Algarve, durchsetzt mit flachen grünen Inseln wandelbarer Größe, die je nach Gezeiten mehr oder weniger Feuchtgebiete ans Licht bringen und von unzähligen Vögeln besucht werden. All das gleicht so gar nicht der Küste des Barlavento, sondern erscheint heimatlich-norddeutsch – einschließlich der großen Markthallen aus rotem Backstein. Sandstrand gibt es nirgendwo. Aber wenn sich unsere Fähre dann durch die mäandernden Priel-Rinnen gekämpft hat, bis sie nach einer Stunde endlich den Leuchtturm am Horizont erreicht, sehen wir deutlich, warum die Gegend Sand-Algarve heißt. Denn die Barriere hin zum Ozean, die die Lagune begrenzt, ist eine Kette von Sandbänken. Bis hierhin muss kommen, wer einen Strandurlaub in Sinne hat. Wir nicht, denn wir bleiben einfach auf dem Schiff und fahren zurück. Dem Urlaubs-Gefühl, mit dem Olhão uns übergießt, können wir uns trotzdem nicht entziehen. In der Nase den wohlbekannten Geruch von Brackwasser fallen wir in einen Schlenderschritt, genießen Wärme und Sonne und wehren uns nicht gegen die französischen Preise für die französischen Leckereien in den Promenaden-Cafés.

Den Auftritt der Sternsinger-Gruppen, die sich traditionell in der Kirche São Sebastião treffen, nachdem sie durch die Stadt gezogen sind, dürfen wir nicht verpassen, denn etwas Einheimischeres wird in Lagos nicht geboten. In der gut besetzten Kirche sind wir die einzigen Deutschen, ja möglicherweise auch die einzigen Ausländer überhaupt. Zwei Stunden lang tritt eine Gruppe nach der anderen auf, singt einfache Lieder, begleitet von Akkordeon und Trommel. Hin und wieder sind auch andere Instrumente dabei. Alte und Junge machen da mit, manchmal verkleidet in Trachten vom vorvorigen Jahrhundert. Ein Vorsänger singt eine Strophe, die anderen singen sie nach. Manche Lieder haben mehr als 40 Strophen. Das erfordert von uns schon eine Menge Geduld. Aber das Wiedererkennen etlicher Menschen, die wir aus der Gemeinde oder dem städtischen Chor kennen und die nun verstreut über die Gruppen mitmachen, oder auch die schrägen Trachten lassen am Ende keine Langeweile aufkommen.

Rodrigo Leão ist eine Größe in Portugal. Kein Wunder, dass sein Konzert seit langem ausverkauft ist. Wir kommen von einem Tagesausflug aus Portimão gerade vom Bahnhof, haben Salka auf dem Weg noch ein Paar Schuhe gekauft und geraten in das Gewusel der fein gemachten Besucher vor dem Konzertsaal, als wir plötzlich die Eingebung haben, an der Kasse doch einmal nachzufragen, ob Karten zurück gegeben wurden. Und tatsächlich, die freundliche Frau, die uns schon kennt, hat zwei Karten! Das Konzert beginnt in fünf Minuten. Außer den neuen Schuhen können wir äußerlich nun nichts mehr machen, aber innerlich schalten wir blitzschnell um von Wandern in Kultur. Mit Rucksack und Einkaufstaschen, aber würdigen Gesichtern, nehmen wir unsere Plätze ein. So, wie es aussieht, hat Senhor Leão so ungefähr das Alter von Signore Einaudi, und im weitesten Sinne macht er auch ähnliche Musik („Neo-Klassik“ ??). Aber er musiziert nicht allein, sondern ist nur der Komponist und spielt zusammen mit vier jungen Musikern, die je nach Bedarf zehn unterschiedliche Instrumente bedienen. Niemand spielt oder singt besonders virtuos, aber das Zusammenspiel verlangt eine unglaubliche Präzision in der zeitlichen Abfolge. Wie man im Programm lesen kann, verfolgt Leão das Ziel, volkstümlicher zu werden. Seine Stücke sind daher diesmal auch nicht viel länger als gewöhnliche Popsongs. Und er lässt sich bei einigen der vorgetragenen Werke vom lokalen Jugendchor aus Lagos unterstützen. Da hat Vera ihren großen Auftritt! Der Chor meistert diese ungewöhnliche Aufgabe durchaus, und wir schweben am Ende nach diesem langen und aufregenden Tag beseelt nach Hause.

Man hat in Lagos wohl erkannt, dass man nicht nur für die Touristen, sondern auch für die eigenen Leute etwas tun muss. Der Jahreswechsel ist umsonst und draußen. Eine riesige Bühne wurde aufgebaut, ein namhafter Unterhalter und wohlbekannte Musiker wurden verpflichtet. Die bunten Springbrunnen wurden abgeschaltet und die Eisbahn rechtzeitig wieder beseitigt, so dass ein großer Platz entsteht, auf dem kostenlos mitfeiern kann, wer immer auch will. Und es gibt ein Feuerwerk um Mitternacht. Solch einen Aufwand haben wir in Lagos noch nie erlebt. Nur – so schön das alles ist, ich habe in meinem Alter einfach keine Lust mehr, die ganze Nacht in der Kälte auf den Beinen zu sein bei lauter Jugendmusik. Nein, wir feiern halb so laut, aber warm und lustig wie immer im großen Saal der Adega, zusammen mit wenigen Engländern, aber vielen portugiesischen Familien. Wir bekommen viele Gänge eines einfachen, aber feinen Essens. Die Sängerin und ihr Musiker heizen uns stundenlang ohne Pause spanisch ein (portugiesische Lieder sind zu traurig!) und wir tanzen zwischen und nach allen Gängen, während uns Kinder um die Füße laufen. Nach Mitternacht tanzen die Kellner mit, aber bis auch das Küchenpersonal ausgelassen mitmacht, warten wir in diesem Jahr nicht ab. Wie gesagt, man wird ja nicht jünger. Wir müssen ins Bett.

Nun waren wir schon so oft in Lagos, aber die ca. zwanzig Anbieter von Touristen-Bootsfahrten um die Küste herum haben wir immer ignoriert. Die prachtvolle Felsenküste ist ja auch von oben betrachtet spektakulär genug. Aber in diesem Jahr haben wir uns vorgenommen, noch eins draufzusetzen und sie von der Wasserseite zu sehen. Bei strahlendem Sonnenschein macht uns gleich der erste Bootsführer, an dessen Stand wir vorbei kommen, ein gutes Angebot. Und er sieht nett und erfahren aus. Wann er denn abfährt, fragen wir. Sofort, meint er und zeigt auf ein winziges Boot unten an der Wassertreppe, das ich völlig übersehen habe. Wir fahren also nicht mit einem dieser kleinen Wasserbusse voller Touristen, sondern ganz privat in einem Plastik-Motorboot für maximal vier Personen. Das ist doch prima! Wir legen also die Rettungswesten an, und es geht los. Kaum sind wir aus dem Hafen heraus, sitzen wir unvermittelt in einer nassen Achterbahn. Die Wellen sind so hoch, dass unser winziges Boot jeweils mit lautem Klatsch vom Wellenkamm ins Wellental kracht, bevor die Nächste Welle es hoch hebt. Ich sehe, dass der Bootsführer die Wellen im möglichst günstigen Winkel nimmt und bleibe gelassen, so gut es geht. Auch Salka hält sich tapfer. Die Rettungswesten nützen uns sehr, um uns vor der aufsprühenden Gischt zu schützen. Es wird also alles andere als ein gemütlicher Bootsausflug! Aber der Blick auf die Felsen, die wir