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Liebe Besucher,

seit ich mich aus dem berufllichen und politischen Leben zurückgezogen habe,  bin ich nicht mehr so leicht erreichbar wie früher. Aus diesem Grunde habe ich diese Website eingerichtet mit zwei Zielen:

1. Unsere privaten Freunde sollen wissen, wo wir sind und was abgeht. Dazu gibt es das Fach "Neuigkeiten".

2. Meine früheren Mitstreiter aus meinen unterschiedlichen Arbeitsbereichen sollen nach wie vor die Möglichkeit haben, auf das Archiv meiner Ausarbeitungen zurückzugreifen, ohne dass ich in Zukunft selbst aktiv werden muss. Dass es komplizierter ist, auf den Seiten genau das zu finden, was man sucht, ist durchaus beabsichtigt, weil Zufallssurfer so abgeschreckt werden. Aber Interessierte, die wissen, was sie suchen, die finden es auch.

 

Wer interne Nachrichten auf "Klausur" ansehen möchte, müsste sich per eMail bei mir ein Passwort abholen.


 

Hier also die Neuigkeiten:

 

Inzwischen sind wir beim schönstem Frühlingswetter wieder zu Hause angekommen.

 

Palmsonntag in Altafulla – das hatten wir doch schon einmal! Also setzen wir uns eine halbe Stunde vor der Messe erwartungsvoll auf eine Bank vor der Kirche. Und sie kommen, die Familien mit ihren Kindern, und füllen langsam den Kirchplatz. Die Erwachsenen halten einfache grüne Zweige in den Händen, die Kinder aber, wenn sie nicht aus recht armen Familien kommen, natürlich Zweige der weißen Palme von Elx. Und da wird aufgetrumpft. Welcher Junge hat den größten Palmwedel? Welches Mädchen hat den am aufwändigsten geflochtenen? An welchem hängen die meisten Geschenke? Väter brüsten sich mit ihren Söhnen, Mütter lassen sich endlos mit ihren Töchtern fotografieren. Und dann kommt der Pastor in rot-weißem Kleid und erklimmt das für ihn aufgebaute Podest. Dort spricht er salbungsvoll einige Worte und besprengt die hoch gehaltenen Zweige mit Weihwasser. Dann wendet er sich und schreitet den anderen voran zur Messe in die Kirche. Aber die meisten Familien folgen ihm gar nicht, sondern machen weitere Fotos, plaudern und gehen schließlich nach Hause. Und da ich kein Katalan spreche, werde ich auch diesmal nicht erfahren, was mit den hübschen und teuren Palmzweigen geschieht, wenn die Kinder die daran hängenden Süßigkeiten aufgegessen haben . . . wahrscheinlich geht es ihnen genauso wie den Weihnachtsbäumen bei uns.

Ich muss etwas gegen Salkas Spanien-Koller tun. Der weite Sandstrand in Alicante und die Fahrt mit der Straßenbahn hat ihr schon recht gut getan. Und nun fahre ich sie nach El Saler. Das ist ein winziger Ort zwischen Etang und Meer, an dem wir auch früher schon waren. Der Wind zaust die Wellen, hinterm Strand türmen sich Dünen auf, hinter denen wiederum ein lockerer Kiefernwald viel Unterholz gedeihen lässt. „Wie an der Ostsee!“ stellt Salka fest und besteht darauf, die Wanderwege entlang zu spazieren bis zu der großen Schule, dem größten Gebäude des winzigen Ortes, vor dem ein halbes Dutzend Busse und eine Meute Mami-Taxis auf die Kinder warten. Zurück am Strand blicken wir in der Ferne auf die Containerbrücken und die skurrilen Hochhäuser von Valencia. Und danach erwartet uns Katalonien mit sprießenden Wäldern, grünen Wiesen und blühenden Rapsfeldern. So etwas wird den Koller endgültig besiegen.

Salka schrammt heute knapp am Spanien-Koller vorbei. Die fehlende Anregung macht ihr zu schaffen. Ja, Spanien ist – abgesehen vom äußersten Norden – kein schönes Land, sondern mehr oder weniger öde, landschaftlich und kulturell. Hier an der Costa Blanca gibt es massenhaft schöne Strände, dahinter hässliche, leere Bettenburgen, dahinter ödes Land. Volkskultur gibt es auch, ja, aber die Feste sind vor allem grell und laut. Es wird immer heftig auf die Pauke gehauen, feineres findet kaum statt. In den Kirchen wird zum Gottesdienst die Messe nur GELESEN, außer diesen rituellen Worten gibt es keine Orgel, keinen Chor, kein Café, nichts. Kirchenglocken werden fest an einen waagerechten, sich drehenden Stab montiert, was ein grässliches Geräusch erzeugt wie Brand- oder Seuchenalarm. Aber andererseits bietet Spanien auch sichere Vorzüge. Die Ostküste hat eindeutig das wärmste und gesündeste Winterwetter Europas. Was man als Tourist auch immer braucht, ist sauber und ordentlich – besser als in Deutschland und viel besser als in Frankreich oder Italien. Und das Verhältnis von Preis und Leistung ist unschlagbar.

Freiwillig wären wir nicht nach Horror Pilawa gefahren, aber unser Vagabunden-Kollege HP, mit dem wir schon auf Sizilien, in Portugal, Spanien, Frankreich und der Schweiz, ja auch in Hamburg und Schöneiche bei Berlin viel erlebt haben, hat sich das Bein gebrochen. Zum Glück und auch unserer Freude geht es ihm schon viel besser, als wir ihn besuchen kommen. Er bewohnt als Schweizer Privatpatient, ob er es nun will oder nicht, braucht oder nicht, eine Art Suite im Krankenhaus. Dazu gehört das Einzelzimmer mit Krankenbett und Bad, daneben aber auch ein weiteres Zimmer mit Schlafcouch, Sessel, Sitzgruppe, Tischen und Kleiderschrank und sogar ein zweites Bad für Gäste. Er kann also Tag und Nacht Gäste haben, die bei ihm wohnen. Einen solchen Komfort habe ich selbst noch nie gesehen. Und trotzdem freut sich seine Schweizer Krankenkasse, die das alles bezahlt, denn sie spart deutlich gegenüber einem nur einfachen Krankenhausaufenthalt in der teuren Schweiz.

Wenn schon beim Chinesen essen, dann auch beim beim besten, meint Joli. Also fahren wir mit ihr nach Guardamar. Wie gut, dass sie einen Tisch bestellt hat, denn am Samstagabend ist das Restaurant gut besucht von Nordländern aller Art. Die Kellnerin ist lustig und radebrecht in vier Sprachen. Wir bestellen das Standardmenü. Sie bringt uns ein Getränk nach Wahl und dann die Vorspeise, die Hauptspeise und den Nachtisch jeweils nach eigener Wahl. Noch nie habe ich in besserer Qualität chinesisch gegessen. Die Zutaten sind hervorragend, die Zubereitung ist es auch. Und am Ende kostet das gesamte Menü 8 Euro 50.

 

Morgen sollen die großen Falla-Figuren in Denia aufgebaut werden, aber ein Tag ist viel zu wenig Zeit. Deshalb fangen sie heute schon an und arbeiten bis in die Nacht. Bei jedem der zehn Vereine der Stadt haben Sattelschlepper die großen, kunstvollen Teile, die angeblich aus Pappmaché sind, herbei geschafft. Ein großer Telekran und eine sehr hohe Hebebühne sind bei jedem Aufbau unentbehrlich. Man braucht viele, viele Stunden, um die empfindlichen Teile so aufeinander zu türmen und miteinander zu verbinden, dass die gesamte Figur hinterher wie aus einem Guss aussieht. Ich fasse es nach wie vor nicht, dass die über ein Jahr mit viel Mühe hergestellten Figuren nach drei Tagen einfach nur verbrannt werden. Nachdem die Falla im Großen und Ganzen steht, als eine Art Richtfest, werden dann die Beteiligten mit – wahrscheinlich – Dankeshymnen besungen in einem dem Psalmodieren ähnlichen Singsang, bei dem den Sängern laufend ins Ohr geflüstert wird, was sie singen sollen. Schalmei, Trommel und viel Beifall runden die Zeremonie ab. Touristen werden in das ganze Geschehen in keiner Weise einbezogen, sondern die einheimischen Falla-Vereine machen alles nur für sich selbst.

 

Beim Bummel über die Promenade fällt uns ein Schild auf: Jeden Tag Tanz von 5 bis 9 Uhr. Eine Art Tanztee für alte Leute? Eigentlich genau nach unserem Geschmack, denn in meinem Alter bin ich abends meistens müde. Also kommen wir nachmittags wieder. Und wirklich: Das Restaurant füllt sich immer mehr mit älteren Leuten, die zu der Musik des Alleinunterhalters tanzen wollen. Nur sind es entgegen unserer Erwartung nicht etwa die Engländer, Deutschen und Holländer, die Benidorm zu Massen bevölkern, sondern ausschließlich spanische Rentner, unter die wir geraten sind, unter denen ich sogar schon zu den Mittelgroßen gehöre. Sie stecken in Bügelfalten und Kleidchen, sind ansehnlich und beweglich. Dass sie sich wenig bewegen, liegt mehr an der für uns etwas langweiligen Musik. Die hat fast immer dasselbe Foxtrott-Tempo, besteht aus vielen uns unbekannten spanischen Schlagern, die die Tanzenden auswendig mitsingen, nur selten aus internationalen Songs. Aber es macht trotzdem Spaß. Während ich versuche, Salka über die volle Tanzfläche zu schieben, haben wir durch die gläserne Front des Restaurants einen herrlichen Blick auf den Strand, das Meer, die roten Wolken beim Sonnenuntergang, die aufflammende Prachtbeleuchtung der Promenade. Nach zwei Stunden haben wir genug, schnappen unsere Fahrräder und machen uns auf den Heimweg.

 

Salka wird es zu langweilig in Denia. Wir machen einen kleinen Ausflug in die Großstadt: Benidorm. Im Verkehr schon am ersten Kreisel nach der Einfahrt in die Stadt komme ich mir vor wie in Berlin. Laut Wikipedia soll Benidorm die größte Hochhausdichte der Welt haben und rund 65000 bis 1,5 Millionen Einwohner je nach Saison. Die Fußgängerzonen und die Strandpromenaden sind auch jetzt im März voller Menschen. Es macht Spaß, die beiden Strände mit dem Fahrrad abzufahren, denn Benidorm hat ein ausgedehntes und schnell befahrbares Radnetz. Allenthalben werden dreirädrige Elektroroller vermietet, mit denen nicht nur die unzähligen Greise fahren, sondern auch unbehinderte Residenten, denen das Laufen über die langen Strecken zu mühsam ist. Mit Freude stellt Salka fest, dass es auch Zweisitzer gibt. Sie könnte mich fahren lassen und derweil die Gegend betrachten. Die Hochhäuser sind nicht wie andere Bettenburgen einfach nur lieblos aufgereiht, sondern recht witzig in ihrer Vielfalt. Salka gefällt die Stadt, die das ganze Jahr brummt. Man kann viel Geld ausgeben, muss es aber nicht, denn es gibt auch sehr billige Angebote in etlichen Restaurants, sogar an der Promenade. Das wiederum gefällt mir.

 

Jeden Monat bekommt Salka eine Einladung von „Rockin' Bill & Jivin' June“ zum Rock'n Roll-Abend, nur weil wir vor drei Jahren einmal daran teilgenommen haben. Wir sitzen dann in Bergedorf oder sonstwo und bedauern, nicht mitmachen zu können. Aber ohne dass wir es wollten sind wir wieder in Denia, und wir nehmen die Einladung sofort an. Es ist, als sei die Zeit stehen geblieben. June, noch etliches älter als ich, in Petticoat und Kleidchen gehüllt, begrüßt uns freundlich. Sie hat 84 Namenskärtchen ausgelegt und führt uns zu unserem Platz. Langsam füllt sich der Saal mit älteren Leuten, die weitaus meisten Engländer, aber auch andere Nordeuropäer dabei. Für 14 Euro gibt es erst einmal ein 4-Gänge-Menü ganz nach unserem Geschmack: Nicht zu viel, aber sehr lecker. Leider fällt uns die Unterhaltung mit den Engländern sehr schwer, weil die nicht solch ein Englisch sprechen, wie wir es gelernt haben. Und nach dem Menü wird getanzt, klar. Ein junger Mann mit Gitarre, Mikrofon und Herbert heizt uns ein. Manche, aber die wenigsten, können richtig Rock'n Roll tanzen. Aber alle tanzen viel und wild. Die Leute hier wissen schon, wie man alt wird: Denias Schonklima und viel Bewegung!

 

Der Mai ist zwar nicht gekommen, aber die Bäume schlagen aus! Außer den Immergrünen gibt es in Denia auch eine Menge, die ihr Laub abgeworfen haben und nun in den warmen Tagen fleißig neu austreiben. Auch die im Süden allgegenwärtigen gelben Glöckchen mit ihren Kleeblättern auf Wegesrand und Brachland sorgen für Frühlingsstimmung – ich könnte noch weiter darin schwelgen, aber man will mich von meinem Platz in der Bibliothek vertreiben. Hier arbeiten praktisch nur Frauen, und heute ist der Weltfrauentag, und sie meinen, es sei üblich, die Arbeit nieder zu legen. Ich muss mich beeilen. Das Licht ist schon aus, und ich befürchte, dass sie mir auch den S

Bei Frauen soll es ja hin und wieder vorkommen, dass sie „nichts anzuziehen“ haben. In Bezug auf unsere Einladung zum Rock'n-Roll-Abend mag das sogar stimmen. Auf Denia haben wir uns ja nicht vorbereiten können. Also geht Salka schoppen. Allein. Nach einer Weile sehe ich sie schon von Weitem auf mich zu schweben in ihrem bunten Mäntelchen und mit mehreren großen, vornehm aussehenden Papiertüten überm Arm. Fröhlich erklärt sie mir, ja, sie habe sich einen schwingenden Rock gekauft, genau den, den sie schon im Auge gehabt habe, und dann wäre ihr aufgefallen, dass sie dazu keine passenden Schuhe habe, und dann habe sie auch noch Schuhe gekauft . . . Sie packt ihre Schätze aus. Noch nicht einmal 50 Euro hat sie für alles ausgegeben. Von der Seite liebe ich Spanien. Und von allen Seiten meine Frau.

Sie begrüßen uns fröhlich und drücken uns erst einmal die Klingelbeutel in die Hand, damit wir die Kollekte einsammeln, wenn es an der Zeit ist. Uns ist diese lutherische Gemeinde durchaus bekannt, und es gibt auch einige Residenten, die uns noch kennen, aber der Pastor hat gewechselt und viele andere Menschen sind uns auch neu. Deshalb verwundert es mich, dass man uns gleich das Geld anvertraut. Der Pastor ist heute ohnehin nur der Techniker, der den Beamer und die Musik vom Computer aus steuert. Denn es handelt sich ja um den Weltgebetstag der Frauen, also sind es die Frauen, die den Gottesdienst gestalten. Wir lernen von ihnen eine Menge über das kleine Land Surinam im Norden von Südamerika, über die Landschaft, die Wirtschaft und etliche Frauen, die dort leben und deren Vorfahren aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt kamen. Es ist einer der informativsten Gottesdienste, an die ich mich jemals erinnern kann. Und die Sache mit der Kollekte erledigen wir dann auch noch zu aller Zufriedenheit.

Ungeplant nach Spanien! Die Straßenkarte, das Wörterbuch, die Stadtpläne unserer Lieblingsorte – all das haben wir für Frankreich und Italien mitgenommen, nicht aber für Spanien, und ich bin einmal mehr auf die Pläne in meinem Kopf angewiesen. Die Gipfel der Pyrenäen gleißen in Weiß, aber der Pass ist völlig schneefrei, und auf der Südflanke des Grenzgebirges ist die Welt anders! Nein, es ist nicht die sommerliche Wärme, die mich überrascht – und auch nur wenige Tage anhalten soll – sondern es sind die satt grünen Felder, eine Farbe, die ich wohl lange vermisste. Ich war nur auf der Suche nach Sonne und Wärme und habe gar nicht gewusst, wie sehr „mein Herz nach grüner Farb verlangt“, nicht nach dem grau-grünen Immergrün, sondern nach der Frische neu ausgetriebener Blätter im Frühling.

Heute scheint die Sonne. Draußen und in uns. Denn heute erreicht uns die Nachricht, dass unser 11. Enkel geboren wurde. Allen geht es gut, deshalb auch uns!

Wo bleibt die für heute angesagte Sonne? Der Himmel ist bedeckt, und im Bus will es nicht warm werden. Was hilft es, aufstehen muss ich irgendwann trotzdem. Und während ich das Frühstück mache, trifft uns der Schock: Draußen fängt es an zu schneien! Große dicke Flocken fallen immer dichter und versehen zuerst die Boote und die Autos, dann aber auch die Straße mit einen weißen Überzug. Ja, der Schnee bleibt liegen. Wir fassen es nicht. Nach dem Frühstück und dem Aufräumen retten wir uns hinüber in die Bibliothek, in der es Strom, Internet, Kaffee und Kekse gibt, aber vor allem eine Heizung. Nach zwei Stunden hört das Schneien auf, die Sonne kommt, und bei klarem Himmel wird unser Bus wieder aufgewärmt. Auch wenn der Rest des Tages dann nett und freundlich ist, wird uns klar: Hier können wir nicht bleiben. Denn wir wissen aus dem Internet, dass es an der Côte d'Azur und erst recht an der Riviera noch viel, viel kälter ist und wird. Die Kälte kommt aus dem Nordosten. Also müssen die Nomaden nach Südwesten ziehen. Ob sie nun wollen oder nicht. Andere nennen das wohl Plan B.

Der Frühstückstisch sieht wunderbar einladend aus! Wir haben gerade unsere Fahrräder auf der Terrasse abgestellt, unser Gastgeschenk überreicht, erste Worte gewechselt, da passiert es: Salka zieht sich einen heftigen Splitter in den Finger. Das tut weh, und der Splitter muss raus. Ich bitte die Hausfrau um eine Nähnadel, hole mein kleines Schweizer Taschenmesser heraus, aber da sagt der Hausherr: „Ich mache das. Ich bin ja Arzt.“ Ich schlucke still. Ich weiß ja, dass er Arzt ist, aber er beschäftigt sich ausschließlich mit medizinischer Spitzenforschung und ist in den letzten Vorbereitungen zum Aufbruch in die USA, wo er die größten Computer dafür nutzen kann. Doch Salka hat Vertrauen zu ihm, und ich will mich vorerst nicht einmischen. Das Frühstück wird beiseite geschoben, um für die Operation Platz zu schaffen. Medizinisches Gerät gibt es nicht, aber eine Menge Desinfektionsmittel und Verbandszeug. Und dann staune ich: Der Mediziner macht es genauso, wie ich es zu machen pflege. Mit einer Nähnadel und dem kleinen Schweizer Taschenmesser muss er die Haut etwas öffnen, um an den Splitter heran zu kommen. Die Hausherrin assistiert mit einer Handy-Lampe und ich halte Salka fest. Ich weiß aus langer Erfahrung, wie mühsam die Suche nach einem senkrecht eingefahrenen Splitter sein kann. Immer mehr kommt hinter dem Wissenschaftler der konzentrierte und feinfühlige Chirurg – und schließlich auch der 4 Millimeter lange Dorn an der feinen Schweizer Pinzette hervor. Salkas Schmerz ist sofort dahin. Ich darf noch den Fingerkuppenverband anlegen, und wir können uns endlich mit großem Appetit über das Frühstück hermachen.

Salka findet ein Plakat, auf dem zu einer Valentins-Tanzveranstaltung aufgerufen wird. Auch wenn wir den Valentinstag eigentlich ignorieren, so wissen wir doch nicht, wann wir das nächste Mal eine Gelegenheit zum Tanzen haben werden, und deshalb beschließen wir, da hin zu gehen, auch wenn wir im Dunkeln etwas weiter durch einen unbekannten Stadtteil laufen müssen. Als wir dort ankommen, sieht man uns erstaunt an: Die Veranstaltung wäre doch schon seit langem völlig ausverkauft! Aber so schnell wollen wir nicht aufgeben, und fragen direkt noch einmal bei den Damen nach, die die vorbestellten Karten verwalten und austeilen, und siehe da, zwei Karten wurden wohl nicht abgeholt. Wir bekommen sie und bereuen es nicht, schon, als wir unsere Plätze einnehmen. Der mit roten Herzen dekorierte Saal ist groß, zu 90 Prozent mit Rentnern gefüllt, es gibt eine Band, die zwar keine gute, aber doch tanzbare Musik macht, und preiswerte Getränke. Ob wir unter 300 Franzosen als einzige Ausländer auffallen, wissen wir nicht, denn die Menschen sind hauptsächlich mit Tanzen beschäftigt, genau wie wir. Sie machen allesamt einen fröhlichen und sehr entspannten Eindruck, sind nett angezogen, aber keineswegs aufgedonnert wie die Italiener, und sehen sportlich aus, denn dicke Menschen gibt es hier so gut wie gar nicht. Man isst in Südfrankreich ja auch gern und gut, aber nie viel. Wir reden mit niemandem, wie auch, wir tanzen. Nur dann, wenn der ganze Saal sich entschließt, bei gewissen Tänzen lange Reihen zu bilden, können wir nur zusehen, denn diese Schrittfolge lernen wir nicht so schnell, obwohl sie sehr einfach und sich ständig wiederholend scheinen. Denn so gern wir auch tanzen, wir sind dabei ja nun nicht gerade die Begabtesten, was hier weder uns noch andere stört.

Olivenöl liebe ich. Nicht zur zum Braten oder Salat, sondern auch zur Pflege der Tischplatte oder meiner Haut. Aber pur geschlürft habe ich es bislang noch nie. Doch jetzt ist es so weit. Der Olivenöl-Professor bittet uns 12 Personen, die um den langen Tisch in diesem schön gelegenen privaten Künstlerhaus sitzen, um eine persönliche Verkostung, vor allem, um den Unterschied zwischen hervorragendem Öl aus grünen, reifen oder schwarzen (fermentierten) Oliven zu riechen und zu schmecken. Er macht es uns vor: das Öl in den Mund, darin sorgfältig überall verteilen, dann durch den spitzen Mund vorsichtig Luft einatmen und durch die Nase langsam wieder aus. Wie alle anderen in der Runde halte ich ihm meinen Teelöffel hin und verfahre dann wie angewiesen. Was ich dabei bemerken soll, ist einem Nordlicht wie mir nicht so ganz klar, aber das behalte ich für mich. Beim Herunterschlucken des Öls gibt es dann doch eine Überraschung: es schmeckt hinten im Hals richtig scharf, wie gepfeffert, besonders das grüne. Der Professor selbst schluckt das Öl gar nicht hinunter, sondern spuckt es nach Verkostung in einen der bereit gestellten Spucknäpfe. Aber wir anderen alle verfahren nicht so, und das wird wohl daran liegen, dass wir bei dem langen voran gegangenen Vortrag langsam recht hungrig geworden sind, und, als hätte das Öl selbst eine aufmunternde Droge zum Inhalt, fangen wir alle an, uns in der ausgesprochen angenehmen Runde zu unterhalten und zu scherzen. Die meisten dieser Menschen sehen wir hier zum ersten Mal; sie sind in der Bandbreite unseres eigenen Alters, allesamt von hoher Bildung, sehr aufgeschlossen, freundlich und entspannt. Es ist selbstverständlich, dass sie Englisch verstehen, und einige sprechen es auch. Meine bisherigen Erfahrungen mit Südfranzosen muss ich wieder einmal gründlich revidieren. Und dann geht es endlich zum Büfett! Es ist ein Mitbring-Büfett wie in unserem Garten, bei dem jeder etwas beisteuert. Da wir ja keine Küche haben, hat Salka in einem Delikatessenladen mit sicherem Griff Salat gekauft und mich angewiesen, Eier hart zu kochen, die sie jetzt obenauf dekorativ drapiert. Wir sind glücklich, wie sehr unser Beitrag zu dem Büfett passt, und als wir uns von diesem privaten Bildungstreffen verabschieden, haben wir das Gefühl, neue Bande geknüpft zu haben.

Marseille ist nicht nur die Hauptstadt der Provence, nein, Marseille ist Provinz. Salkas Zug soll erst kurz vor 22 Uhr in den Bahnhof einrollen, also gehe ich noch in die größte Mall der City, um mich aufzuwärmen und etwas zu essen. Aber nein, die schließt ihre Tore um halb acht! Alle Läden in der Stadt machen zu. Für ein Restaurant habe ich jetzt keinen Nerv. Nach langem Suchen finde ich wenigstens einen McDo, der so leer ist, dass man Zeit hat, mir das komplizierte elektronische Bestellsystem zu erklären. Dankbar esse ich Abendbrot. Dann zum Bahnhof. Er ist von außen prachtvoll und innen voller Läden, Bars und Restauration. Aber denkste! Auch hier ist alles tot. Von Salka habe ich die Nachricht, dass ihr Zug einen Umweg fahren muss und mehr als eine Stunde Verspätung haben wird. Ich setze mich in den geheizten Wartesaal. Aber kaum sitze ich, wird er geschlossen. Alle müssen raus. Und wieder einmal ist der einzige noch offene Laden ein McDo. Wie andere Wartende auch setze ich mich dort hinein. Es ist kalt und zugig, aber nicht wegen der Züge. Denn die ruhen auch so gut wie alle. In dieser trostlosen Situation empfängt mein Ohr plötzlich Musik. Ich gehe dem nach, und siehe da, in der großen Bahnhofshalle, direkt neben dem Gleis, an dem Salka ankommen soll, steht ein Klavier für jedermann zur Benutzung. Ein künstlerisch gekleideter Mann sitzt davor und spielt Barmusik. Einmal wird er von einer jungen Frau abgelöst, die etwas Klassisches spielt. Dann wieder er. Welch ein Lichtblick in dieser trüben Ödnis, während sich der TGV aus Frankfurt jetzt wieder mit über 300 km pro Stunde nähert – und schließlich auch ankommt. Salka ist da, und wir gehen guter Dinge durch die prächtigen, aber nächtlich leeren Straßen nach Hause.

Nächsten Sonntag wird der Pastor nicht da sein. Die evangelische Gemeinde ist zu klein, um einen eigenen Pastor nur für sich allein zu haben. Die ehrenamtliche Organistin wird ihn vertreten, und deshalb wird sie nicht Orgel spielen. Warum nicht, bleibt mir ein Rätsel, denn der Abstand zwischen Altar und Orgel beträgt ca. 4 Meter. Georges hat eine Idee: Er spiele Geige, und ich solle ihn auf der Gitarre begleiten, einfache Stücke von Händel oder Bach. O, wie muss ich ihn bremsen! Ich kann ja gar nicht Gitarre spielen, nur singen und dazu ein paar Akkorde, mehr nicht. Aber er ist begeistert von der Idee, und ich sage zu, wenigstens einige Kirchenlieder zu begleiten, wenn er mir die Noten schickt. Also bekomme ich eine eMail mit den gescanten Noten. Einen Drucker habe ich im Minibus nicht, aber Notenpapier und Klavier habe ich immer dabei. So schreibe ich die Noten ab, übersetze die Akkorde von do-re-mi usw. auf c-d-e usw. oder lese sie aus dem vierstimmigen Satz heraus. Der Rest ist dann eine Kleinigkeit. Solange Salka nicht hier ist, habe ich ja sowieso nichts zu tun. Dann kommt ein Anruf von Georges: Er hat Musiker gefunden, die uns helfen, einen Orgellehrer und eine Sopranistin, beide Profis, und mit denen spielen wir zu viert. Am Sonntag bringe ich zwar brav meine Gitarre mit, aber mir ist klar, dass das alles überhaupt nicht zusammen passen wird – und auch gar nicht nötig ist. Und genauso kommt es. Wir hören eine für diese kleine Gemeinde sagenhafte Musik mit Orgel, Geige und Gesang, und ich steure nur das bei, was ich wirklich kann: Kirchenlieder singen.

Modernes Frankreich II: Der Bahnhof ist nach wie vor in Betrieb. Aber es gibt nichts außer Bahnsteigen und Regenhäuschen, noch nicht einmal einen Fahrplan. Ich gehe zum Rathaus. Ich gehe immer zum Rathaus, wenn ich Rat brauche, z.B. ein Klo oder eine Wegweisung, und meisten bekomme ich auch guten Rat, und der ist noch nicht einmal teuer. Vorsichtshalber gucke ich erst einmal in den Schaukasten, der draußen angebracht ist. Verschiedene Termine und Hinweise, aber garantiert kein Fahrplan für irgendwas. Ich also rein und stammle etwas von Bahnhof, Zügen und Plänen, erkläre auch gleich, dass ich kein Französisch spreche. Die Zeiten, in denen ich von jedem Franzosen ab diesem Moment als nicht existent betrachtet wurde, sind Jahrzehnte vorbei. Heute begegnet einem eher der Gesichtsausdruck, als erinnerte man sich daran, dass es auch auswärtige Menschen gibt. In einem Ort, der höchstens wenige Tausend Einwohner hat, sieht man ohnehin sofort, wer fremd ist. Warum am Empfangstresen eines französischen Rathauses immer gleich zwei bis drei Damen mittleren Alters sitzen, die sich alle zusammen und gleichzeitig mit mir beschäftigen, muss ich nicht wissen, denn mir nützt es meistens. Während also die eine mir vorsichtshalber erklärt, dass sie für die französische Bahn weder zuständig noch verantwortlich sei, sucht die andere im Nebenzimmer und die dritte telefoniert, um ihrerseits Rat zu holen. Zum Leidwesen aller scheitert der Versuch, mir einen Plan in die Hand zu drücken, aber einen Plan B, den haben sie. Eine der Damen bedeutet mir, ich solle ihr bitte folgen, während sie nach draußen zu dem Schaukasten geht. Dass ich mir den auch schon selbst vergeblich angesehen habe, kann ich ihr mangels Sprachkenntnissen nicht sagen. Und das ist auch gut so. Denn unten an dem Schaukasten habe ich die zwei blanken Knöpfe ganz übersehen. Auf einen drückt die Dame nun, und zu meiner völligen Verblüffung beginnt der Inhalt des Schaukastens, zu scrollen, so ähnlich wie in Deutschland Reklameschilder, in denen verschiedene Werbung nacheinander auf- und abgerollt werden. Immer neue Hinweiszettel aller Art tauchen jetzt unten auf und verschwinden oben wieder. Und schließlich – siehe da! – ein Fahrplan für den hiesigen Bahnhof. Man muss den Knopf jetzt nur loslassen. Die Stadtbeamtin freut sich offensichtlich viel mehr über meine Verblüffung ob des technischen Wunderwerkes als über mein eher hingehauchtes „Merci, Madam“.

Modernes Frankreich I: Den 20-Euro-Schein halte ich ihr hin, aber die Kassiererin will ihn nicht. Sie zeigt auf einen technischen Kasten, der neben ihrer Kasse steht, an den sie aber rückwärts nicht gut heran kommt. Eine Kundin kommt mir zu Hilfe. Da gibt es zwei unterschiedlich breite Schlitze in dem Kasten, oben eine Art Trichter und unten eine Art Schüssel. Die Kundin steckt meinen Schein in den breiteren der Schlitze. Nach einigen vergeblichen Versuchen wird er auch angenommen. Mich erinnert das an Hamburger Fahrkarten-Automaten, die auch meistens sehr krüsch sind. Zack, kaum ist der Schein wirklich drin, fällt unten das Wechselgeld in die Schüssel. Ich nehme es mir. Ähnliche Automaten kenne ich schon länger in Bäckerläden, also recht kleinen Geschäften. Geld wird dort von den Verkäuferinnen überhaupt nicht mehr angefasst. Im Supermarkt bezahlen die allermeisten Franzosen sowieso nur mit Kredit- oder Bankkarte. Jetzt beobachte ich, wie eine Kundin Kleingeld oben in den Trichter wirft. Es wird automatisch sortiert, eingesackt, berechnet, gewechselt. Ich schaue amüsiert auf die Verkäuferin. Die lächelt, zuckt die Schultern und sagt: „Modern“.

Am Brunnen treffe ich am Sonntag eine junge Familie, die eifrig mit Fotografieren beschäftigt ist. Das ist an sich nichts Besonderes. Der malerische Hintergrund auf der Insel von Martigues lädt schon sehr dazu ein, und eine hübsche junge Frau hat man ja gern als Motiv im Vordergrund. Aber diese Frau ist mitten im Winter fast nackt und zudem hochschwanger! Sie trägt eine Art schwarzen Bikini und ist dazwischen in ein Netz aus schwarzer Spitze gehüllt. Sonst hat sie nur noch Schuhe an. Der Familie – einschließlich der kleinen Puppenmutter – scheint ihr Tun völlig normal zu sein. Ich bin da nicht so sicher und würde wohl eher Obelix zitieren. . .

Wie immer nehme ich die Abkürzung über Tavaux, um an die Saône zu kommen. Die Sonne scheint, die Landschaft ist schön – doch plötzlich endet die Straße im Wasser. Ich hätte gewarnt sein sollen, denn unterwegs hatte ich schon überschwemmte Wiesen und Felder gesehen. Hochwasser an der Saône sind für mich nichts Neues, aber wer kann den ahnen, dass diesmal die ganze Straße verschwindet? Zum Glück gibt es noch eine letzte Umleitung über Beaune, die aus dem Wasser heraus guckt, oft links und rechts von einem See begleitet, aus dem aufragende Häuser und Bäume anzeigen, dass der Name „See“ ihm von Rechts wegen nicht zusteht. Meine schöne Umleitung ist damit natürlich perdü, auch die gemütliche Landschaft, denn mir bleibt jetzt nur noch die Autobahn, die auch an den tiefsten Stellen immer noch einige Meter über den Wasserspiegel triumphiert.

Auch wenn die Grenzen zu meiner großen Freude nicht mehr mit lästigen neuen Währungen aufwarten, will ich doch die allerletzte Gelegenheit nutzen, noch schnell zu hiesigen Bankbedingungen Geld zu holen. Nein, sagt man mir in der Touri-Info, in Neuenburg gäbe es keinen einzigen Bankautomaten, zu klein der Ort. Aber es gibt einen riesigen REWE, einen Lidl, dm, Deichmann usw. An den Kassen drängeln sich die Leute, Lautsprecheransagen kommen auf Französisch – aha, es sind fast nur Franzosen, die mit dem Auto kurz über die Grenze huschen um deutsch einzukaufen. Denn das ist ja auch meine Erfahrung: Nirgendwo hat man so viel Geld und kann man so billig einkaufen wie in Deutschland. Zu meinem Glück gibt es aber auch eine kleine Post unter all den großen Läden. Und die hat mein Geld.