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Eine Auswahl der Impressionsgeschichten sind hier einfach aneinander gehängt. Wer sich für eine bestimmte interessiert, muss suchen – oder die Suchfunktion nutzen.

 

Klaus Gärtner

Impressionen aus Europa

 

Bedenke bitte, dass die Impressionen sich über Jahrzehnte erstrecken, also ein sehr unterschiedliches Alter haben. Die Geschichten sind gleichzeitig auch Geschichte. Wer sich heute am Ort der Geschichte aufhält, kann dasselbe Erlebnis möglicherweise nicht mehr haben. Und wenn Du selbst Teil der Impressionen bist, bedenke darüber hinaus: Es sind Geschichten, die Du liest, keine Berichte. Sicherlich, die Erlebnisse sind authentisch und örtlich korrekt angebunden, ansonsten jedoch manchmal eigenwillig kombiniert. Um der Geschichte willen eben.

 

010

Madame Petriol, sind Sie da?“ rufen wir, nachdem das Klingeln vergeblich war, durch das offene Fenster im ersten Stock. Das Haus steht in der „Allee Marie Laurent“, einer winzigen Straße irgendwo in Paris, nach der wir gestern fast den ganzen Tag gesucht haben. Wir müssen nicht französisch rufen, denn Madam Petriol ist gebürtige Deutsche. Dass sie uns dennoch nicht versteht, liegt eben einfach daran, dass sie wirklich nicht zu Hause ist. Wir könnten natürlich um die Ecke in eines der Straßencafes gehen, aber wir hatten es auf einen Mittagsschlaf abgesehen, um uns für den Abend fit zu halten. Kurzentschlossen stellen wir unsere Fahrräder unter das offene Fenster, ich halte fest, Bogomil steigt auf, hangelt sich an der Fassade zu dem Simsgeländer und steigt ein. Kurze Zeit später öffnet er mir von innen. Wir ziehen unsere Luftmatratzen unterm Bett hervor und legen sie unter den Küchentisch, wo wir auch sonst zu schlafen pflegen. „0, ihr seid schon da!“ werden wir nach einer Stunde geweckt. „Gleich gibt es Essen.“

Paris per Metro. Große Sehenswürdigkeiten sind schön, aber die kleinen auch. Da kommt so ein eigenartiger Omnibus mit einer offenen Plattform am Ende. Den muss ich fotografieren. Schnell um die Ecke hinterher! Knips! Zurück zu Bogomil – er ist weg. Wir haben uns irgendwo in der Riesenstadt verloren. Und nur er kann französisch! Was bleibt mir übrig, als allein weiter zu ziehen? Der Eiffelturm, die Inseln in der Seine, Notre Dame, die vielen Brücken........ Es wird Abend, die Lichter gehen an. Ich ziehe über die sündige Meile. Sie erscheint mir zehnmal so groß wie die Reeperbahn, aber freundlicher und nicht so verkommen, und darüber erstrahlt jetzt hoch über riesigen Treppen und hell erleuchtet eine wunderschöne Kirche. Langsam steige ich treppauf. Auf einem Absatz steht ein Clochard, einer von denen, die in einem Kinderwagen ihre Habe spazieren fahren, und unterhält sich mit – Bogomil! So groß ist selbst Paris nicht, dass wir uns nicht nach wenigen Stunden wiederfänden. Nun sitzen wir auf den Stufen von Sacre Coeur zusammen mit Jugendlichen aus aller Weit, die singen und Gitarre spielen und dabei über die Lichter der Stadt sehen, und es wird spät, bis wir schließlich wieder in Richtung Küchentisch aufbrechen.

 

020

All min.“ Er spricht weder Englisch noch Deutsch. Wir haben ihn eingeladen. Er trinkt unseren Tütenwein von Aldi, den eingeschmuggelten. Obwohl er einen sehr einfachen Eindruck macht, merkt ihm an, dass er sich wohl sonst trotz der hierzulande horrenden Preise besseren Wein leistet. Eine flüssige Unterhaltung wird das zwar nicht, aber er ist freundlich. Unsere Einladung hat er wohl angenommen, weil er uns interessant findet, oder aus Höflichkeit. Er lächelt zu unserer Barrikade aus alten, abgehauenen Fichten, die wir um unser Lager gelegt haben, damit wir auf den kleinen Henning nicht aufpassen müssen. Er lächelt auch, als wir ihm erzählen, dass seine Schafe immer angelaufen kommen, wenn das Baby schreit. „All min“ sagt er auf unsere Frage, wo sich denn sein Acker oder seine Wirtschaft befinde. Es ist keine große Geste, nur eine einfache Handbewegung, mit der er die Runde beschreibt. „All min“, das ist der Berg hinter uns, den Jim und ich mit den großen Kindern besteigen und von dem aus wir einen herrlichen Blick in die Landschaft genießen. „All min“ ist auch der See, der vor uns zwischen den Bergen liegt, in dem wir baden, Schlauchboot fahren und viel Spaß haben. Auch der Wald, der sich rechts und links von uns erstreckt, so weit wir sehen, gehört dazu, natürlich auch die kleine Wiese, auf die wir zwei Busse und ein Zelt gestellt haben. Im Grunde haben wir ihn zu sich selbst eingeladen, und er hat nichts dagegen, dass wir hier sind. Wir fragen ihn nach einer Trinkwasserquelle. Der See, sagt er. Kein Problem.

Der Elch tut mir eigentlich noch mehr leid als der junge Mann aus Deutschland, dessen Reise ein jähes Ende findet. Direkt vor uns hat er mit seinem alten Käfer einen Caravan überholt, dabei das Tier übersehen, ist mit ihm zusammengekracht. Der Elch liegt im Straßengraben, ein schönes Geweih, noch im Bast. Der Käfer ist hin. Ein Einheimischer kommt dazu, der weiß, wo das nächste Haus ist. Polizei verständigen? Försterei ? Abschleppdienst? Schrottannahme? Zollamt? Aber nein! Hier doch nicht. Das regelt alles „All min“. Er erschießt den Elch und schlachtet ihn. Er holt den Käfer mit dem Trecker und kauft ihn zum symbolischen Schrottwert. Der Junge nimmt die Nummernschilder und sein Gepäck und steigt bei uns ein. Erledigt. Auf seinem eigenen Grund ist der norwegische Bauer ein Fürst.

 

025

Vor unserer Tür stehen Flamingos!“ Ich sage es mit aufforderndem Charakter, aber Salka gibt mit geschlossenen Augen nur einen Knurrlaut von sich. „Die Flamingos ziehen gleich weiter.“ Jetzt scheint sie mich ernst zu nehmen. Salka öffnet das eine Auge halb, dann aber schnell beide, während sie sich im Bett aufrichtet. Da stehen sie, dreißig Meter vor unserem Bett, eine kleine Herde Flamingos, die im seichten Etang gründelt. Der schöne Anblick in der Morgensonne währt nicht lange, denn langsam, aber stetig zieht die Herde aus unserer Sichtweite. Ich setze Kaffeewasser auf.

Heute ist der 14. Juli, Nationalfeiertag. Das macht mir ein bisschen Sorge, denn Franzosen können recht nationalistisch sein - und deutschfeindlich, besonders hier im Süden. So bewegen wir uns noch zurückhaltender als sonst durch den kleinen sonnigen Ort, in dem alles in Festtagslaune ist. Aber es gibt den ganzen Tag nichts Nationales - keine Aufmärsche, keine Reden in pathetischem Französisch, keine Ordensverleihungen, noch nicht einmal Fähnchen. Am einsamen Rathaus hängt die Trikolore wie jeden Tag einmütig neben den katalanischen Streifen, aber ansonsten ist was los in der Stadt! Zum Baden im Meer kommen wir heute jedenfalls nicht, denn auf jedem verfügbaren Platz der Stadt gibt es Tanzvorführungen, Sevillanas und Flamenco in bunt wehenden Kleidern zu spanischen Gitarrenklängen. In den Gassen hört man die Musik, die steppenden Schuhe und die Kastanietten aus allen Richtungen. Ummengen von Zuschauern genießen die Vorführungen, klatschten mit, ziehen von einem Platz zum nächsten. Den ganzen Tag geht das so.

Zum Sonnenuntergang sind die Plätze wieder geräumt, aber es ist zu spüren, dass noch etwas kommt. Von einem Balkon höre ich das Wort „defilée“ heraus. Aha, denke ich, jetzt kommt doch noch wenigsten ein Umzug. Aber auch der kommt ganz anders, als erwartet: Eine Art mittelalterlicher Spielmannszug nähert sich von Fackeln und viel Volk begleitet über die Strandpromenade. Die Männer spielen mit der einen Hand Flöte, mit der anderen Trommel. Von der anderen Seite kommt ebenfalls ein Musikzug, aber in bunter Tracht und mit andalusischer Musik, ebenfalls von vielen Menschen begleitet. Am Strand treffen sich beide Züge, singen und spielen abwechselnd spanische Lieder. Kein einziges französisches Lied ist dabei. An die Nation erinnern ausschließlich die bunten Laternen der Kinder in blässlichem Blau-weiß-rot. Schließlich wird der Tag mit einem Feuerwerk über dem Meer beendet.

Als wir am Etang wieder in unser Bett krabbeln, sind keine Flamingos zu sehen, wohl aber als kleine Blumen am Horizont die Feuerwerke von anderen Orten am Rande der großen, flachen Camargue.

 

030

Wie viel angenehmer war doch die Nacht auf dem Heuhaufenals diese in dem südtiroler Weinberg! Nun denn, heute noch werden wir am Ziel sein. Ein schneller Lift nach Padua, und wir haben die Steherei satt, wir fahren den Rest mit der Bahn. Eindrucksvoll, wie der Zug über die lange Brücke durch die Lagune fährt, vor uns die Stadt im Wasser, nur eine Silhouette im Gegenlicht. Hauptbahnhof, direkt am Canal Grande. Schnell Geld wechseln. Wo geht es hier zur Jugendherberge? Ostello, Linea cinque. Für Alfons ist es kein Problem, die Auskünfte zu bekommen. Wir standen überall gemeinsam, ich hob den Daumen, er lernte aus „30 Stunden italienisch“. Und nun spricht er mit den Leuten. ‘Linea 5, circolare sinistra’ bringt uns sofort vom Canal Grande weg, Richtung Hafen, fährt außen um die Stadt herum. Als wir auf der Insel Guidecca aussteigen müssen, ist es mit einemmal da, das sagenhafte Venedig. Das Schiff fährt ab, wir bleiben auf dem Gehsteig zwischen Häuserzeile und Wasser stehen, stellen Rucksack und Gitarre ab und staunen. An den Pollern liegen Schiffe, sogar ein Ozeandampfer, an ihnen vorbei haben wir freien Blick über den Canal Guidecca. Die Sonne hat die Höhe lange überschritten, warmes Licht streicht über den Kanal, beleuchtet die Schiffe und die stolze Stadt, deren weltbekanntes Zentrum gerade uns gegenüber auf dem Wasser der Lagune zu schwimmen scheint und sein buntes Spiegelbild von den vielen Booten zu Mosaik zerlegen lässt. Sofort habe ich mich in diese Stadt verliebt.

San Giorgio, oben auf dem Kirchturm, Blick auf die Dächer der Stadt, schöner als jeder andere Aussichtspunkt. Am Horizont erstrecken sich die Alpen, deutlich sichtbare Bergketten, durch die wir kamen. Unter uns Giudecca, ohne Trubel, wo wir Pizza essen, Birra trinken, verträumte Lokale finden, die über dem Wasser hängen.

Vormittag auf dem Campo. Geschäftiges Treiben, Wochenmarkt. Noch ist die Sonne zu ertragen. Wir rühren den Zucker in den Espresso. Am Brunnen spielen Kinder und spritzen sich naß. Die große Kirche beherrscht den Platz. Über zehn verschiedene Brücken kann man den Campo verlassen, die schönsten führen nur In Häuser. An der Treppe zum Wasser liegt eine Gondel. Der Gondoliere versteht, daß wir nicht seine Kunden sind, und plaudert mit uns über die Stadt, das Wetter, das Geschäft.

Abenddämmerung an der Rialtobrücke. Singend und musizierend fahren sie die Touristen mit ihren Gondeln durch die Kanäle. Wir laufen, merken uns den Kanal, in den sie einbiegen, und sind eher auf der kleinen Brücke, unter der sie durchfahren. Die Musik hallt durch die engen Häuserschluchten. Ihnen nachzulaufen, ist unmöglich, denn das Netz der Kanäle und der Fußwege durch diese Altstadt verläuft an keiner Stelle parallel, kreuzt sich nur durch die vielen kleinen Brücken. Wir laufen nach Gehör, verfolgen die Musik und lassen sie an etlichen Stellen unter uns durchgleiten. Manche Brücke führt durch ein Haus, mancher Weg führt nirgendwo hin, endet einfach am Wasser, kein Weg ist gerade. Wer ein Ziel hat, braucht den Stadtplan oder die gelben Schilder, Richtungsgefühl reicht nicht. Zurück am Canal Grande ist es dunkel. Die Straßenrestaurants sind voll. Alle Lichter brennen. Wir sitzen auf den Stufen neben der Brücke. Alfons improvisiert Melodien auf der Gitarre, die ganz von selbst die Melancholie der Umgebung annehmen. Ich liebe diese Stadt. Keine habe ich so oft besucht wie Venedig.

 

040

Lass uns man noch was essen. Das ist hier viel billiger als drüben. Es muss ja nicht gleich ein Restaurant sein. Am Alex gibt es Suppe, aber die Schlange ist lang. Kein Bock, denn die Schlange vom Fernsehturm steckt uns noch in den Knochen. An der Frittenbude gibt es keine Fritten mehr, nur noch Bockwurst. Also doch ein Restaurant? Wir haben Glück, nur zwei Tische sind besetzt. Wir suchen uns einen Tisch, werden aber schon am Setzen gehindert. Ein Kellner kommt mit zorniger Miene, zeigt auf die Theke, an der wir warten sollen. „Sie werden platziert.“ Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank, sollen wir hier eine Schlange bilden nur um der Schlange willen? Wir verlassen das Lokal im Zorn. Dann lieber eine echte Schlange. Dort drüben gibt es Döner, viele Leute stehen an. Kein Wunder, endlich mal nicht die Einheits-Bockwurst. Wir stellen uns auch an. Geduldig rücken wir vor. Es dauert. Dreiviertel der Schlange haben wir schon abgestanden. Plötzlich löst sich die Schlange auf. Verdattert stehen wir ganz allein da. „Alles weg“, ruft uns die Frau im weißen Kittel fröhlich zu und schließt den Rollladen. So langsam kocht eine Wut in uns hoch. Wir gehen weiter Richtung Westen. Der Magen knurrt. Noch mal Döner, auf der anderen Straßenseite. Keine Schlange, zwei junge Frauen hinter der Straßentheke. Die beiden unterbrechen ihre Unterhaltung nur zögerlich und gucken uns fragend an. Na, was sollen wir schon wollen! Ja, Döner wäre noch reichlich da, der Grill ist heiß, aber das Brot ist ausgegangen. Teller hat eine Dönerbude natürlich nicht, und so könnte man das heiße Fleisch nur in der offenen Hand wegtragen. Mir kommt der Gedanke, zurückzulaufen bis zu dem Stand, dem die Würste ausgegangen waren, dort Brot zu holen, in dem Lokal, in dem es nur noch Limonade gab, zwei Becher zu holen und dann hier schließlich das Fleisch dazu zu besorgen. Aber dann hätten wir ja durch die halbe City zurückrennen müssen. So gehen wir hungrig weiter. Ein Straßencafe gegenüber der Marienkirche beendet unsere Speise-Odyssee. Es gibt Kaffee, es gibt Torten, sogar mehrere Sorten. Na ja, die Mittagszeit ist ohnehin vorbei. Sie nehmen auch West-Geld, lass uns dann gleich zwei Stücke nehmen. So schnell sind wir nämlich nicht wieder zu Hause. Erst müssen wir uns noch durch den Bahnhof Friedrichstraße wühlen und dann mit der bummeligen S-Bahn eine halbe Ewigkeit bis zur Endstation, wo unser Bus steht. Auf unserem Schlafplatz am Wannsee machen wir uns dann eine leckere Suppe aus Bordmitteln.

 

045

Das „Vaterunser“ verhallt noch lange nicht. Sekundenlang kreisen unsere Klänge durch die hohe Kuppel, an den runden Marmorwänden mit den eingelassenen Säulen und den prächtigen Bildern entlang und verklingen schließlich im Gewimmel der immer mehr werden Menschen. Denn während unseres Singens ist aus dem ständigen Kommen und Gehen der vielen Touristen ein überwiegendes Kommen geworden. Man wartet, ob es wohl noch etwas zu hören gibt, aber die Messe hat ihr Ende gefunden, und das Vaterunser von Mauersberger war unser letztes Lied. In Gedanken schwebe ich noch mit den Tönen durch den Raum, voll von Dankbarkeit darüber, dass ich in meinem Lieblingsgebäude singen durfte. Zugegeben: Von außen ist das Pantheon recht hässlich, hat ziemlich genau die Form eines Atomkraftwerks. Man sieht es nur nicht so, weil die Häuser relativ nahe herangebaut sind und man nicht den genügenden Abstand hat. Die fenster- und schmucklose, trutzig dicke Ringmauer trägt seit fast zweitausend Jahren die unübertroffen größte Steinkuppel der Welt. Technisch wohl ein Meisterwerk, aber die Schönheit findet sich nur innen, beleuchtet allein von dem kräftigen Bündel Sonnenlicht, das zu jeder Tageszeit anders durch die kreisrunde Öffnung im Zenit der Kuppel fällt. Über den Fußboden mit dem Großmosaik aus Marmor unterschiedlichster Farben streben wir nun dem Ausgang zu, im Gegenstrom zu den Besuchern, die jetzt erst kommen und wie wir die Schönheit genießen, aber den Klang entbehren müssen.

 

050

Wach auf, Klaus, du bist dran. Und außerdem ist Frühling.“ Da bin ich doch tatsächlich eingeschlafen auf den Kisten voller Schmuggelgut. Wo bin ich? Martin hat die Schiebetür aufgemacht. Natürlich, Martin. Schneewinter, meterhoch Schnee in Norddeutschland, eingeschneite Dörfer in Schleswig-Holstein. Auf den geräumten Straßen standen links und rechts die Schneemauern, als wir weg fuhren. Hinter mir schlafen die Kinder friedlich. Wo sind meine Gummistiefel? Fahrer und Beifahrer stehen während der Fahrt nämlich ständig im Wasser, da der Boden riesige Rostlöcher hat. Schneewasser und Pfützenteile spritzen um die Füße, wenn sie nicht gerade auf den Pedalen sind. Also Gummistiefel wieder anziehen. Aussteigen. „Es ist ein Uhr“, sagt Martin, „Fahrerwechsel.“ Ich steige aus. Eine laue Nacht umfängt mich, Sterne blinken am Himmel. Tief atme ich die Luft ein. Wirklich, eine warme Frühlingsnacht. „Prima, Martin. Leg dich schlafen. Wo sind wir denn?“ „Kurz vor den Pyrenäen.“ Ich fahre den Bus vom Parkplatz wieder auf die Autobahn. Es geht die Berge hoch. Oben fängt es an zu regnen, aber später ist es dann unten wieder trocken. Als die Kinder aufwachen, machen wir Frühstück am Strand von Tarragona.

Nach weiteren tausend Kilometern sind wir endlich an der Algarve. Wir lassen den Busboden schweißen, während wir uns an den leeren Strand legen und die Sonne genießen. Eineinhalb Tage Werkstatt, erstklassige Arbeit, 120 DM.

 

060

Ein feiner Nebel erfüllt die Luft, so dass alles Grün, das ringsumher urwaldähnlich spießt, seine Konturen etwas verwischt, aquarellartig das Moos sich von den großen Blättern der Sumpfpflanzen, die Bäume sich vom moosbedeckten Stein abheben. Der Wasserfall kommt irgendwie aus den Wipfeln der Bäume, fällt in ein Becken, das Wasser spritzt auf und verliert sich unter den breiten Blättern, glitzert aber überall hindurch, eilt unter meinen Füßen, unter den Pflanzen, unterhalb umgefallener Bäume einem See zu. Meine Füße stehen auf einem Steg aus Knüppeln, der hier im Nationalpark fast schon der normale Fußweg ist. Wir folgen dem Weg, der kleine Niko und ich, bis zu dem See, sehen andere Wasserfälle, große und kleine, in denselben See stürzen, und der See selbst ergießt sich seinerseits über einen Wasserfall hinunter In einen anderen See. Unser Weg führt über eine Treppe nach oben, Stromschnellen rechts, Bach links, zum Ursprung des oberen Wasserfalls, Richtig, auch er kommt aus einem See, der noch verwunschener aussieht als der andere und, wie schon gewohnt, von Wasserfällen gespeist wird. Wir gehen unter überstehenden Felsen. Überall tropft es. Der Steg ist nass. Über den Waldboden eilt das Wasser, alles ist in Bewegung, nur die Zweige der Bäume geben dem Auge Halt. Und natürlich das Moos auf den Steinen, In dem jeder Wasserstrahl sofort versinkt. Dutzende von Seen, die über Hunderte von Wasserfällen ineinander, durcheinander fließen, und das alles in tiefstem, urwaldähnlichem Grün. Nichts anderes im Ohr als das Rauschen des Wassers. Ein großer See, ein kleiner, nur eine kleine Wasserstufe, ein großer Sturzbach, ein Wasserfall. Die Plitvicer Seen sind immer in Bewegung. Der Abend kommt. Den ganzen Tag sind wir die Stege und Wege gelaufen, durch Höhlen gegangen, an bewegten Vorhängen vorbei. Der große See liegt im Abendlicht. Lautlos gleiten die elektrischen Boote, mit bunten Lichtern behängt, über die glatte Wasserfläche. Ein Tag im Paradies geht zu Ende.

 

070

Die fremde Frau fällt nicht nur auf, weil sie schön ist, sondern noch mehr durch die unglaubliche Ruhe, die sie ausstrahlt. Regelmäßig geht sie an unserem Zelt vorbei, begleitet von drei mittelgroßen Kindern, die nicht gerade anspruchslos aussehen, und einem Kleinkind, dessen Karre sie beharrlich über den Schotter zieht. Ihre langen Haare fallen über den Rucksack, und sie lächelt zu uns herüber. Klar, wir bieten ja ebenso nicht gerade den alltäglichen Anblick. Vor unserem Zelt, das geräumig und leicht zugleich sein muss, steht das monströse Lastenfahrrad mit aufgebauter Küche. Henning und Martin machen mit mir Musik auf irgendwelchen provisorischen Instrumenten. Wir sind ganz zufällig hergekommen. Es war ja schön am Luganer See, aber die Schweizer Familien und wir, das passte einfach nicht zusammen. Sie sind freundlich, aber distanziert, halten alles tiptop, überall stehen die gleichen großen Zelte, die ihr Wesen als bewegliches, vorübergehendes Heim verloren, da sie seit Jahren denselben Platz belegen. Unseres war wie ein Fremdkörper in der Reihe, unser Fahrrad passte nicht zu ihren Autos, wir nicht zu ihnen. Und wenn sie erst gemerkt hätten, dass unsere Kinder die Windpocken haben! Da haben wir alles auf den Long John gepackt, ihn auf den Dampfer geschoben, was um Daumenbreite gerade noch möglich war, und haben uns über den See bis in den letzten, den italienischen Zipfel fahren lassen. Die paar Kilometer verändern die Welt. So etwas rätselhaftes wie diese Frau wäre in der Schweiz nicht vorstellbar. Eigentlich hat sie gar keinen Grund, ruhig zu sein. Sie wohnt mit ihren Kindern in einem winzigen Zelt. Sie kocht jedes Essen in einer Pfanne über einem offenen Feuer. Sie geht jeden Tag stundenlang zu Fuß, um frische Milch einzukaufen, ruhig, lächelnd, den Mangel freundlich ertragend. Wir lernen sie kennen und dabei auch die Lösung des Rätsels: Sie wurde ausgesetzt. Am Wochenende kommt ihr Mann mit einem Kleinbus aus Konstanz und bringt alles, was nötig ist. Wir laden beide Familien in den Bus, fahren um den See und speisen uritalienisch in dem einzigen Restaurant des kleinen Ortes. Hier ist eine Speisekarte unbekannt, die Spaghetti werden wie in einer Großfamilie hergestellt und von uns allen auf der großen Veranda fröhlich verspeist.

 

080

Ohne Arzt kommen wir da nicht weiter, Henning ist mit der Stirn gegen einen Briefkasten gelaufen, einen gewöhnlichen roten Postbriefkasten an der Hauswand. Die Wunde ist nicht unbedeutend, und sie blutet heftig. Wo finde ich jetzt blitzschnell eine Ambulanz, einen Arzt, hier in Kamien Pomorski, das wir nur auf der Durchfahrt streiften? Ich denke den Gedanken noch gar nicht zu Ende, da kommt eine Frau auf uns zugelaufen. „Das muss genäht werden“, sagt sie, „ich führe Sie zum Krankenhaus. Folgen Sie meinem Wagen!“ Diese perfekt deutsch sprechende, aber ortskundige Dame schickt der Himmel! Wir folgen ihrem Wagen mit unserem Bus bis zum Krankenhaus. Sie begleitet uns und erklärt dem medizinischen Dienst den Fall. Henning wird ohne jede Formalität sofort behandelt, ich darf aber ins Behandlungszimmer nicht folgen. Eltern sind nicht zugelassen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als im Wartezimmer Hennings Schrei zu ertragen. Jadwiga versucht, mich abzulenken, erzählt, dass sie Deutschlehrerin in Gryfice sei. Ihr Mann sei dort Arzt. Die Behandlung dauert nicht lange, Henning wird wieder herausgeführt. Er sieht mitgenommen aus, denn die Wunde wurde zwar gut genäht, aber ohne jede Betäubung. In Polen muss auch ein kindlicher Patient eine Menge aushalten. Die folgenden Formalitäten sind denkbar einfach: Hennings Name wird in ein Buch eingetragen, das ist alles. Ich frage nach der Rechnung. Die Ärzte wechseln fragende Blicke. Aber nein, das wäre kostenfrei, übersetzt Jadwiga. Da wir auf der Durchfahrt seien, sollten wir nach acht Tagen ein beliebiges anderes Krankenhaus aufsuchen, um die Fäden ziehen zu lassen. Wir bedanken uns und machen Henning ein feines Krankenlager im Bus, damit er sich erholen kann. Die Fäden kann ich dann auch selbst ziehen.

 

090

Je ne parle pas Français“. Der einzige französische Satz, den ich wirklich flüssig sprechen kann. Das macht die Übung. Denselben Inhalt habe ich auch auf spanisch, italienisch, polnisch usw. auswendig gelernt. Die Leute wissen dann, sie haben einen dummen Touristen vor sich und fangen an, zu gestikulieren, zu buchstabieren, Ziffern aufzuschreiben oder sonst eine nonverbale Kommunikation zu beginnen. Nur, gerade französisch hätte ich den Satz nicht zu lernen brauchen. Die Frau hat bis eben noch ein freundliches Gesicht gemacht. “Welcher Weg führt nach Guillaume?“ konnte ich noch französisch fragen. Die Abzweigungen haben keine Schilder. Ein freundlicher Wortschwall ist die Antwort. ‘Pardon, Madame, je ne parle pas Français.“ Ich hätte sie auch ohrfeigen können. Jedenfalls hätte sie dann auch kaum entrüsteter ausgesehen. Es folgt wieder ein Wortschwall. Ich zeige fragenden Blickes auf die drei Straßen. Ihre Arme bleiben unten. Ein weiterer Wortschwall, sie schüttelt den Kopf und geht ihrer Wege. Ich nehme die mittlere Straße...............Ein Laden. Ein paar Sachen einkaufen, das wäre nicht schlecht. Mit Niko betrete ich den Laden, Niko zeigt auf Joghurt, ich zeige auch auf Joghurt. Die Verkäuferin zeigt eine distanzierte Miene. Irgendetwas spricht sie. Ich sage meinen Satz auf und zeige beharrlich auf den Joghurt. Sie zuckt die Schultern und sieht mir beharrlich in die Augen. Irgendwann sind wir dann gegangen, sonst würden wir womöglich heute noch dort stehen...............Im nächsten Dorf gibt es einen kleinen Supermarkt. Super daran ist vor allem, dass ich nicht reden muss. Ich gehe einfach an den Regalen vorbei und packe in den Korb, was ich will. Den Korb schiebe ich dann auf den Tresen vor die dicke Kassiererin. Sie tippt alles in einen Taschenrechner und sagt dann etwas, wahrscheinlich die Summe. Ich zeige auf den Rechner, den ich zu sehen begehre. Sie zieht ihn entrüstet an sich, als hätte ich es gewagt, sie kontrollieren zu wollen. Zur Erklärung sage ich meinen Satz auf. Einen Moment nur starrt sie mich an, dann murmelt sie etwas, nimmt meinen Korb, stellt ihn beiseite und beginnt ein Gespräch mit der nächsten Kundin, wahrscheinlich auch noch über mich. Niko nimmt es gelassen, dass ich wieder ohne Essen einsteige...............Die haben einen Knall, die Franzosen, denke ich im Weiterfahren - übrigens auf der richtigen Straße. Ich kann doch nicht jede Sprache lernen, durch deren Gebiet ich reise. In anderen Ländern ist das doch auch kein Problem. Was machen die überhaupt, wenn einer nun gar nicht reden kann? Muss der verhungern? Das ist die Idee! Die Idee ist so gut, dass ich beim Fahren vor mich hingrinse. Ich kann den nächsten Ort gar nicht erwarten. Vor dem Laden halte ich. Ich bin der einzige Kunde. Ich zeige mit bedauernder Miene intensiv auf meine Ohren und auf meinen Mund. Taubstumm‘, soll das heißen. Der Alte kratzt sich unter der Baskenmütze, sagt aber nichts. Ich zeige auf Eier. Er packt ein. Ich zeige auf Milch, Joghurt, Kuchen, Pflaumen. Ein kleiner Berg entsteht auf dem Tresen. In meiner Freude kaufe ich mehr, als ich wollte. Noch zwei Eis obendrauf, welche Sorte, bitte sehr. Er rechnet auf einem Stück Papier und hält es mir unter die Nase. Ich bezahle, denn französisch rechnen kann ich. Niko ist begeistert, als ich zurückkomme, besonders von dem Eis.

 

120

Die Kirchentür steht jedem offen. Trotz der späten Stunde herrscht ein eifriges Kommen und Gehen durch die provisorische Holztür der relativ schmucklosen Betonhalle. Innen in der Halle ist es fast so dunkel wie draußen, nur vorn im Altarraum brennen einige hundert Kerzen. Sie strahlen ein mystisches, aber auch heimeliges Licht aus und lassen die Schlichtheit des gesamten Kirchenraumes erkennen. Es dauert eine Weile, bis man sieht, dass die Kerzen einfach in hohlen Ziegelsteinblöcken angeordnet sind, die künstlerisch unregelmäßig um den Altar gestapelt wurden. Bis auf leises Gewisper ist es still. Langsam gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit. Die Mitte des Raumes ist völlig leer, abgegrenzt mit grünen Hecken in länglichen Kübeln. Der übrige Raum ist gefüllt mit meistens jungen Menschen, die auf dem Boden hocken. Offensichtlich warten sie. Nach und nach kommen die Klosterbrüder, in weiße Kutten gehüllt, setzen sich in Reihen auf die reservierte Bodenfläche. Ein Tenor singt eine einfache Melodie vor, die Menge in der Kirche wiederholt sie. Die schlichte Musik erfüllt den Raum, scheint die Mauern zu durchbrechen und von weither zu reflektieren. Immer wieder wird die Melodie wiederholt, immer wieder. Inzwischen wird sie von den Gästen mehrstimmig wiedergegeben. Wenn der Gesang nach längerer Zeit erstirbt, wird eine neue Melodie angestimmt, von einem Sopran, von einer Geige, unterbrochen von Gebeten auf französisch, englisch, holländisch, deutsch, spanisch. Die einfachen Texte und Melodien hat jeder schnell gelernt, und so singt der ganze Saal. Als die Brüder plötzlich wieder gehen, bleiben die Gäste doch und setzen den frommen Gesang fort, stundenlang, bis weit in die Heilige Nacht hinein. Ich kann nicht müde werden, dem zuzuhören.

Der Weihnachtsmorgen ist kalt, aber der Himmel ist blau. Raureif glitzert auf den Bäumen und auf den Dächern des burgundischen Dörfchens Taizé. Wir lenken unseren Bus nach Süden, zur Côte d'Azur. Auch dort suchen wir die Wärme.

 

130

Der Pförtner ist auf dem Posten. In der Beziehung sind die fast vierzig Colleges alle gleich: Das Haus rundherum ist geschlossen. Es gibt ein großes, geschlossenes Tor, darinnen eine kleine, offene Tür, dahinter eine unbedingt besetzte Pförtnerloge. Zugang zu den diversen Gebäuden des Colleges gibt es nur durch die Innenhöfe. Offizielle Besichtigungen sind möglich, kosten aber Geld, Termine, Anmeldung ... Ich sehe mich um. Im Moment ist der Pförtner gerade abgelenkt, zwei Studenten diskutieren mit ihm, ich nutze die Gelegenheit und wische in den Innenhof, gleich an die Seite, und verharre einige Sekunden. Es bleibt ruhig. Der quadratische Hof ist mit gotischem Gemäuer umgeben, sehr würdevoll mit wildem Wein bewachsen, die kostbaren Fenster sorgfältig freigeschnitten. Wenn man den Pförtner erst überwunden hat, gestaltet sich der Rest einfach. Durch einen seitlichen Torbogen gelange ich in den nächsten Innenhof, und dann in einen dritten. Er ist der schönste, weil er von der einen Seite durch die prächtige Kirche begrenzt wird. Jedes College hat seine eigene Kirche, die es an Größe und Pracht sehr wohl mit einer Stadtkirche aufnehmen kann. In der Kirche treffe ich nur den Organisten beim Üben. Völlig ungestört betrete ich die Gebäude, höre Stimmen und komme unversehens in einen Speisesaal. Geschnitztes Mobiliar, getäfelte Decke, Kronleuchter, Wandgemälde, all das gibt dem Saal eine düstere, abgehobene Würde. Zwei Studenten, wahrscheinlich Inder oder Pakistani, decken gerade den Tisch und grüßen mich freundlich. Ein älteres Semester erklärt ihnen, in welchem Abstand genau sich das Besteck und das Trinkglas neben dem Teller befinden muss, in welchem Winkel die Serviette usw. Durch ein Treppenhaus gelange ich in einen Turm. Aus dem Fenster habe ich einen Überblick über etliche Colleges, die Qxford zu seinem unvergleichlich schönen Stadtbild verhelfen. Über die Straße eilen einige junge Doctores in schwarzem Talar, den Doktorhut in der Hand, und auf der anderen Straßenseite beobachte ich zwei Professoren in Gewändern, die auch einem katholischen Priester alle Ehre gemacht hätten. Die Colleges sind stolz darauf, dass bei ihnen die Zeit stehen geblieben ist. Hoffentlich, denke ich, gilt das nicht auch für die Lehrinhalte.

 

150

Das sind umgerechnet etwa sechs Mark, damit kommst du den ganzen Tag aus“, sagt sie und drückt mir Lewa-Scheine in die Hand. Sie muss es wissen. Ich habe schnell gelernt, diesen jungen Frauen zu vertrauen, die einen großen Eindruck auf mich machen. Die ganze Tagung, sowohl die Konferenzen als auch sämtliche umgebende Organisation, wird von höchsten fünf von ihnen in völliger Eigenregie gemanagt. Sie sind gebildet, sie haben Überblick, sie sprechen Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch, die eine dies, die andere das. Und das ist auch nötig bei den Teilnehmern aus etlichen europäischen Ländern. Ich kann nicht ausmachen, welche für was zuständig ist, aber es klappt alles, und das will in Sofia etwas heißen. Obendrein verbreiten sie trotz der ernsten Themen eine wohltuende Fröhlichkeit. Warum sie am Abend beim Wein ausgerechnet „Jan Hinnerk“ am liebsten hören wollen, ist mir ein Rätsel. Plattdeutsch versteht nun wirklich niemand hier, höchstens das Wort „Napoleon“. (Prompt reagieren die französisch sprechenden Teilnehmer verhalten pikiert, obwohl sie doch gar keine Franzosen, sondern Belgier sind.) Und nun habe ich einen halben Tag frei von Vorträgen und Diskussionen, sehe mir allein die Stadt an, mit sechs Mark in der Tasche. Mir kommt Sofia überhaupt nicht exotisch vor, eher echt europäisch, abgesehen vielleicht von Eigenarten, die die bedeutenden Kirchen zu umgeben scheinen. Die eine liegt vollständig mitten auf einer Insel in einer Hauptverkehrsstraße, die andere duckt sich in eine kleine Grube, die rundherum von dem gewaltigen Sheraton-Hotelkomplex eingeschlossen ist. Bei der Kathedrale, die im Gegensatz dazu würdig den Mittelpunkt eines großen Platzes bildet, werde ich fast in eine Schlägerei verwickelt, für mich völlig überraschend, denn das sind nicht Jugendliche oder Betrunkene, die hier handgreiflich werden, sondern Männer in Priestergewändern, ältere Damen und andere durchaus gesetzte Herrschaften. Es wird laut genug gesprochen, aber ich verstehe natürlich kein Wort. Polizei fährt auf, und ich gebe den Wunsch, zu wissen, worum es geht, schnell auf, erinnere mich an die sechs Mark und schlendere zu den Kaufhäusern. Da ist es friedlicher, vor allem die Preise. Sie sind so unerhört niedrig für unsere Verhältnisse, dass ich mir allein für die Flugkosten eine ganze Wohnungseinrichtung hätte kaufen können. Daran muss ich denken, während ich auf dem Rückweg nach Berlin den regenbogenbunten Hof betrachte, der den Schatten des Fliegers auf der Wolke umkreist.

 

165

Very British“ ist vor allem das Wetter, aber auch sonst so manches. Kaum spürbarer Nieselregen fällt auf den makellosen Strand zwischen den steilen Klippen, die sich entschlossen dem wilden Atlantik entgegenstemmen. Er taucht die schroffen Kanten in mystischen Weichzeichner, und je weiter sich die Kette von Inseln in das Meer hinaus wagt, desto unwirklicher heben sich die Felsklötze vom horizontlosen Grau ab. Es heißt hier nicht „Land’s End“, sonder „Finistère“, was aber genau dasselbe bedeutet. Schiefergedeckte Häuser aus grauen Felsquadern, an beiden Giebeln mit vielzügigen Kaminen bewehrt, sperren mit stabilen Fensterläden zur Not jedes Wetter aus. Der Nebel wirft aber auch einen gnädigen Schleier über die Wracks auf den verfallenen Werften gegenüber der Stadt, in der man sich auf den Feiertag vorbereitet. Die Plakate kündigen aber keine „Cérémonie patriotique“ an wie andernorts selbstverständlich, sondern einen abendlichen „bal populaire“ mit Lifemusik und ein großes Feuerwerk über dem Meer. Wir sehen den Technikern zu, die auf dem Marktplatz eine Bühne aufbauen und nehmen das Wetter gelassen in Kauf. Damit passen wir uns vollständig der Bevölkerung an, die an Gelassenheit kaum zu überbieten ist. Auch die Touristen sind von besonderer Sorte, der Gegend angepasst. Von den Pfälzern, die mehrmals im Jahr herfahren und ausschließlich hier Urlaub machen, erlernen wir eine besondere bretonische Art des Boule-Spiels und spielen es, bis sie einen alten Bekannten treffen, einen Engländer, der auf dem Weg zu einer Weltumseglung schon hier hängen geblieben ist, weil er eine Frau gefunden hat. Das Wiedersehen wird sofort mit etlichen Bierchens im Straßencafé begossen, und dort sitzen sie noch, als der Abend heran ist und die gesamte Hafenpromenade um sie herum bevölkert hat. Der feine Regen hat sich freundlicherweise in Nebel verwandelt, die Band legt los, und wir tanzen. Ab und zu können wir nur zusehen, weil zwischen den einzelnen Titeln moderner Popmusik auch immer wieder bretonische Volkstänze gespielt und von den Einheimischen - jung und alt in bunter Mischung - voller Hingabe getanzt werden.Auch um das „Défilée“ werden wir nicht betrogen. Zu unserem Erstaunen ist es aber eine Dudelsackkapelle, hinter der wir uns mit der übrigen Menge einreihen. Die Musik ist gewöhnungsbedürftig, aber die Musiker sehen schmuck aus mit ihren weißen Gürteln und bestickten Westen. Danach wird weitergetanzt, nur noch einmal unterbrochen vom Feuerwerk. Wir sind dabei, bis das Terrain nur noch von Jugendlichen beherrscht wird, die stockbetrunken mehr torkeln als tanzen oder bekifft auf dem Quai hocken. Am nächsten Tag ist dann nichts mehr los. Den eigentlichen Nationalfeiertag nutzen die Bretonen vor allem zum Ausschlafen.

 

180

Oben auf dem Hradschin habe ich sie schon bemerkt. Das war heute Vormittag, im Gewühl vor den bunten Häusern in der Burgmauer. Inzwischen habe ich mir interessiert die Baumaßnahmen auf der Kleinseite angesehen, die mit Gerüsten überdeckten Gassen, auf denen die Restaurateure wie auf einer zweiten Straßenebene im ganzen Stadtteil arbeiten, während die Wege darunter weiter benutzt werden können. Und nun sitze ich auf einer Treppe in „Klein Venedig“ und kühle meine Füße in der Moldau. Da steht sie plötzlich neben mir, fragt mich, ob ich mich auskenne. Ein bisschen, sage ich, und fange an, meine Schuhe wieder anzuziehen. Sie kann sich nicht neben mich setzen, denn sie trägt ein enges, weißes Kostüm, knielang, und natürlich Seidenstrümpfe. Während sie erzählt, sie habe aus der Aufschrift „Jute statt Plastik“ geschlossen, dass ich kein hiesiger Bauarbeiter, sondern deutscher Tourist sei, nutze ich die Gelegenheit, sie anzusehen, ihre kurzen dunklen Haare, ihr puppenhaftes, ungeschminktes Gesicht und die lustigen Augen darin. Obwohl sie mindestens 35 ist und trotz ihrer feinen Kleidung, könnte ich sie mir auch gut in einer Latzhose vorstellen. Natürlich weiß ich, wo der Wenzelsplatz ist, aber ich rede ihr den aus. Er wäre nur zum Flanieren und zum Besuchen diverser Restaurants nützlich, das „Leben“ aber, das fände sie in den Gassen um den Königsweg und den inneren Plätzen.

Das „Leben“ will sie sehen, Ihre Kostümjacke stopft sie respektlos in eine Plastiktüte, die sie aus der Handtasche zaubert. Auf der Karlsbrücke bringt sie tatsächlich einen Puppenspieler dazu, ihr die wertvolle Marionette für kurze Zeit in die Hand zu geben. Unterm Brückenturm reiße ich sie an mich, weil sie drauf und dran ist, gegen die Straßenbahn zu laufen, die hier durchs Haus fährt. Sie lacht über meinen Kindergriff und kann sich keinen Moment vorstellen, das Leben unter einer Straßenbahn zu beenden. Arm in Arm stehen wir vor der Astronomischen Uhr und vor allem lange bei all den vielen Musikanten und Kleinkünstlern, die jede freie Ecke für ihre oft erstklassigen Darbietungen nutzen. Dabei raunt sie mir ins Ohr, dass sie es leider mir überlassen müsse, Münzen in den Hut zu werfen, da sie überhaupt kein Bargeld dabei hätte. Auf dem Altstädter Ring, vor der Teynkirche, finden wir eine Comedy-Band von Jugendlichen umlagert. Man bietet eine Mischung von Musik und Clownerie. Weil meine Lady sich auf das Pflaster weder knien noch setzen kann, setze ich mich, und sie nimmt auf meinen Beinen Platz. Sie kann sich ausschütten vor Lachen, besonders, als der Bassist seinen Kontrabass unter den Arm nimmt und beim Spielen durch die Zuschauer stolziert. Sie reichen den Hut durch die sitzende Menge nur heimlich weiter, denn zwei Polizisten sind da, um verbotene Geldeinnahmen zu verhindern.

Es dämmert schon, als wir schließlich noch auf den Pulverturm klettern und über die Türme der Goldenen Stadt bis zum Hradschin blicken. Von dort oben zeige ich ihr nun auch den Wenzelsplatz. „Bringst du mich bitte noch dorthin?“ fragt sie leise. Dort sei ihr Hotel, und dort warte ihre Familie. Na klar bringe ich sie hin.

 

185

Silvesterabend. Feudale Hotels säumen in einer langen Kette die Uferstraße. Die Palmen sind angestrahlt. Von oben aus der Gondel des Riesenrades sieht der Weihnachtsmarkt vor dem Filmfestspielhaus wie ein Zelt aus Lichterketten aus. Mit künstlichem Schnee bedeckte Tannen und Rentiergespanne wirken auf uns ebenso deplatziert wie Glühwein am mediterranen Strand. Salka hat die Idee, trotzdem Glühwein zu kaufen und die Plastikbecher sorgfältig aufzubewahren. Wie sollten wir sonst um Mitternacht anstoßen können? Niko hat uns eine feine Flasche Sekt für diese Nacht mitgegeben, und die tragen wir in einem Stoffbeutel voller Vorfreude mit uns herum.

Es war nicht einfach, ein Lokal für die Silvesternacht zu finden. Die meistens haben geschlossen, weil die Eigentümer selbst feiern wollen. Aber das kleine, sehr einfache Restaurant an der Ecke der fantastisch dekorierten Hauptstraße ist genau nach unserem Geschmack. Es gibt internationales Publikum, auf jeden Fall sind die französischen Gäste wohl in der Minderheit. Sicherlich um Tischgespräche zu ermöglichen, platziert uns der Kellner geschickt an einen Tisch mit Engländern und Kanadiern, die draußen im Yachthafen festgemacht haben. Am Nebentisch sitzen zwei katalanische Paare, und eine Gruppe junger Leute, die eigens für diesen Abend aus Milano angereist sind, haben sich unüberhörbar den größten Tisch reserviert. Der Kellner selbst heißt Moudi (oder ähnlich), ist Marokkaner und nicht nur Kellner, sondern auch Animateur und Spaßvogel. Moudi tänzelt umher, verteilt Karnevalshüte, Knallbonbons und gute Laune, wirft mit Konfetti und serviert dabei auch noch für alle Gäste die fünf Gänge des Menüs. Langsam werden die Menschen immer lustiger, und spätestens nach dem Feuerwerk über dem Meer verschwindet das letzte Fremdeln, wenn - angeführt von Moudi - jeder mit jedem in das neue Jahr tanzt.

Nach dem Tanzen folgen wir noch einer Einladung auf die Yacht der Engländer. Über einen schmalen, schwankenden Steg helfen sie uns hinüber auf ihr Schiff, das sie uns stolz zeigen. Schließlich landen wir im Salon, und wir spüren, dass die Schiffsherren gern etwas serviert hätten, aber nicht wissen, was, weil sie auf spontane Gäste nach Mitternacht nicht vorbereitet sind. Aber zu ihrem Erstaunen ziehen wir nun die edle Flasche aus unserem verblichenen Stoffbeutel und stoßen im Yachthafen von Cannes auf das neue Jahr an, die Vagabunden zur See und die zu Lande. Selbstverständlich nehmen wir die angebotenen Champagnergläser und lassen die Glühweinbecher ganz tief im Beutel stecken.

 

190

Dicke Schneeflocken fallen im ersten Morgenlicht. Das ist gerade noch durch die halbblinden Scheiben zu erkennen. Ich sehe mich erstaunt um. Oben über die niedrige Zimmerdecke zieht sich ein düsteres, aber durchaus schönes Gemälde hin: ein Gewirr von Ästen und Zweigen mit Eulen dazwischen. Die Bettdecke ist hart und schwer. Ach so, auf meinen Füßen liegt ein großer Hund. Und neben mir auch. Ich kenne die Hunde nicht, das Gemälde nicht, es war ja dunkel, als ich um das Nachtquartier bat. Die Adresse war ein Tipp von einer Tramperin am südlichen Ausgang von Berlin. Es ist kalt. Aber nun bin ich wach. Ich überlasse das Bett den Hunden und klettere die Treppe hinunter. Alles ist still. Gestern waren hier noch so viele Leute. Durch die Fenster sehe ich die Schneeflocken um das tiefgezogene, windschiefe Dach wirbeln. Der Schornstein vom Badeofen geht einfach durch eine zerbrochene Scheibe ins Freie, abgedichtet mit Zeitungspapier. Ich entscheide mich für den Ofen in der Küche. Papier ist da. Holz ist da. Bald ist es warm. Sobald ich Wasser heiß machen kann, wasche ich ab. Unmengen von Geschirr stehen rum.

Sie kommen nach und nach, müde, wortkarg, aus irgendwelchen Räumen. Sie freuen sich über die Wärme, über das saubere Geschirr. Sie sind jung, meistens aus sehr gutem Hause, Salemschüler und so. Für sie bin ich „schon älter“. Sie lassen sich nichts fragen. Man erfährt nur, was sie zufällig erzählen. Einer ist ein Urenkel eines Hamburger Bürgermeisters. Einer, der einzige, muss los zum Arbeiten. Andere stellen kunstvolle Ledergürtel her. Um elf Uhr beschließen sie, Rotkohl zu kochen. Sehr langsam schneiden sie den Kohl. Sehr langsam schälen sie Kartoffeln. Um halb eins schmieren sie Stullen. Wieso eigentlich, es gibt doch bald Mittagessen? Nicht fragen. Stullen nur mit Margarine. Genügsame Leute. Für die Mahlzeit wird das Kochen unterbrochen.

Ich gehe spazieren. Schwer hängen die Wolken über dem Bodensee. Das Schweizer Ufer ist nicht zu sehen, erst recht nicht irgendwelche Berge. Vorsichtig gehe ich die Stege entlang zu den berühmten Pfahlhäusern, die im Wasser stehen. Ich liebe das Wasser auch im Winter.

Der Badeofen wird geheizt. Zwei steigen in die Wanne. Ich mache Musik. Die Kartoffeln sind gar. Sie werden gestampft. Alle sitzen in der Küche, der Joint geht rum. Auch die beiden in der Wanne werden in keiner Runde vergessen. Um zehn Uhr abends ist das Essen fertig: ein Gemisch aus Stampfkartoffeln und Rotkohl.

Am nächsten Morgen stehe ich wieder an der Straße, den Rucksack auf dem Buckel, die Gitarre unterm Arm, den tiefverschneiten Schwarzwald vor mir und eine Adresse in Freiburg in der Tasche.

 

200

Niko, wir stecken furchtbar in der Scheiße.“ Der kleine Niko nimmt es gelassen, wie immer. Es war eben schon zu dunkel, als ich endlich auf Schlafplatzsuche ging. Feldwege sind wir eingebogen, ich wollte nur mal eben wenden. Dabei habe ich den Bus in den kleinen Graben gesetzt, über eine Art winziger Brücke, die ich im Dunkeln überhaupt nicht gesehen habe. Die Achse liegt auf, das rechte Hinterrad schwebt in der Luft. So hängen wir fest, irgendwo zwischen kargen Feldern auf Sardinien. Ich denke nach über Wagenheber, Steine stapeln, Brücke bauen, aber es scheint sehr kompliziert, und außerdem ist es dunkel. Gut Niko, wir schlafen erst einmal. In dem schiefen Bus baue ich das Bett auf, hebe Niko hinein, und wir schlafen, wenn auch nicht besonders gut. Morgens, noch vor sechs Uhr, ich bin schon wach, als ein Hupen ertönt. Draußen steht so ein kleines Moped-Dreirad mit zwei Männern. Sie kommen nicht durch und bedeuten mir, ich solle beiseite fahren. Ich stottere mit meinen Italienisch-Brocken „vole, ma non posse“. Sie verstehen sofort, steigen aus, nicken bedächtig mit dem Kopf. Ich behindere die Durchfahrt und werde keine Zeit haben, den ganzen Tag Steine zu sammeln. Die Leute werden einen Kranwagen besorgen, denke ich. Da kommt ein zweiter Wagen, der nicht durchkommt. Und wenige Minuten später ein Mopedfahrer. In Italien arbeitet man früh. Die fünf Männer beratschlagen. Ich verstehe noch nicht einmal einzelne Wörter. Auf Sardinien spricht man manche Sprache, nicht nur italienisch. Die sardischen Männer sind klein, kleiner als ich, machen aber einen kompakten Eindruck. Und den stellen sie gleich unter Beweis. Wir packen zu sechst die hintere Stoßstange, und mit einem Ruck wird der Bus mit seinem schweren Heckmotor aus dem Graben, über das Mäuerchen und auf die Straße gehoben. Ich bedanke mich, lasse den Motor an, rangiere, und die Männer fahren an ihre Arbeit. Die Ölwanne ist unbeschädigt. Es gibt nicht die geringsten Anzeichen für einen Schaden. Wir fahren zurück auf die Hauptstraße und setzen die Reise ohne Zeitverlust fort, als sei nichts geschehen. Nur ausgeschlafen sind wir nicht.

 

 

270

 

Ich habe es wirklich nur gut gemeint, aber irgendwas ist da schiefgelaufen. Die Frau kommt in das kleine Piroggen-Lokal und fragt mich, ob ich meinen Teller noch leer essen will. Ich verstehe nun wirklich überhaupt kein Russisch, aber begreife sehr wohl, dass sie die angeknabberten Reste auf unseren Tellern haben möchte. Wir sind aber noch gar nicht fertig, Im Gegenteil, Karin ist an der Theke und bestellt noch nach. Also rufe ich ihr zu, sie möge noch ein Stuck mehr bestellen. Als sie damit ankommt, freut sich die fremde Frau aber keineswegs, nein, erklärt sie Karin, sie wolle nichts geschenkt, sie wolle ja nur die Reste. Aber bei uns gibt es keine Reste, und Karin redet ihr zu, sie möge das Stück doch nehmen. Sie tut’s - und bekommt prompt Ärger mit der Kellnerin, sie solle hier in diesem Lokal nicht betteln und so weiter. Karin hat viel zu tun, die Wogen wieder zu glätten. Solch ein Aufstand nur wegen einer geschenkten Pirogge, und das hier, mitten auf dem Newski-Prospekt, der Prachtstraße mit ihren üppigen Läden, die nun wirklich keinen Eindruck von Armut vermittelt.

 

Wunderschön ist St. Petersburg. Trotz Schneematsch und nasser Füße werde ich nicht müde, die Grachten entlang zu spazieren. Es sind nicht nur die weltberühmten Zarengebäude, die beeindrucken, sondern die gesamte Anlage der Stadt ist keine Ansammlung von Häusern, sondern ein Kunstwerk, Stück für Stück planvoll zusammengefügt. Von der anderen Seite der Newa, bei Abendlicht betrachtet, ragt die Palastzeile unmittelbar aus dem Wasser empor und erinnert mich sehr an Venedig, wenn nur der Schnee nicht wäre. Karin spricht so gut russisch, dass wir uns erlauben können, uns mit der Metro auch außerhalb der City zu bewegen, die Lokale, Märkte und Geschäfte zu besuchen, das Leben der Stadt zu atmen.

 

Die Straßenbahn fährt uns zu einem riesigen Kloster. Es ist nicht die erste kirchliche Prachtanlage, die wir besichtigen, aber eine ist immer noch beeindruckender als die andere. Schließlich brauche ich eine Toilette. Nach einigem Suchen finden wir eine, ein kleines Häuschen auf dem Gelände, aber wir finden sie - bewohnt. Die Toilette ist intakt, die Frauen und Männer verlassen sie solange, damit wir sie benutzen können, und ziehen danach wieder ein. Teilweise haben sie trotz Schnee und Kälte noch nicht einmal Schuhe, garantiert kein anderes Dach über dem Kopf. Sie haben sich eingerichtet, Decken, Gerät und Vorräte um sich gelagert und wohnen auf dem Klo. Wir verabschieden uns schnell wieder und sehen uns noch einmal um. Über das Klo schweift unser Blick auf die goldbezogenen Kuppeln des Klosters. Welche Pracht. Welche Armut. Und keine Handbreit dazwischen.

 

 

 

275

 

Sie war der Star des Abends. Erst vorgestern lernten wir die Gruppe bei einem Stadtbummel kennen, wie man hübsche Mädchen eben so kennen lernt. Fremde Jungs sind immer interessant, und wir kommen nun wirklich aus allen Himmelsrichtungen, aber auf jeden Fall nicht aus Mühlhausen an der Enz. Während der sich ergebenden kleinen Plauderei überkommt es mich plötzlich, die Mädchen für morgen zu uns einzuladen. Wir wollten nach Beendigung unseres Kurses einen „Bunten Abend“ feiern, und Mädchen sind bei uns wirklich sehr knapp. Da das Tagungsheim einen sehr guten Ruf hat, gelingt uns eine Verabredung: Wir würden die Mädchen morgen um 18 Uhr vor dem Rathaus abholen.

 

Als wir gestern zu zweit am Rathaus erschienen, kam nur noch eines der Mädchen. Die anderen hatten sich dann doch wohl nicht getraut. Uschi sah umwerfend aus in ihrem Rock'n'Roll-Kleidchen mit dem weiten, knielangen Rock. Auch wir machten etwas her in unseren Anzügen mit Hemd und Krawatte. Dass das eigentlich unsere tägliche Arbeitskleidung war, konnte Uschi ja nicht wissen. Als wir mit ihr im Festsaal ankamen, mischte sie mit einem Schlag die ganze Party auf, obwohl sie selbst recht zurückhaltend war und blieb. Aber alle wollten mit ihr reden, jeder wollte mit ihr tanzen, und ich genoss es, ihr Favorit zu sein und von den anderen ob dieses Mitbringsels bewundert zu werden. Niemals wäre das Abschlussfest so ausgelassen und fröhlich gewesen ohne sie. Am Schluss baten wir Uschi noch auf die Bühne, und sie ließ sich unter tobendem Applaus schüchtern lächelnd als „Ehrengast“ eine goldene Medaille um den Hals legen (die ich zuvor heimlich ganz schnell aus dem Deckel einer Koservendose gebastelt hatte). Ab halb zehn brachte ich sie dann – diesmal allein – bis vor ihre Haustür.

 

Heute nun treffen wir uns wieder in der Stadt. Ihr Lächeln ist traumhaft wie zuvor, obwohl sie jetzt eine lange Hose trägt und einen Pullover, in den das Püppchen weimal hineinpassen würde. Ich stecke ja auch wieder in meinem alten Parka und habe den Anzug sorgfältig in einem Kasten vor dem Lenker verstaut. Über dem Hinterrad hängen Packtaschen und Zelt. Wir müssen uns verabschieden. Sie hat ihre Lehrstelle hier im Ort und muss morgen wieder ran. Ich dagegen bin mit meinem Fahrrad auf dem Sprung nach Paris und danach weiter nach Hamburg.

 

 

 

280

 

Die Tanks sind leer, also Ausschau halten nach einem Wasserfall. Beim ersten kriege ich nur nasse Füße. Beim zweiten ist der Strahl zu dünn. Beim dritten fließt viel zu viel Wasser. Beim nächsten kommt endlich ein kräftiger, gebündelter Strahl, der ruckzuck die Trinkwasser-Kanister füllt.

 

Laut vor Freude pfeifend donnert der Zug über den Polarkreis. Wir winken ihm nach. Stundenlang schon dauert dieser Abend, der in Kürze einfach in den Morgen übergehen wird. Was war das? Vor schneebedeckten Bergen eine Insel im See - mit einem Campingauto drauf? Wie ist das dahin gekommen? Ich suche nämlich gerade einen Schlafplatz, auch wenn die Sonne nicht untergeht. Ein Feldweg biegt ab von der Nationalstraße, führt den Berg hinunter und - direkt ins Wasser. Kristin steigt aus und untersucht die seichte Stelle, und ich folge ihr mit dem Bus auf dem überspülten Weg bis auf die Insel. So geht das also. Wir bleiben zwei Nächte. Mit unserem Schlauchboot erreichen wir die Berge, Anemonen im Juli, Elchabdrücke im Schnee. Der spiegelglatte See verdoppelt alles, was die Sonne rot-gelb erleuchtet.

 

Es ist Mitternacht. Die Wolkendecke reißt auf. Ein herrlicher Sonnenstrahl überflutet die letzten Birken, das kniehohe Tundragestrüpp, die Rentiere, die über Schneefelder ziehen. Das, was in der Ferne aussieht wie ein Bergsee in höheren Lagen der Alpen, in dem sich die schneebedeckten Gipfel spiegeln, ist in Wirklichkeit das Meer, das sich in langen, verwinkelten Fjorden tief ins Land frisst. Am Ufer werden an Holzgestellen Massen von Stockfischen getrocknet. Mildes Nordland am Golfstrom, ich ahne, wie trostlos deine Winter sind, aber deine Sommerfarben sind unvergleichlich!

 

 

 

285

 

Anhalten, da stimmt was nicht! Wir fahren gerade an der Strandpromenade von Marseille entlang, um einen Schlafplatz zu suchen, als mir die Gangschaltung nicht mehr richtig zu gehorchen scheint. Kaum steht der Bus, probiere ich die Gänge noch einmal richtig aus – und habe den Schaltknüppel in der Hand! Er ist einfach abgebrochen, und zwar, wie ich nach dem Entfernen der Gummimanschette feststelle, ziemlich weit unten am Bodenblech. Und jetzt? Nach einiger Untersuchung und Überlegung stecke ich einen großen Schraubenzieher in den verbliebenen Stumpf. Salka muss am Boden kauern und mit einer Zange den Stumpf hochhalten, weil sonst nur der Rückwärtsgang zu schalten ist, während ich den Zweiten Gang einlege und auf den großen Parkplatz des nächsten Restaurants fahre. Dort wird erst einmal geschlafen. Der Gang bleibt drin.

 

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen fahren wir dann mit Warnblinker und Schritttempo durch die Stadt in die nächste VW-Werkstatt. Nachdenklich sieht der Monteur auf unser Malheur. Solch einen Gangknüppel könne er besorgen, müsse ihn aber aus Paris kommen lassen. Aus Paris? Wie lange soll das dauern? Gedanken schießen durch meinen Kopf. Dies ist die erste Tour mit meiner neuen Freundin, auf der ich ihr die Schönheit meiner Busreisen zeigen wollte. Bis vorgestern hat es jeden Tag geregnet. Und nun, wo die Sonne vom Himmel lacht, sollen wir unseren Urlaub tagelang auf dem Hof einer Werkstatt zubringen? Nein, ich muss mich jetzt von meiner erfinderischen Seite zeigen. Der Schraubenzieher gefällt mir eigentlich schon ziemlich gut. Das Problem ist die nicht mehr montierbare Feder, die alle anderen Gänge vom Rückwärtsgang fernhält. Draht, Bindfaden, Zeltgummi und viele andere Utensilien, die sich auch in Hosentaschen unternehmungslustiger Jungs befinden, haben wir natürlich an Bord. Was mir fehlt, ist eine kleine Schlauchschelle. Um so ein Teilchen bitte ich jetzt den Monteur. Sein Gesicht spricht sehr deutlich „Armer Irrer, was willst du denn jetzt damit?“, aber sein Mund spricht es nicht, als er uns die Schelle erwartungsvoll sogar schenkt. Unter seinen neugierigen Augen ziehe ich diese kleine Schlauchschelle jetzt fest um den verbliebenen Rest des Gangknüppels und befestige an ihr einen alten Bindfaden. Den wiederum knote ich an einen Spanngummi aus Bordmitteln, den ich oben in ein Loch am Armaturenbrett einhake. Stramm gezogen ersetzt die Konstruktion die ehemalige Feder. Und nun brauche ich nur noch den Schraubendreher einzustecken, und kann alle Gänge problemlos bedienen. Ich genieße, dass mich Salka bewundert. Während wir nun also ohne Hupkonzert hinter uns wieder zur Strandpromenade fahren, nehme ich mir vor, den längsten Schraubendreher zu kaufen, den es in Marseille gibt, damit ich mich beim Schalten nicht mehr so tief bücken muss. Und wenn ich so dann gut nach Hamburg komme, kann ich mir auch zu Hause die Werkstatt sparen.

 

 

 

290

 

13 Stunden im Kurswagen nach Oberstdorf, mein Fahrrad und ich. Gerammelt voll ist der Zug, Sitzplätze ausgebucht. Ich sehe mich im Gang die Luftmatratze aufblasen, und so vergeht für mich die Nacht im Schlaf. Als mich das erste Morgenlicht weckt, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass ich mir die Matratze inzwischen mit zwei Mädchen aus Bremen teile.

 

München liegt hinter uns. Wie immer kommen die Berge plötzlich. Sie beherrschen den Horizont mit einem Mal. Der Zug kurvt sich durch die Voralpen. „Fahren wir da durch oder um zu?“ Typisch Bremen. Wir fahren „um zu“. In Oberstdorf steigen die meisten in einen Bus, ich nicht, denn der nimmt kein Fahrrad mit. Mehrere Stunden mit voller Zeltausrüstung die Walserschanze hoch zu schieben - bei einem solchen Ausblick ist es ein Genuss! Oben ist die Grenze, eine eigenartige Grenze. Eigentlich geht es jetzt nach Österreich, aber es gilt deutsches Geld, gibt deutsche Briefmarken in diesem für Österreich unzugänglichen Kleinen Walsertal, in das ich nun mit dem Fahrrad hineinfahre, bis die Straße endgültig zu Ende ist.

 

Der vormilitärische Inhalt meines Aufenthaltes kann mir nicht die Bewunderung für die Alpenlandschaft nehmen, die ich zum ersten Mal sehe. Die Ruhe der hohen Fichten, das ewige Gemurmel der Bergbäche, die blumenübersäten Wiesen, das Panorama der an die Ewigkeit mahnende Gipfel, die im Abendlicht rot aufleuchten. Hier gelingt jedes Foto. Wo ich auch hingehe, es eröffnet sich sofort ein anderes Bild, eine andere Perspektive.

 

Ich verlasse die Berge nicht um ihretwillen, weiß Gott nicht. Obwohl ich mir vor der Reise vorsorglich eine dritte Bremse eingebaut habe, erreicht mein Fahrrad auf den Serpentinen der Walserschanze ein Tempo, dass ich mit dem Gepäck nur noch knapp beherrsche. Kein Auto überholt mich, bis ich die schnurgerade Straße nach Oberstdorf einfahre und endlich ausbremsen kann. Ich bin dankbar, dass ich die Kurven ohne Unfall überlebe. Im Zug nach Hause reift dann mein Entschluss, den Kriegsdienst zu verweigern.

 

 

 

300

 

Könnt Ihr uns ‘mal den Pass abstempeln?“ Die Schranke ist geschlossen. Vor der Bretterwand mit der Aufschrift „Pass-Stelle“ steht ein Stuhl. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau mit einem kleinen Kind. Sie guckt hoch. „Wooolfgaaang“ ruft sie über die Schranke. „Geht doch mal rüber in die Information. Da haben sie den Stempel.“ Nun gut, wir gehen um die Schranke herum zur Information. Umständlich kramt „Wolfgang“ Stempel und Stempelkissen heraus und setzt einen sauberen Einreisestempel in unseren Pass. Das Touristenmaterial in der Information interessiert mich weniger, angetan bin ich von der regen Bautätigkeit jenseits der Grenze. Niko ist ebenso begeistert. Immer wieder taucht das typische wendische Haus auf, eine Art Rundbau, oder sechs- bis achteckig, je nachdem, wie viele Stützpfeiler, kreisförmig um die Feuerstelle aufgestellt und tief im Sand vergraben, das Innerste des Hauses bilden. Sie ragen grundsätzlich ein kleines Stück über das Dach hinaus und geben so Raum für Oberlichter und Abzug für den Rauch, bevor sie oben selbst mit einem Turmdach abgeschlossen werden. Der Großteil des Hausdaches erstreckt sich rundherum von unterhalb der Oberlichter leicht abfallend bis über die Hauswände hinaus. In jeder Art Variation findet sich der “Wendische Rundbau wieder, am schönsten und originellsten im „Berliner Dorf“, das von Exilberlinern bewohnt wird, und am größten und stabilsten in der Versammlungshalle. Baumaterial sind durchweg Kiefernstämme, was dem ganzen Land trotz der sehr unterschiedlichen Bauten ein einheitliches Bild verschafft. Die großen, dicken Stämme bilden das Kernrund der Häuser, die mittelstarken das Wandgerüst, und all die dünnen Stämmchen füllen, eng aneinandergenagelt, das Dach und die Wände. Gegen Wind und Regen werden die Ritzen mit Stroh verstopft, das Dach mit irgendeiner Art Plane bedeckt. Die größten Stämme werden von jeweils zwanzig Männern herbeigetragen und für die Verteidigungstürme aufgestellt. Nicht jeder Bau ist ein Rundbau, mehr als die Hälfte der Häuser sind einfacher gebaut, auch die Bergedorfer Botschaft mit der Regenbogenfahne und der Aufschrift „Freiheit für Muff Potter“ ist eine vergleichsweise einfache Hütte. Überhaupt Fahnen, überall wehen Fahnen, von den Türmen, von allen Häusern, nur von der Kirche nicht, deren Turm von einem schlichten Kreuz geziert wird. Nicht nur die offizielle Flagge der „Freien Republik Wendland“ weht, nein, der Fantasie sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Es gibt auch Windräder, Sonnenkollektoren, Schweinepferche und Hühnerställe, Speisehalle, Ambulanz - und eine große Grube mit der Aufschrift „Wir scheißen auf den Atomstaat“: Frauen rechts, Männer links. Wenn die Bauern aus der Umgebung kommen, bringen sie Stroh und frisches Wasser mit, Obst und Gemüse, das dann auf dem Marktplatz verschenkt wird. Den florierenden Tourismus bezeugen der angeschlossene Campingplatz und der belegte Parkplatz für Reisebusse. Es ist kein Problem, an dem kulturellen Leben der Einheimischen teilzuhaben, das sehr stark von der Gitarre geprägt ist und von dem Feuer, das im Innenrund des Hauses brennt und für Wärme sorgt. Im Mai können die Nächte noch kalt sein. In diesem Land ist immer Mai.

 

 

 

320

 

An Sand und Meer hatte ich für heute gedacht, nicht an Stadt. Aber manches kommt anders. Die beiden Mädchen hatten hinten im Bus meine Gitarre entdeckt und sangen die ganze Fahrt, während ich sie fuhr. Und so will ich ihnen die Chance, noch heute nach Hause zu kommen, nicht nehmen. Sie steigen mitten in der Stadt an einem alten Turm aus, suchen sich eine neue Position, recken den rechten Daumen gen Straße und winken mir mit der Linken fröhlich nach. Ich entschließe mich zu einer Pause und stelle kurzentschlossen den Bus ab. Um dem Straßenlärm zu entkommen, schlendere ich über eine Brücke und durchschreite ein Stadttor. Staunend stehe ich auf der langen Straße, die breit ist wie ein Platz, würdevoll eingerahmt von all den vornehmen Bürgerhäusern, hanseatischer und vollständiger als in Lübeck. In der Mitte steht das Rathaus, eigentlich aus mehreren Häusern zusammengewachsen, in denen sogar die prächtigen Deckengemälde noch zu sehen sind. Völlig unmöglich erscheint es mir, dass diese Perle von einer Altstadt aus einem Trümmerhaufen mühselig rekonstruiert wurde, dass nichts davon erhalten ist, sondern alles neu erbaut. Aber es ist ja nicht nur der Kern um den Marktplatz, der ähnlich liebevoll und geschichtsgetreu aufgebaut wurde wie auch in Warschau oder Posen, sondern die ganze Innenstadt, Straße für Straße, Häuserzeile für Häuserzeile, alles, was sich innerhalb der Stadttore befindet, wurde wieder errichtet. Das Gesicht der alten, reichen, würdevollen, aber heute noch lebendigen Hansestadt wurde wieder auferweckt, nicht nur ein Denkmal oder Museum hingestellt. Ich habe Danzig nie zuvor gesehen, aber mir kommt die Stadt sofort heimatlich vor. Durch alle Straßen der Altstadt streife ich. Die Musik einer Geigerin lockt mich in die Mariengasse, Treffpunkt der Touristen. Die Gasse war früher nichts besonderes, erfahre ich, man habe nur all die Treppchen, Stuckteile, Ornamente, von denen man nur noch einen geringen Teil unversehrt bergen konnte, hier zusammengetragen, statt sie über alle Straßen zu verteilen. Und so wurde die Mariacka zum Edelstein im Schmuckstück. Beim Aufstieg auf den Turm der Marienkirche komme ich am Dachstuhl vorbei. Ich suche das kunstvolle Gewirr der Balken über dem Gewölbe solcher Kirchen vergeblich. Hier herrscht Stahlbeton. Es wurde nur für die Ansicht rekonstruiert, nicht originalgetreu. Gerade aber die Ansicht macht es, denke ich, als ich oben vom Kirchturm über die vielen Dächer und Gassen sehe. Stahlbeton innen, entkernte Höfe, modernisierte Häuser, aber äußerlich entstieg ein traumhaftes Stadtbild der Asche des Krieges.

 

 

 

330

 

Der Winter geht seinem Ende zu. Es regnet. Ich breite meine Arme aus und lasse den warmen Nieselregen auf meine Haare, mein Hemd fallen. Endlich angekommen in Portimão! Vier stressige Tage, angstvolle Nächte mit der Schmuggelware, über 3000 km liegen hinter uns. Martin wird übel vor Erschöpfung, aber auch er ist glücklich.

 

Holt Apfelsinen“, ermuntert uns Anke, bei der wir die Kühlschränke abgeliefert haben. Wir nehmen den großen Korb und klettern über Nachbars Zaun. Die Apfelsinenbäume blühen gerade, tragen aber auch die leuchtend reifen Früchte der Vorjahresblüte. Dazwischen blühen Mandelbäume in ihrer geheimnisvollen Farbe. Wir pflücken Apfelsinen, den großen Korb voll. Die weiße, im maurischen Stil gehaltene Villa irgendeines fremden Eigentümers, der nur alle paar Jahre für kurze Zeit kommt, sieht uns verlassen und einsam zu. Anke macht Saft aus den Apfelsinen, unser tägliches Getränk.

 

Essen wir alle von demselben Teller? Wir sitzen am Hafen von Portimão vor der Fischbratküche, vor uns eine Riesenschüssel Sardinen, frisch gebraten. Wer will, greift zu, knabbert an den winzigen Heringen, legt die Gräten auf seinen Teller, isst dazu Brot und trinkt roten Wein. Die Fischer klaren ihre Netze, laden kistenweise Fisch aus. Einer hat eine große Koralle herauf geholt und zeigt sie stolz vor. Die Sonne scheint freundlich durch schwachen Dunst. Als wir satt sind, kommt der Wirt und zählt bei jedem die Köpfe an den abgenagten Gräten als Grundlage für die Bezahlung.

 

Wir liegen am Strand und lassen uns bräunen. Die orange-gelbe Felsenküste hinter uns fängt die Sonne auf und strahlt Wärme ab. Der Sand ist warm. Die bizarren Figuren aus Muschelkalk, Türme, Mauern, Torbögen, von der Natur gemacht, werden von Wasser und Sand umspült. Die Kinder baden. Der Strand ist übersät mit Muscheln, da es keine Touristen gibt, die sie aufsammeln. Jeder Stress fällt von uns ab. Im Winter ist es unglaublich ruhig an der Algarve.

 

 

 

350

 

Was ich von Ligny en Barrois noch erinnere? Nichts, außer dem Klo. Es war doch ein Muster an einfacher Eleganz und sparsamer Funktionalität, nicht wahr? Von der Jugendherberge gehst du über den Hof, und da ist es dann. Einfach ist vor allem die Architektur. Es handelt sich, von innen gesehen, um einen aufrecht stehenden Hohlquader aus Beton. Eingerahmt von rechten Winkeln ziert die Wände nichts, kein Gerät, keine Armatur, nur der glatte Putz. In der Mitte des Bodens ist die einzige Unterbrechung, ein rundes Loch von etwa 15 cm Durchmesser. Nein, nicht wie bei einem Stehklo, da gibt es eine Schüssel, Trittflächen, womöglich Wasserspülung und anderen Aufwand mehr. Hier ist das schwarze Loch das Einzige, das dem Auge Halt gibt. Deinen eigenen Halt nun wiederum garantiert die grüne Tür in der vorderen, ansonsten offenen Wand des Quaders. Sie ist eine Multifunktionstür dadurch, dass sie nur etwa halb so hoch ist wie die Öffnung. Das reicht, denn im Hocken bist Du auch nicht größer als die Tür. Während Du versuchst, genau ins Loch zu zielen, ohne die Hose den Boden berühren zu lassen, hältst Du Dich an der Oberkante der Tür fest. Dadurch ist die Tür automatisch geschlossen, was einen Riegel erübrigt. Der nächste Gast erkennt an den Fingern über der Türkante sofort ein “besetzt“ und kann diskreten Abstand wahren, bis er an der Reihe ist. Und obendrein kommt, wenigstens am Tage, das fürs Zielen unentbehrliche Licht durch den oberen Teil der Türöffnung. Morgen sorgen wir vor. Die Feldränder in der Champagne sind zwar nicht funktional, aber komfortabler.

 

 

 

353

 

Zu Hause sind wir nicht arm!“ Sie sagt es sehr entschieden und auch ein wenig entrüstet. Vielleicht habe ich nur etwas zu verständnisvoll über die Kosten des Lebens geredet, weil sie so sparen müssen. Eigentlich sind sie wirklich alles andere als arm, denke ich nach kurzer Überlegung. Die beiden Familien sind jede mit eigenem Auto aus der Nähe von Magdeburg auf diesen Campingplatz in den Urlaub gefahren, zum Valence-See, dem kleinen Bruder des Balaton. Sie haben alles mitgebracht, was man braucht. Ihr Zelt nennen sie „Klappfix“, und wirklich, man kann sehr fix aus dem kleinen Pkw-Anhänger ein recht großes Mobilheim aufbauen. Sie haben Unmengen von Lebensmitteln mitgebracht, denn eines haben sie wirklich nicht: Geld. Sie kamen mit Gutscheinen, die sie in der DDR kaufen mussten. Mit den Gutscheinen bezahlen sie den Campingplatz und andere Leistungen. „Die Gutscheine verrechnen die Ungarn dann z.B. mit Trabbis, die die DDR hierher liefert“, erklärt ihr Mann das System. Ungarische Forint bekamen sie nur in sehr kleiner Menge zugeteilt, denn einfach DDR-Mark in Forint tauschen, das gibt es nicht, weder offiziell noch auf dem Schwarzmarkt. Und sie sind wütend über die Holländer, die jeden Tag in den Restaurants essen gehen und sich kaputt lachen, wie wenig Gulden sie dafür bezahlen müssen. Auf mich sind sie nicht wütend, denn mein sichtbarer Lebensstandard ist ja eher noch kleiner als ihrer. Und außerdem ist ihre Tochter Peggy gerade in Nikos Alter, und die beiden schwimmen zusammen, fahren das - von mir gemietete - Boot zusammen und gehen nachmittags gemeinsam in das große Kinozelt mitten auf dem Platz. Dort gibt es jeden Tag „Dirty Dancing“, und Niko muss den Film inzwischen wohl auswendig kennen, als wir uns nach einer Woche in Richtung Budapest verabschieden.

 

 

 

360

 

Die ganze Nacht konnten wir nicht schlafen. Meeresbrandung empfinde ich normalerweise als eher einschläfernd, aber dieser Sturm ließ die Wellen wohl doch zu laut brüllen. Oder es lag an dem heftigen Schaukeln unseres Vier-Personen-Bettes, als schliefen wir in einem Kahn auf den Wellen und nicht auf festem Strand. Vielleicht ist es aber auch nur das nervige Pfeifen gewesen. Seit unser Bus mit dem linken vorderen Holm eine innigere Bekanntschaft mit einem Laternenpfahl gemacht hat, schließt die Fahrertür nicht mehr ganz richtig. Der Wind versteht vorzüglich, auf dieser Lücke zu spielen – eine eintönige Melodie in höchsten Tönen. Also stehen wir nun am besten alle auf und machen Kaffee. Abgesehen von dem Sturm ist es ein herrlicher Schlafplatz. Wir stehen direkt auf festem Sand, vor uns die Wellen der Nordsee und hinter uns eine steilaufragende Düne, hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Sie zieht sich an Jütlands Küste entlang bis nach Løkken. Man glaubt gar nicht, dass sich Sand dermaßen stapeln lässt. Von ganz oben winken ein paar Strandgräser über die Kante. Unten sind wir ganz allein, so früh am Morgen. Ich lasse den Motor an, um den Bus zu rangieren. In der Nacht haben wir ihn mit der Schnauze in den Wind gedreht, jetzt aber muss die offene Seitentür in Lee gebracht werden. Lörchen hält den Kessel fest, denn der Sturm ruckelt noch wütender, wenn er die Breitseite geboten kriegt. Schnautzel steht am Wasser. Vielleicht träumt er noch von dem schönen Sonnenuntergang gestern Abend. Noch in Gedanken folgt er unserem Ruf zum Frühstück. Plötzlich reißt ihm der Sturm die Fahrertür aus der Hand. Ich schreie auf und sehe die Tür schon abbrechen, denn der Wind knallt sie auf, dass die Scharniere krachen. Schnautzel fängt sie noch halbwegs ab, ein Ruck geht durch den Bus – und von dem Moment an lässt sich die Fahrertür wieder perfekt schließen.

 

 

 

365

 

Die Sonnenfinsternis muss ich sehen! So ein Ereignis ist zu selten, um es zu verpassen. Auf der Karte hat Martin einen Strich gezeichnet, quer durch Süddeutschland, von Saarbrücken bis zum Chiemsee. Auf dieser Linie wird die Finsternis total sein. Ich entscheide mich für das Rheintal, weil es mir die meiste Garantie für gutes Wetter zu geben scheint. Reiner Sonnenschein ist nämlich nirgendwo angesagt. Je näher wir der Linie kommen, desto mehr Rummel wird um das Ereignis gemacht. Über die Karte gebeugt entscheide ich mich weiter für den unbedeutenden Ort „Bietigheim“ zwischen Rastatt und Karlsruhe, weil er genau auf Martins Linie liegt, nicht zu groß und gut zu erreichen ist.

 

In der Tat finden wir in Bietigheim eine ideale Wiese, auf die wir unseren „Vagabondo“ hinstellen und uns häuslich einrichten. Mit der Zeit finden sich immer mehr Menschen mit ihren Autos ein, die teilweise sogar recht große Beobachtungsgeräte aufbauen. Weil alle Sonnenschutzgläser in der ganzen Umgebung ausverkauft sind, beruße ich in aller Ruhe zwei Glasscheiben mit einer Kerzenflamme. Geschützt durch die schwarzen Gläser sehen wir zu, wie die Sonne langsam von einer runden, schwarzen Scheibe bedeckt und zur Sichel wird. Leider ziehen viele Wolken über den Himmel, so dass wir nur ab und zu sehen können, wie sich die Sichel immer mehr verschmälert. Aber dann, als das letzte Sonnenlicht verschwindet, gibt es gerade eine große Wolkenlücke, und wir können alles beobachten. Es wird mitten am Tag dunkel. Und es wird kalt, dass uns fröstelt. Die Sterne am Himmel leuchten auf. Um die dunkle Scheibe vor der Sonne erstrahlt für fünf Minuten die prächtige Corona. Danach brauchen wir wieder unsere Rußgläser, um zu beobachten, wie die Sonnensichel langsam wächst.

 

 

 

370

 

Wieder zu Hause nach langer Reise. Auch das ist ein schönes Gefühl, obwohl der Urlaub zu Ende ist. Der Schlüssel dreht sich im Schloss, gleich werden wir die leere Wohnung betreten, sorgenvoll die Blumen begutachten – aber was ist das? Hier wohnt doch jemand, stellen wir zu unserer Verblüffung fest, obwohl jetzt gerade niemand da ist. Eine Konservendose mit polnischer Aufschrift? Krzysztof! Er ist während unserer Ferien gekommen, und Anne hat ihn reingelassen, damit er hier wohnen kann. Krzysztof haben wir vor etlichen Jahren kennen gelernt, als wir ihn und seine Freundin als Tramper mitnahmen, irgendwo in den Alpen. Manchmal, wenn er eine Ausreisegenehmigung bekommt, fährt er in den Semesterferien aus Sopot nach Hamburg, um ein bisschen Geld zu verdienen. Studentenjob. Wir freuen uns immer, wenn er kommt.

 

Krzysztof kommt von der Arbeit und wird fröhlich begrüßt. Wie geht es dir? Wie geht es Alina? Die ist dir nicht treu geblieben? Wie schade, da versteh einer die Frauen. Du hast Arbeit im Kühlhaus Moorfleet? Was machst Du da? Krzysztof erzählt. Den ganzen Tag entfernt er dort Etiketten von Tiefkühlpaketen und klebt anschließend andere Etiketten wieder drauf. Als Übersetzung? Nein, alle Etiketten sind deutsch. Komische Arbeit. Krzysztof spricht Englisch, aber kein Deutsch, und erst recht kann er Deutsch nicht lesen, eine Voraussetzung für den Job.

 

Dann gehen wir drei zu Anne runter. Natürlich hat sie Kuchen, wahlweise aber auch Abendbrot für alle. Wir erzählen, wir lachen. Schließlich, zu vorgerückter Stunde, holt Krzysztof die Etiketten aus der Tasche, die er heimlich mitgenommen hat, weil er endlich einmal wissen will, was draufsteht. Bei den zu entfernenden Etiketten lesen wir „Kängurufleisch, Herkunft Australien“. Bei den neu aufzuklebenden lesen wir „Wildschweinkeule“. Wie bitte?

 

 

 

380

 

Bonifaccio, Aiaccio, Porto vecchio, man hat nicht den Eindruck, In Frankreich zu sein - und ist es ja auch nur sehr bedingt. Morgens durch Buschwälder wandern, sich mittags in einem Felsenbecken abkühlen, das von einem Bergbach gespeist und von hohen Kiefern bewacht wird, nachmittags im Meer schwimmen und abends im Restaurant sitzen: auf Korsika ist das möglich. Keine Landschaft Europas vereinigt Berge, Wälder und Meer auf so engem Raum und in so einmaliger Schönheit. Ein wilder Campingplatz unter Bäumen an der Westküste bei Porto, herrlich zum Leben, wenn man das Trinkwasser nicht dem Fluss entnimmt und nur im Meer badet. Wer nur ein Bisschen den Strand verlässt und um die Felsen herumschwimmt, findet winzige Strandbuchten oder Felsenplatten, auf denen es sich abgeschieden sonnen lässt.

 

Ich weiß nicht mehr, wo ich sie aufsammelte, die beiden jungen, vollschlanken Tramperinnen mit ihren großen Rucksäcken und den ausgezeichneten Kenntnissen in der französischen Sprache. Sie schlafen unter freiem Himmel und bauen nur selten ihr Zelt auf. Sie waschen ihr Geschirr im Meer. Sie sehen mit uns die Sonne über Calvi untergehen. Sie spielen mit Niko. Sie lauschen meiner Musik und singen mit mir in die Nacht. Sie lotsen den Bus über enge Pässe und durch ein Flussbett, als es zum unwegsamen Cap Corse geht, und sie genießen den Tag und das Land mit uns, obwohl sie eigentlich für Niko zu alt und für mich zu jung sind. Nach etlichen Tagen gehen sie genauso plötzlich wie sie kamen, und zwar an einem kleinen Sandstrand unterhalb eines steilen Ufers, das wir hinabgeklettert sind, um zu baden. Sie werfen ihre Anker bei zwei jungen Franzosen, die dort sitzen, während auf Niko und mich die Fähre nach Nizza wartet.

 

 

 

390

 

Endlich hält einer, das wird auch Zeit! In dem Käfer aus Stuttgart sitzt eine ganze Familie. Obwohl nur noch ein Platz frei ist, haben sie für mich gehalten. Doch, sie fahren Richtung Innsbruck, aber nicht ganz bis dahin und nicht über den Arlberg. Nach der langen Steherei ist mir das egal, Hauptsache, die Richtung stimmt. Also los, einsteigen. Es geht über eine Hochalpenstraße mit 37 Spitzkehren - ein fantastisches Panorama, selbst vom Rücksitz aus. Oben auf dem Pass, über 2000m hoch, verabschieden sich die Leute plötzlich von mir - und fahren zurück. Völlig verdattert sehe ich mich um. Ich stehe hoch in den Alpen, gegenüber einem teuren Hotel, sonst Ruhe und Einsamkeit. Die Straße geht zwar weiter, aber sie ist unbefahren. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich auf dem Weg hierher die letzte Ortschaft gesehen hätte. Bedenklich nähert sich die Sonne den Bergspitzen, und die jetzt schon aufkommende Kälte lässt die Idee einer Übernachtung im Freien gar nicht erst aufkommen. Es bleibt keine Wahl, ich muss aus dieser Höhe wieder herunter, wenn nicht anders, dann zu Fuß. Lieber nachts marschieren als erfrieren. Also nehme ich Rucksack und Gitarre und laufe Richtung Innsbruck in die Dämmerung hinein. Zu meinem Erstaunen kommt aber schon nach kurzer Zeit eine Ortschaft mit dem ulkigen Namen Galtür, und dort fährt noch der letzte Postbus. Das Glück hat mich nicht verlassen! Der Fahrer will offensichtlich schnell nach Hause. Mit mir als einzigem Fahrgast kurvt er den großen Bus halsbrecherisch die Alpenstraße hinab, oftmals mit dem Führerstand weit über dem Abgrund schwebend, donnert über Holzbrücken, rauscht durch die Wälder. Mittlerweile ist es ganz dunkel geworden, was die Fahrt noch unheimlicher macht. Sie endet in einer Stadt namens Landeck. Ich steige benommen aus. Es ist sehr später Abend. Ich gehe zur Polizeiwache, um nach einer billigen Unterkunft zu fragen. Zu meinem Erstaunen weisen sie mir den Weg zur „Jugendherberge“, von der mein Verzeichnis nichts weiß. Gerettet!

 

Keine Jugendherberge habe ich jemals so geliebt wie diese. Sie bestand aus einem alten, sauberen Schweinestall mit sechs Betten für Mädchen. Darüber war ein Heuboden mit zwölf Betten für Jungen. Das Plumpsklo war nebenan. Wasser gab es aus der Pumpe. In diesen Stall zog es mich immer wieder hin. In ihm lernte ich die Mädchen kennen, die ich später in Schweden besuchte. Und auch den Rentner, der mit seinem Moped durch Europa fuhr und einmal im Monat nach Düsseldorf kam, um seine Rente abzuholen. In ihm knüpfte ich Kontakte nach Amsterdam. Und er war mit seiner traumhaften Umgebung auch ein ideales Ziel für eine Hippie-Hochzeitsreise.

 

 

 

400

 

Bin ich der einzige, der die Gemälde betrachtet? Die anderen Menschen scheinen nur vorbeizueilen. Geschichtliche Episoden sind dargestellt, überlebensgroß, an beiden Seiten der Halle. Auch die Decke ist verziert und bemalt, wird von langen Reihen marmorverkleideter Säulen getragen. Prächtige Kronleuchter hängen herab, die zusammen mit den stilgleichen Wandleuchtern an den Säulen für Helligkeit sorgen. Bänke laden zum Verweilen ein. Sie werden auch genutzt, aber nur zum Verschnaufen. Die umgebende Pracht scheint niemand zu beachten, sie ist wohl schon lange zur Gewohnheit geworden. Ohnehin haben es die meisten Menschen sehr eilig, steigen ein oder aus und hasten die Halle entlang. Zusammenstöße mit einem stehenden Betrachter sind da unvermeidlich. Der Mann entschuldigt sich wort- und gestenreich bei mir. Sein Begleiter macht ihm Vorhaltungen, das ist deutlich zu erkennen, auch wenn ich sein Russisch nicht verstehe. Er klopft mir überfreundlich auf die Schulter, und da sind die beiden auch schon wieder im Gewühl verschwunden. Etwas verwirrt zupfe ich meinen Mantel zurecht. Die Brusttasche ist offen? Die Brieftasche ist weg!

 

Ein paar Sekunden brauche ich schon, um zu begreifen, mit welcher Dreistigkeit ich da soeben bestohlen wurde. Aber mein Zorn macht schnell einer gerechten Schadenfreude Platz: In der Brieftasche war nichts von Wert. Zwanzig Grußadressen in die Heimat, die ihren Weg auf die Postkarten schon lange gefunden haben, Bilder von meinen Kindern, von Hamburg, nichts weiter. Doch, die Fahrkarte! Die Metro-Fahrkarte war darin! Wie komme ich hier jetzt wieder raus? Hier sind grundsätzlich alle Ausgänge kontrolliert. Wer die Station verlässt, gibt die Fahrkarte wieder ab. Personal spielt keine Rolle. Ein Entkommen ist undenkbar. Was passiert mit einem Schwarzfahrer in Moskau? Geht es so ab wie im sozialistischen Budapest, wo wir Ahnungslosen von zwei Kontrolleusen ‘gestellt’ wurden, die einen Riesenaufstand machten und uns dann schließlich mit lächerlichen drei Mark zur Kasse baten? Oder wird man hier in Russland gleich abgeführt? Unsicher betrete ich die hölzerne Rolltreppe. Sie fährt sehr schnell, ist aber so lang, dass die Menschen auf ihr in Ruhe Zeitung lesen. Am Ende jeder Treppe sitzt eine Uniformierte im Glaskasten, um im Notfall die Maschinen anzuhalten. Die guckt auch schon so böse, obwohl sie noch gar nicht wissen kann, dass ich keine Fahrkarte habe. Lange unterirdische Gänge, der obligatorische Bettler in der Ecke. Ich greife gewohnheitsgemäß in die Manteltasche, in der ich die kleineren Scheine für solche Fälle aufbewahre - die Fahrkarte! Nein, sie war doch nicht in der Brieftasche, sondern unachtsam zum Bettlergeld geworfen. Eine Riesenerleichterung durchflutet mich. Ich nehme die lauten Dankeshymnen und frommen Segenswünsche des Bedauernswerten kaum noch wahr, gebe die Fahrkarte ab und sehe dem Kontrolleur triumphierend in die Augen. Der zuckt tatsächlich etwas zusammen, aber er lässt mich gehen.

 

 

 

410

 

Fünf Uhr in der Frühe, die Sonne kämpft sich noch durch den Morgendunst. Die Maschine arbeitet mit voller Kraft und lässt unter uns den Boden erzittern. Wir hatten keine Lust mehr zu schlafen, der kleine Niko und ich, und so sehen wir, dass wir das Meer hinter uns haben und an der Küste entlang fahren. Am Ufer liegen einzelne Häuser, hinter dem Hügel ragen die Spitzen der Minarette empor und vor uns hebt sich die grazile Brücke aus dem Morgendunst, die Europa und Asien verbindet. Die Pylone wachsen zu gewaltiger Höhe auf, bis wir die Fahrbahn unterqueren. Die relativ steil ansteigende Stadt lässt den Blick auf viele Häuser gleichzeitig zu und begrüßt uns mit ihrer bunten Seite, als wir in das Goldene Horn einbiegen.

 

Wir haben nur wenig Zeit in dieser trubeligen Stadt, sehen die Große Moschee und andere Sehenswürdigkeiten, finden uns aber schnell auf dem berühmten Bazar wieder. Eine unglaubliche Fülle von Schaustellungen, Waren, Lichtern empfängt uns unter dem Dach des Bazars. Mir kommt es vor, als kämen die Menschen, die sich in großen Massen drängen, von überall her, nur nicht aus Istanbul. Ich halte den kleinen Niko ganz fest. Nicht auszudenken, wenn ich ihn hier verliere. Die Sorge hindert mich, mir auch nur irgendetwas anzusehen, bis ich schließlich auf den Gedanken komme, Nikos Hose mit meinem Schlüsselband fest zu verbinden. So kann ich ihn an der Hand halten, auch auf den Arm nehmen, aber auch einmal irgendeine Ware ansehen, anfassen. Zum Kaufen komme ich nicht; die Fülle der Angebote erschlägt den klaren Gedanken, der dazu notwendig wäre, und das Handeln liegt mir sowieso nicht.

 

Mit dem gemieteten Ausflugsboot fahren wir über den Bosporus. Ich steige aus, nur einen Schritt. Er wird für alle Jahre der einzige Schritt bleiben, den ich jemals Europa verließ.

 

 

 

420

 

Weißt du, ich habe heute Geburtstag. Machst du für uns Musik?“ Vor mir steht eine schöne Frau im Badeanzug. Ich kenne sie nicht. Sie lächelt fragend. In ihrem Gesicht haben Arbeit, Sorgen und Lebenserfahrung Spuren hinterlassen, aber ihre Figur ist die einer Zwanzigjährigen. Gern mache ich für sie Musik. Unten am See haben sie ein Lagerfeuer gemacht, einige Erwachsene und etliche Kinder. Sie werden mir allesamt vorgestellt. Mühsam merke ich mir, wer zu wem gehört. Die Kinder sind mit Mutter, Onkel oder Tante dabei, kein einziges mit beiden Eltern. Die Familie ist hier nicht nur die Kleinfamilie. Wir feiern die halbe Nacht Bozenas Geburtstag. Und das drei Abende lang.

 

Bozena ist traurig, weil sie in wenigen Tagen nach Deutschland muss. Sie feiert auch ihren Abschied. Drei Monate wird sie in der Fremde arbeiten, weit weg von der Grenze im Rheinland. In den Schulferien ist es für sie am wenigsten schwierig, ihre Kinder allein zu lassen. Ferienlager, Tanten und Onkel überbrücken die Zeit. Bozena fährt nicht gern weg, aber zu Hause ist sie als arbeitslose Witwe chancenlos. Ihre Söhne sind sehr begabt. Sie brauchen das Gymnasium und später ein Studium, sind noch lange auf das Geld angewiesen, das ihre Mutter aus der Fremde mitbringt. Dort arbeitet die diplomierte Akademikerin als Putzhilfe, und das von früh bis spät an mehr als einem Dutzend Arbeitsstellen, die sie sich mit zwei Freundinnen teilt. Alle paar Monate lösen sie sich ab, auch als Bewohnerin des möblierten Zimmers.

 

In Bozenas Wohnung am Rande der schlesischen Kleinstadt fehlt es an nichts. Die Wohnung ist ihr Eigentum, zu günstiger Zeit mit D-Mark bar bezahlt. Bozena wohnt miet- und schuldenfrei. Sie leistet sich sogar ein Auto, made in Germany. Ihre Kinder sind wohlerzogen und erfolgreich. Bozena hat es geschafft. Ich bewundere sie.

 

 

 

440

 

Tag der Offenen Tür im Atomkraftwerk? Das gibt es doch gar nicht! Meine Gastgeber, bei denen ich am Frühstückstisch sitze, drehen das Radio lauter. Das Atomkraftwerk in Lubmin sei ganz sicher, hören wir, und alle im Volk, die daran zweifeln, seien heute eingeladen, das Werk zu besichtigen. Mein Gastgeber sagt sofort: „Da fahr‘ ich Dich hin, wenn Du willst!“ Natürlich will ich. Wenn es diese Gelegenheit wirklich gibt, dann gewiss nur heute und nie wieder. Zum Volk gehöre ich ja inzwischen auch, und durch puren Zufall bin ich ziemlich in der Nähe. Wir fahren eine Stunde mit dem Auto durch Vorpommern. Ab Greifswald weisen uns die gewaltigen Fernwärmerohre den Weg. Das Gelände ist sehr groß, die Absperrung vergleichsweise mickrig, nicht wie in Brokdorf. Bei mir piept‘s, nachdem wir am Eingang sind. Der Metalldetektor findet meine Schlüssel, mein Geld, meinen Taschenrechner. Aber Staffeltüren, Kartenschlösser, Fernsehüberwachung, das alles finde ich nicht. Ein freundlicher Techniker bildet eine Gruppe, und wir gehen los. Die Anlage sieht völlig anders aus als Krümmel oder Brokdorf. Das sterile Krankenhausflair gemischt mit betonter Moderne, das fehlt hier völlig. An eine konservative Seifenfabrik würde ich denken, viele Rohre, Gitterroste als Laufstege, keine Spur Hightech. Es dröhnt und summt in der Maschinenhalle. Wir erfahren, dass alle Großkomponenten, einschließlich der Reaktoren, maximal so groß sein dürfen, dass sie noch mit der Bahn transportiert werden können. Deshalb ist alles kleiner, aber häufiger vorhanden. Vier Reaktoren hat die Anlage, und deutlich mehr Turbosätze. Alles läuft in der Halle zusammen. Unser Führer beantwortet mir geduldig meine Fragen nach Möglichkeiten der Verkopplung und Trennbarkeit unter den Blöcken, Kompensation bei Ausfall wichtiger Komponenten, Redundanz der Notversorgungen, Schweißnähten, Stahlsorten. Manchmal zuckt er die Achseln, weil er nicht für alles zuständig ist. Gitterroste und Treppen geben mir überall in der Halle das Gefühl, im Raum zu schweben, über mir und unter mir versuche ich die Einzelteile zuzuordnen und stoße mir dabei fast den Kopf. Jetzt weiß ich, was ich vermisse: die Farben! In westlichen Anlagen ist alles bunt angestrichen. Meistens haben die Farben auch Bedeutungen. Schon in einer kleinen Heizzentrale ist das so, fällt mir ein. Hier nicht. Es herrschen Metallsilber und helles Grau vor. An die Reaktoren kommen wir natürlich nicht heran, aber in die zentrale Schaltwarte werden wir geführt. Sie erinnert mich an klobige, dunkelbraune Elektro-Armaturen aus den sechziger Jahren. Trotz einiger Monitore wirkt alles unerwartet einfach. Prüfprotokolle werden handschriftlich aufgenommen. Lange Listen entstehen und werden abgeheftet. Immer noch gibt sich unser Führer freundlich Mühe, meine Fragen zu beantworten. Doch am Ende werden wir in einen kleinen Nebenraum gebeten. Au weih, denke ich. Ein sehr freundlicher Herr bittet uns, Platz zu nehmen. Man habe bemerkt, dass wir „Fachleute“ seien, und er stehe als Physiker zur Verfügung, offengebliebene Fragen zu beantworten. Und ... genau das tut er auch. Obwohl es weder Kaffee noch Würstchen gibt, fühle ich mich nun wieder wie in einer westlichen Anlage: Wenn man sich auf die Techniker erst einmal fachlich einlässt, erzählen sie stundenlang.

 

 

 

455

 

Ein Arzt wird nie gerufen.Den frommen Brüdern aus Bethel vertrauen die Behörden blind. Den Totenschein stellt der Hausarzt bei seinem nächsten Routinebesuch aus. Durchschnittlich sterben zwei Menschen pro Monat. Dabei haben es die alten Männer wirklich schön hier inmitten des lieblichen Wiehengebirges. Sie wohnen kreuz und quer in den unterschiedlichen Gebäuden des ehemaligen Bauernhofes, der teilweise mit Hilfe von geistig behinderten Hilfskräften auch noch betrieben wird. Kühe, Schweine, Hühner werden gehalten, dazu Kartoffeln und viel sehr gutes Gemüse angebaut. Da die Hausmutter mit Hilfe einiger behinderten Mädchen wirklich gut kochen kann und die meisten Zutaten direkt auf dem Hof gewonnen werden, ist das Essen hervorragend. Für die Unterhaltung der Bewohner wird allerdings so gut wie nichts getan, so dass das Leben trotz guter Pflege trostlos wird, wenn jemand erst auf der Siechenstation angekommen ist und sich nicht mehr frei bewegen kann – oder darf, wenn ich ihm heimlich stark sedirende Medikamente unter die Butter streichen muss. Der Chef des Hauses selbst legt nie mit Hand an und ist, wenn überhaupt, nur im Büro anzutreffen. Bruder F., mein direkter Taktgeber, ist dagegen ein Pfleger mit Herz und Hand und hat das „Große Irrenpfleger-Diplom“, während ich gerade dabei bin, mich nur für das „kleine“ ausbilden zu lassen. Natürlich arbeite ich ausschließlich auf der Siechenstation, denn woanders fällt ja kaum Arbeit an, wasche die Alten morgens im Bett, führe sie an ihren Sitzplatz, serviere viermal am Tag Essen und führe sie am Abend wieder ins Bett. Nur wenn jemand stirbt, geht es rund. Der Todeskampf dauert manchmal einige Tage, währenddessen der Sterbende durchgehend gepflegt werden muss. Wenn Bruder F. dann den Tod festgestellt hat, müssen wir den auf Vorrat stehenden Sarg holen und mit Holzwolle , Laken, Kissen auslegen, den Toten gründlich waschen, mit einem Hemd bekleiden, den Sarg den Toten hinein heben, ihn zudecken, den Deckel draufschrauben. Aus einem Schuppen hole ich den Handwagen mit schwarzem Samt und silbernen Troddeln, auf den der Sarg anschließend gestellt wird. Der Bruder schlägt nun vorn und hinten je einen kräftigen Nagel in den Sargdeckel und hängt so zwei Buchsbaum-Kränze dran. Dann ziehe ich allein den Sarg über die Landstraße und durch den völlig nichtssagenden kleinen Ort Preußisch Oldendorf bis zur Friedhofkapelle. Inzwischen ist auch der Bruder mit seinem Fahrrad da, hat Blumen dabei, die er um den Kopf des Toten drapiert. Mit geschickten zwei Fingern streicht er ihm die Mundwinkel zu einem Lächeln. Ich falte ihm derweil die Hände auf der Brust. Zur Beerdigung kommen dann üblicherweise nur der Bruder, ich, Organist und Pastor. Wir drei singen tapfer die Kirchenlieder, während vor der Tür schon unsere Hilfskräfte warten, um mit mir den Sarg ans Grab zu tragen. Damit ist meine Arbeit zu Ende, und ich denke jedes Mal wieder an den glücklichen Herrn Schäfer, den ich auch zu Grabe tragen musste. Er sah uns damals an und sagte leise: „Und dann danke ich Ihnen noch für alles, was Sie mir Gutes getan haben.“ Bruder F. antwor

465

Tagelang hat es geregnet. In der feinen City pumpt die Feuerwehr das Wasser aus den Geschäften. Aber jetzt schiebt der Westwind die Wolken zusammen, und über dem Meer wird der blaue Teil des Himmels immer breiter. Die nassen Dächer, die Plätze am alten Hafen und die Takelage der Segelboote funkeln im Gegenlicht der Abendsonne. Wir haben unseren Bus vor „Notre Dame de la Garde“ gestellt und genießen nach all dem schlech ten Wetter den prächtigen Ausblick: Hinter uns die angestrahlte Kirche, die sich von den dunklen Wolken abhebt, und vor uns den Überblick über das frisch gewaschene Marseille. Der letzte Touristenbus verlässt den Parkplatz vor Notre Dame, mitten in der Stadt umgibt uns himmlische Ruhe, während die Sonne ins Meer taucht. Oben blitzen nacheinander die Sterne auf, unten die Lichter der Stadt.

Wir liegen schon im Bett, als gegen Mitternacht die ersten Besucher kommen. Autos fahren den Berg rauf und spucken Jugendliche und Jung-Erwachsene aus, die sich auf dem Parkplatz niederlassen. Sie gehören nicht alle zusammen, sie bleiben in Gruppen, aber es werden immer mehr. Einfach gestricktes Jungvolk ist es, aufgeschnatzte Mädchen und laute Männer, die sich gegenseitig zu imponieren trachten. Jede Gruppe lässt ihr eigenes Autoradio laut brüllen, die Autoscheinwerfer sind in Betrieb, um den Platz zu erhellen. Immer mehr Bierdosen und Weinflaschen landen leer auf dem Platz. Wir sitzen in unserem Bus und können an Schlaf nicht denken. So viele Menschen sind auf dem Platz, dass es eng wird, manche gegen unseren Bus rennen und einer vorsichtshalber unsere Spiegel heranklappt. An Wegfahren kann man nicht denken, und weiter aufmerksam machen wollen wir auch nicht auf uns, denn Deutschfeindlichkeit lauert doch hier und da in Marseille. Aber es bleibt alles friedlich, die Party geht stundenlang weiter. Erst um 3 Uhr fahren die letzten den Berg hinunter, hinterlassen uns Berge von Müll und endlich Ruhe.

Aber schon um 6 Uhr ist die Ruhe vorbei. Die Stadtreinigung kommt und entfernt mit großem Getöse den ganzen Müll. Als später der erste Touristenbus den Berg erklettert, ist alles wieder so, als hätte es diese nächtliche Party nie gegeben.

 

480

Von unserem Reiseziel wissen wir nichts, außer dass es sehr sehenswert sein soll. Ein Berg? Ein See? Eine Kirche? Eine Burg? Es heißt „Metéora“, und darunter können wir uns nichts vorstellen. Wir sind sowieso spät dran, denn eine Panne hielt uns in Joannina auf, und nun kommt der Abend, und zu allem Überfluss bezieht sich der Himmel mit dunklen Wolken. Ganz überraschend ändert sich die Landschaft. Schon stundenlang sind wir durch die langweilig wellige Gegend gefahren, und nun stehen steile Felsen neben uns, gewaltige Klötze wie von Riesen hingestellt. Bald stehen sie links und rechts, vor uns hinter uns. Rundkantige Felsentürme sind es, es gibt absolut keine scharfen Grate. Die senkrechten, schwarzen Wände wirken in der zunehmenden Dunkelheit an sich schon unheimlich, aber gruselig sind vor allem die großen und kleinen Löcher in diesen Felsen, Höhlen in der Form liegender Ovale in den verschiedensten Stockwerken. Damit scheinen die Felsen auf uns herabzublicken, und nur die kleinen Weinhänge, die ab und zu dazwischenliegen, wirken freundlich und menschlich. Nachdem wir die gewundene Bergstraße schon um einiges hochgefahren sind, bemerken wir ihn, den Schlafplatz, einen kleinen, ebenen Platz kurz vor dem Abgrund. Ein paar Schritte höher steht ein kleines Zelt. Wir begrüßen die Nachbarn. Inzwischen sind die Felsentürme vollkommen schwarz geworden, aber zu unserer Verblüffung glitzern auf manchen von ihnen Lichter wie von erleuchteten Fenstern.

Das Tageslicht nimmt den Sandsteinklötzen einen großen Teil ihrer Unheimlichkeit. Von oben stellt man erstaunt die Begrenztheit dieser Landschaft fest. Etwas weiter weg sieht alles ganz anders aus, normaler. Auf etlichen der Felsentürme stehen tatsächlich Häuser, allesamt Klöster. Viele von ihnen können besichtigt werden. Wir lernen, dass fromme Einsiedler sich zuerst in den hochgelegenen Höhlen eingerichtet haben, später auf den Felsen Klöster errichteten, die nur mit Seilen oder Strickleitern zu erklettern waren. Die Mönche lebten dort abgeschieden und unerreichbar. Jetzt hat man Treppen an den Fels gelehnt oder in ihn hineingeschlagen, damit auch die Touristen Einlass finden. In heutiger Zeit sind sie begehrter als die Einsamkeit.

 

490

Sportlicher Ehrgeiz liegt den Engländern im Blut. Auch den Frauen? Aus Teignsmouth rufen wir sowohl Alex als auch Owen an, ihnen mitzuteilen, dass ihre Freunde nahe sind, und um eine nähere Wegbeschreibung zu erbitten. Wir müssen uns jeweils mit dem Anrufbeantworter zufrieden geben. Beide Mütter hören ihn aber kurze Zeit später ab, verständigen sich und starten zu einer Wettfahrt, um uns möglichst als erste irgendwo auf den Straßen aufzutreiben. Wir ahnen davon nichts, als wir versuchen, den Weg auf eigene Faust zu finden. Und das ist nicht leicht. Die Übersichtlichkeit wird im hügeligen Land Devon schon dadurch erschwert, dass die engen Straßen niemals eben oder geradeaus verlaufen. Dazu machen vier Meter hohe Hecken links und rechts der Straße, oben oft sogar als Tunnel geschlossen, sie dann vollends zunichte. Im ungewohnten Linksverkehr kurve ich durch das Labyrinth, ohne Orientierung, zum Glück aber auch ohne viele Kreuzungen. Henning und Martin ermuntern mich des öfteren mit Ausrufen des Wiedererkennens markanter Punkte, so dass ich Hoffnung habe, auf der richtigen Straße zu sein. Und dann Martins Schrei: der Landrover! Owens Mutter hat uns also zuerst gefunden. Sie fährt rasant mit ihrem klapprigen Offroader vor uns her, und ich habe Mühe, ihr in diesem Tempo nach Doddiscombsleigh zu folgen. Niemals hätte ich diesen Ort allein gefunden. Sein Name geht noch auf die normannische Eroberung zurück, aber das Dorf ist seitdem wohl auch nicht mehr gewachsen. Die Häuser verstreuen sich so zwischen die Hügel, dass Nachbarn sich nicht gegenseitig sehen. Dartmoors Grenze verläuft hier.

Die Kate, in der Owens Mutter mit ihren zwei Kindern und einigen aufdringlichen Hunden lebt, ist geräumig, entbehrt aber manchen Komforts. Die Wände der Flure sind voll von Bildern, Urkunden und Medaillen, Erinnerungen der drei an Siege mit ihren Springpferden. Koppel und Stall sind nebenan. Auf dem Hof steht ein uralter Pferdetransporter, für den es hin und wieder bezahlte Aufträge gibt, Spring- oder Rennpferde zum Turnier zu fahren. Dann brettert Owens Mutter mit ihrem „Lorry“ durch die Straßen Devons, dass oben und unten, links und rechts außer ihr nichts mehr Platz hat. Anders fahren die schuleigenen Busse auch nicht, die Owen und Alex zusammen mit Dutzenden anderer Mädchen und Jungen, fein in Schuluniform und Krawatte gepackt, aus all den Dörfern in die Zentralschule bringen. Im Gegenteil, je rasanter der Busfahrer die Bodenwellen nimmt, desto mehr Applaus ist ihm sicher.

 

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Immer noch dunkel? Eigentlich fühle ich mich ausgeschlafen. So richtig warm ist es im Schlafsack auch nicht mehr. Ein bisschen ratlos richte ich mich halb auf. Dabei stoße ich gegen die Zeltstange, das Zelt erzittert, und draußen rutscht etwas das Dach herunter. Mit einem Ruck wird es Tag. Wie bitte? Mein vorsichtiger Blick durch die Tür bestätigt meine Vermutung: Ich bin eingeschneit! Sanft und ohne mich zu wecken legte sich in der Nacht der erste Schnee auf mein Zelt, auf mein Fahrrad, den Waldrand, das ganze Land. Na gut, auch egal, jetzt wird erst gefrühstückt und dann aufgeladen.

Gemächlich strample ich dem Gebirge zu. Ich weiß ja: Mich erwartet keine Steigung. Als kluger Radfahrer nutze ich die Porta Westfalica, die Stelle, an der sich die Weser ihren Weg durchs Gebirge gesucht hat, und in ihrem Gefolge die Eisenbahn und zwei Straßen. Schon im Zufahren sehe ich den blauen Himmel. Ich bringe das schlechte Wetter mit, denke ich, denn ich habe Rückenwind. An der Porta steige ich diesmal nicht zum Kaiserdenkmal hoch, um den großartigen Ausblick über den Durchbruch der Weser zu genießen, sondern sehe erstaunt zum Himmel. Jenseits der Porta ist alles anders. Dort gibt es blauen Himmel statt Schnee. Solange ich auch erstaunt zusehe, auf meiner Seite bleibt es wolkig, drüben ist es sonnig. Dabei weht ein Wind, und die Wolken sind kräftig in Bewegung, aber Wolke für Wolke schiebt sich über das Wesergebirge und löst sich drüben auf. Noch zwei Kilometer, und der Winter ist zu Ende.

 

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Es lohnt sich, du wirst schon sehen. Die Auffahrt kostet uns alle Nerven. Auf dem Stadtplan sehen die Straßen gerade und normal aus, aber sie sind ständig von Treppen unterbrochen und führen dann oberhalb oder unterhalb weiter. Es gibt eine Serpentine, mit der sich die Treppen umfahren lassen, aber die steckt im Gewirr der engen Wohnstraßen am steilen Berg, und auch, wenn man um sie weiß, fährt man eine Stunde vergeblich durch die Stadt, um einen Zugang durch den Einbahnverkehr zu ergattern. Hat man ihn gefunden, darf man die Straße, die immer wieder Namen und Richtung wechselt, trotz enger Kurven und Steigung über 20 Prozent auf keinen Fall wieder verlassen. Der Motor kocht, der Fahrer zittert, die Beifahrerin bohrt den Finger in die Karte - und dann ist es plötzlich geschafft: Der Bus steht schattig in einem besseren Wohnviertel, direkt vor einem Nebeneingang zum Park Guëll. Unser Blick fällt auf die von Gaudí entworfenen bunten Türmchen und kunstvoll verzierten Mauern des Parks. Der Trinkwasserbrunnen steht gleich hinterm Eingang, Toiletten und Café eine Treppe tiefer. Und von dem Balkon mit der wellenförmigen Bank aus buntem Mosaik genießen wir den traumhaften Blick über Barcelona bis zum Meer, die Musik aus der Säulenhalle unter uns und den Geruch der Blumen im Park. Wenn wir in die prächtige Stadt wollen oder auch nur zum Strand, gehen wir unter schattigen Arkaden durch den Park zur Busstation oder fahren mit den sieben Rolltreppen quer über die Serpentinen zur Metro. Aber am Abend sind wir wieder hier und beobachten den Vollmond, wie er hinter der Stadt aufgeht, das Meer mit Silber übergießt und die hundertjährige Baustelle der Sagrada Familia als imposante Silhouette aufstellt. "Sechs Sterne", flüstert Salka. Sie meint nicht die Lichter am Himmel, die immer mehr werden, sondern unseren Schlafplatz.

 

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Als wir kommen, ist schon alles wieder gut: Ich habe ihrer Mama nur eben gezeigt, wie man hier mitten in der Altstadt San Marco ein bisschen Bargeld besorgt, aber die kurze Zeit reichte den Töchtern, in den Kanal zu fallen und sich heldenhaft retten zu lassen. Nun stehen sie klatschnass auf der Brücke, umgeben von einer Traube von Menschen. Auf die Frage, ob das meine Kinder sind, schüttle ich energisch den Kopf: So unerzogene Kinder können nicht meine sein! Der kleine Niko war wie immer bei mir, als wir in die Sparkasse gingen, aber die zwölfjährigen Mädchen wollten nicht mitkommen. Ich habe ihnen den Tipp gegeben, so lange auf den geflügelten Löwen zu klettern, aber sie sind es wohl nicht gewöhnt, guten Rat anzunehmen. Die rutschige Treppe zum Rio San Luca jedenfalls erwies sich dann als recht ungeeignet zum Spielen. Vom Retter ist nichts mehr zu sehen, so dass die Mama sich noch nicht einmal bedanken kann. Also ignoriert sie das Gerede der Leute, das sie ohnehin nicht versteht, und treibt die Kinder zügig unter die Dusche. Ihr Hotel ist zum Glück um die Ecke.

Was geschehen ist, lese ich am nächsten Tag in der Zeitung. Die Mädchen seien beide in den Kanal gefallen, und ein junger Bankangestellter ihnen sofort mit Anzug, Schlips und Kragen nachgesprungen, um sie herauszuholen. Als ihm das gelungen sei, habe er eilend nach Hause zurückkehren müssen, um sich umzuziehen. Weitere Einzelheiten konnte ich dem Artikel wegen meiner eigenen Sprachunzulänglichkeiten nicht entnehmen. Schade, ich hätte den unerschrockenen Lebensretter gern kennen gelernt.

 

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Das war ja ein echter Tiefschlaf! Und dabei ist meine Lage ziemlich unbequem. Die Sitzbank ist schmal und hart, der Zug lärmt durch die Nacht. Auf der anderen Bank schläft auch einer. Der war schon drin, als ich mich in Bergedorf mit leichten Kopfschmerzen dazulegte. Wie lange noch bis Berlin? Ich versuche, ein bisschen Licht auf meine Uhr zu bekommen. Ergebnis: Berlin ist lange durch! Wo bin ich? Ich werde jetzt nicht blöd sein, und auch noch jemanden auf mich aufmerksam machen, denn nun habe ich keine Fahrkarte. Also wieder hinlegen, weiterduseln. Die Geräusche zeigen auch im Halbschlaf rechtzeitig an, dass der Zug eine Stadt erreicht. Erschrocken spähe ich aus dem Fenster: Leipzig. Lokomotivenwechsel. Sehr kalte Luft weht mir um die Nase. Meine Kopfschmerzen sind stärker geworden. Alles ist dicht, sogar die Schalterhalle ist zugesperrt. Hotels sind sicher unbezahlbar, außerdem ist die Nacht bald vorbei. Ein Zug nach Polen ist der einzige, der jetzt geht, die einzige Gelegenheit, der Kälte zu entwischen.

Görlitz, Grenze. Ich kaufe irgendeine Fahrkarte, kostet ja kaum was. Die Sonne scheint. Eine Gruppe junger Mädchen besetzt mein Abteil. Ihr Anblick kann mich heute nicht aufheitern, denn ich habe heftige Kopfschmerzen von der Sorte Kreislaufalarm. So ist mir selbst das fröhliche Geschnatter meiner Mitfahrerinnen eine Last. Hilfesuchend sehe ich aus dem Fenster. Eine Stadt taucht auf. Diese Türme, die da im Sonnenschein glänzen, um die der Zug zu kreisen scheint - kenne ich die? Ein positives Gefühl, ich steige aus. Höchsten noch eine Stunde bis zum Zusammenbruch. Auf dem Bahnsteig sehe ich das Schild: Jelenia Gora. Rucksack auf dem Buckel, Gitarre unterm Arm, stechende Schmerzen im Kopf, betrete ich das zentrale Hotel der Stadt. Kostet ja kaum was. Das Zimmer ist schön, ich schlafe mich gesund.

Die Nachmittagssonne strahlt auf die frisch bemalten Häuser am wunderschönen Marktplatz. Die Atmosphäre der Stadt ist wohltuend angenehm. Obwohl ich niemanden verstehe, bin ich gern auf der belebten Einkaufsstraße, wühle mich gern durch die beiden Märkte, sitze gern unter den Arkaden und nutze den Hall für meine Musik. Nein, ich mache dem jungen Mann aus St. Petersburg keine Konkurrenz, der sich mit seinen russischen Liedern sein Geld verdient. Wir tauschen nur die Adressen. Nachts friert es noch, aber jeden Tag strahlt die Sonne, grüßt das Riesengebirge am Horizont, von dem die wunderbare Luft wohl kommen muss. Der unerwartete Kurzurlaub kostet ja noch nicht einmal etwas, wenn man bedenkt, was ich für die nützlichen Dinge, die ich hier einkaufe, in Hamburg hätte zahlen müssen.

 

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Zwei Steinpilze findet Jim, genug für uns alle. Sie sind riesengroß und sehen sehr gut aus, bevor sie in Würfel geschnitten die Schüssel füllen. Ansonsten essen wir meistens Reis. Der Nachtisch sind gesammelte Bickbeeren, seltener Erdbeeren. Hier passiert nichts Aufregendes, wir machen einfach nur Urlaub. Den idealen Platz dafür kann es ja eigentlich gar nicht geben. Du möchtest unberührte Natur, möglichst einen See, Abgeschiedenheit – aber eine Straße soll dahin führen, denn sonst kommst du mit dem Bus nicht hin. Ein Widerspruch, aber manchmal dann doch nicht.

Martin trafen wir verabredungsgemäß in Årjäng. Er hatte eine feine Karte dabei, auf der jedes Haus eingezeichnet ist. Ein Holzweg, blind im Wald endend, hatte es ihm angetan, und wir sind ihm mit den zwei Bussen gefolgt. Der befestigte Weg endet genau dort, wo der dichte Fichtenwald in einen lockeren Kiefernwald wechselt, durchsetzt mit Felsbrocken und Heide, an einem kleinen Platz, groß genug für unsere drei Familien. Wenige Schritte sind es bis zur kleinen Schilfbucht, in der nun unsere Boote liegen, dahinter der See, in dem Kristin sich jeden Morgen vor dem Frühstück abkühlt. Um die Ecke ist die Badestelle. Ein klarer See zum Schwimmen, ein hoher Felsen zum Springen, Sand und Wasserlöcher zum Buddeln für die Kleinen, flache Felsen zum Sonnen für die Großen - und bequemes Moos für mich und meine Gitarre. Umgeben sind wir von lieblicher Vegetation und herrlichem Sonnenschein. Nicht umsonst heißt der See „Blumensee“ und das Land „Warmland“. Selten fährt jemand von uns weg, um einzukaufen.

Aber einer findet uns doch, ausgerechnet der Forstwirt und Eigentümer. Sein Zorn legt sich allerdings schnell, als er sieht, wie behutsam wir mit allem umgehen, was wir vorfinden. Durch uns hat er keinen Schaden. Er gönnt uns die Ferien.

 

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Nacktsein ist Pflicht!“So ein Blödsinn, denke ich mir, während ich ganz langsam die Alle zu dem Feriendorf entlang fahre. An jedem Baum ist so ein Plakat, in den verschiedensten Sprachen, aber nur das deutsche kann ich lesen. ,Kann man denn nicht wenigstens für ein Plakat einen guten Übersetzer bekommen?’ frage ich mich im Stillen, denn die Aussage ist ja absurd. Vor der Schranke parke ich und rufe Paul an. Er freut sich und holt mich ab. Aber in was für einem Aufzug! Er hat ein T-Shirt an – weiter nichts. Ich gebe mir alle Mühe, so normal zu tun, wie möglich. Paul hat meinen Bus als sein eigenes Auto angemeldet, und so kann ich umsonst die Schranke passieren und auf dem Gelände wohnen. Die Urlauberhütten sind weitläufig in einem schattigen Pinienwald untergebracht, kaum jemand hat direkte Nachbarn. Die Sonne glitzert abendlich durch die Pinienstämme, die Luft riecht würzig nach Nadelholz, Kräutern und salzigem Meer. Nachdem wir den Bus neben Pauls Hütte geparkt haben, herrscht paradiesische Ruhe. Auch Pauls Familie, seine Frau und seine beiden fast erwachsenen Töchter begrüßen mich paradiesisch, nämlich fröhlich und – splitternackt. Ich verstehe: Erst einmal ausziehen. Danach gibt es Abendbrot auf der Terrasse. Später in der Dämmerung, wenn ich meine Gitarre erklingen lasse, wird es kühler, und ich ziehe mir wie Paul ein Hemd über den Bauch. Nun gehöre ich zur Familie.

Dass noch viele andere Menschen in dem Nudistencamp ihren Urlaub verbringen, merke ich nur beim Gang ins Dorfzentrum. Im Supermarkt herrscht ein Gewimmel von nackten Kunden, während nur die Verkäuferinnen normal bekleidet sind. Auch im Restaurant trägt man blanke Haut. Kurz vor meiner Abreise sitze ich vor meinem Bus und sinniere, wie schnell doch das Geheimnisvolle im Überangebot zerrinnt. Gestern, beim Baden im Atlantik, habe ich weit mehr nackte Frauen gesehen als sonst in meinem ganzen Leben. Sehr viele von ihnen waren jung und auf der Höhe ihrer Schönheit. Trotzdem kann ich mich schon heute an keine einzige Gestalt mehr erinnern.

 

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Am interessantesten sind die Zebrastreifen. Jedenfalls scheinen die Kinder der Meinung zu sein. An der Kreuzung gibt es sie an allen vier Übergängen, und die Kinder springen im Viereck immer rundherum. Die Farben eines Zebras haben diese Streifen nie gehabt, mehr als zweitausend Jahre sind sie alt und immer noch bestens erhalten. Meistens drei steinerne Quader sind es, nebeneinander auf die Fahrbahn gelegt und teilweise in sie eingelassen, damit Fußgänger von Stein zu Stein auf den gegenüberliegenden Bürgersteig gelangen können, ohne die Niederungen der Straße betreten zu müssen. Die muss wohl in den römischen Städten ziemlich schmutzig gewesen sein, deshalb der große Aufwand, der ja immerhin eine reichseinheitliche Norm für die Spurweite sämtlicher Wagen und Karren erforderte, deren Räder ja sonst die schmalen Lücken zwischen den Zebrasteinen nicht hätten passieren können. Vor und hinter diesen Lücken haben die unzähligen Eisenreifen denn auch handbreittiefe Spurrinnen in das steinerne Pflaster geschliffen, da sie hier alle an derselben Stelle passieren mussten.

Mehr als antike Kunstwerke und große Bauten sind es solche Kleinigkeiten des täglichen Lebens, die in Pompeji so faszinieren: die öffentlichen Brunnen zum Beispiel, oder das berühmte Schild „cave canem“, Fenster- und Türstürze aus einer Art Beton, Dachrinnen und Fallrohre aus gebranntem Ton, Zu- und Abwasserkanäle, Läden mit Vorratsbehältern, Werkstätten mit Werkzeug. Es gibt die Atriumhäuser der Reichen und die winzigen, flurlosen Häuser, die dicht an dicht die Straßen der Armen säumen. Niemand vergisst die lebensgroßen Gipsabdrücke der sterbenden Menschen. Sie wurden gewonnen, indem man die Hohlräume, die die verwesten Körper in der verdichteten Asche hinterließen, sorgfältig mit Gips ausgoss.

Noch nicht alles ist ausgegraben in Pompeji. Einige Straßenzüge liegen noch unter der Asche. Eigentlich nicht schlecht, denke ich, denn ich schaue vom Stadttor über Ruinen. Die Wände stehen, aber die Dächer fehlen generell. Doch die Dächer sind es, die das Haus bewahren. So kann in wenigen Jahrzehnten verfallen, was zweitausend Jahre erhalten blieb. Es müsste wunderbar sein, die Dächer wieder aufzubauen. In meiner Fantasie lasse ich wieder Leben einkehren in die Häuser, auf den Plätzen, in den Straßen, touristisches Leben in einem Denkmal aus der römischen Zeit, während mein Blick über die rechtwinklig angelegten Straßen und Häuserreihen schweift bis hinten zum Vesuv, der seine zwei Gipfel so harmlos in den blauen Himmel erhebt. Was zwischen ihnen fehlt wurde seinerzeit in einer gewaltigen Explosion zersprengt, die auch Pompeji begrub.

 

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Erdö mellet est valettem, suban fejem alätettem..... Unser letztes Lied durchströmt den kleinen Kirchenraum und verklingt nur sehr zögerlich, wird von den Wänden festgehalten, die die Harmonien gar nicht wieder hergeben wollen. Den Zuhörern stehen Tränen in den Augen. Völlig überrascht sind sie von dem Abendlied in ihrer Muttersprache, das überhaupt nicht zu dem geistlichen Konzert passt, welches wir damit abschließen. Die Sprache eines kleinen Landes, die sonst niemand spricht außer den Magyaren selbst, ist unsere Verbeugung vor dem Gastgeber und wird auch so aufgenommen. Das ist gut, denn unser erstes Konzert war nicht so perfekt, wie es sein sollte. Wir kamen viel zu spät an, waren müde von der langen Busfahrt, mussten uns im Tournee-Bus mit aller Eile den Pinguin überwerfen und ohne weitere Vorbereitung lossingen. Und so zeigte Hartmuts Gesicht an mehr Stellen als sonst Ohrenschmerzen an. Die neue tschechisch-slowakische Grenze hat uns aufgehalten. Ihre Ausstattung ist noch ein reines Provisorium, Zoll- und Polizeistationen in Containern, aber die Überprüfung ist penibel und der Stau entsprechend lang. Die Scheidung der beiden Völker wurde zwar friedlich, aber doch sehr gründlich vorgenommen. Die anschließend unvermeidliche Geschwindigkeitsübertretung wurde zwar mit einem Zwanzigmarkschein geregelt, aber auch das kostete Zeit. Nein, wir sind nicht in bester Verfassung, aber glücklich über den freundlichen Dank.

Vor den weiteren Auftritten unten in Pest, in der gewaltigen Stephans-Kathedrale ebenso wie in der kleinen evangelischen Diasporagemeinde, sind wir hotelgeruht und eingesungen, das ist schon etwas anderes. Nur das Umziehen im Tournee-Bus bleibt ein Provisorium, denn nur so können wir die Zeiten zwischen den Konzerten optimal für Ausgänge nutzen. Ich sehe Budapest zum drittenmal, ich muss die Stadt nicht mehr erkunden, sondern kann sie genießen. Ich erinnere mich an die Brücken und Baudenkmäler, an die römischen Ausgrabungen unter der Schnellstraße, an die heißen Quellen, die so viele herrliche Bäder speisen - sogar den Zoo. Vielleicht ist die Altstadt von Pest so schön, weil sie gerade nicht so alt ist, hundertjährig vielleicht nur, und aus einem Guss gestaltet. Vielleicht finde ich sie nur schön, weil ich die Atmosphäre hier so genieße, die auf der Hauptstraße genauso wie abseits des Fremdenverkehrs auf den bunten, großen Märkten der Stadt.

Wir singen auch in Buda, oben in der Matthias-Kirche. Unserer Messe folgt direkt ein wirklich attraktives Konzert, mit dem das Joint-Venture einer großen deutschen Bank mit ungarischen Unternehmen gefeiert werden soll. Soviel kirchlicher Beistand für den weltlichen Mammon ist dann aber doch nichts für mich, und ich schlendere lieber die paar Schritte zur Fischer-Bastei und sehe auf die Donau hinunter, auf die berühmte Kettenbrücke, von der Niko behauptet, dass ich mich in sie verliebt hätte. Täuschen mich meine Ohren? Ich gehe dem Klang nach, und tatsächlich, im obersten Türmchen sitzt er wieder, der Junge mit der Gitarre, spielt für die Besucher und für ein paar Forint. Natürlich kann es nicht derselbe Junge wie vor zwölf Jahren sein. Dennoch fühle ich fast ein Déja-vu: Die gleichen Klänge und der gleiche Abend, der die Strahler vor dem Parlament entzündet und die Lichter der Kettenbrücke, dass sie sich in der Donau spiegeln.

 

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113 Meter hoch, der Sandhaufen. Vor uns liegt die steile Flanke der riesigen Düne von Pyla, und wir müssen den Kopf schon kräftig in den Nacken legen, um ihren Gipfel abzuschätzen. Kirchturmtreppen sind auch nicht weniger steil, denke ich, und mancher Turm ist höher. Also kann man den Anstieg wagen. Aber je höher wir kommen, desto deutlicher fällt mein Vergleich zugunsten des Kirchturms aus: Auch bei noch so viel Stufen muss man jede nur einmal erklimmen, hier jedoch tritt man mit jedem Schritt nicht nur sich selbst nach oben, sondern vor allem den Sand nach unten. Die kräftezehrende Kletterei lässt uns nur ganz langsam an Höhe gewinnen. Auf halber Strecke kralle ich mich in den Sand, um auszuruhen und nachzudenken. Wir haben den Berg unterschätzt, das ist klar. Die Situation ist nicht ohne Gefahr. Ist es vernünftiger, wieder abzusteigen? Und wenn dann der Sand ins Rutschen kommt? Uns begräbt, wie er es schon mit den Pinien getan hat, die unter uns am Dünenfuß nur noch mit ihren Wipfeln heraus lugen? Nein, so steil ist die Flanke wohl doch nicht. Salka will auf keinen Fall aufgeben und steht schon zwei Meter über mir. Also vorsichtig weiter klettern, Pausen machen, weiter klettern. Zuletzt wird der Anstieg flacher, bis wir uns endlich völlig erschöpft oben auf den großen Sandwall setzen können. Die Aussicht ist großartig. Langgestreckt zieht sich die Düne aus feinstem Spielkasten-Sand an der Küste dahin und trennt das dunkle Grün der Pinienwälder von dem tiefen Blau des Atlantik. Eine große Ruhe umfängt uns hier oben. Nur wenige winzige Menschen wandern den weißen Strand der Côte d’Argent entlang, und die kräftige Brandung wirkt von hier oben wie ein spielerisches Kräuseln am Rande der endlosen Wasserfläche.

 

530

Dubrovnik, die Perle der Adria, bietet zunächst einmal ein heimgesuchtes Bild: Abziehende dunkle Wolken lassen zerfetzte Markisen, entblätterte Bäume, zerbeulte Autos und Straßen voller kirschgroßer Hagelkörner zurück. Nun aber bescheint die Sonne die immer noch reichliche Blütenpracht, für die Dubrovnik bekannt ist, als wäre nichts geschehen. Wir streifen durch die Stadt, sie ist schön, zweifellos, aber das Besondere ihres Ruhmes können wir zunächst nicht ausmachen, bis wir den schmalen Weg finden zu einer gewaltigen Stadtmauer, durch die an dieser Stelle ein Tor führt. Wer durch dieses Tor geht, gerät mit einem Schlag in eine andere Welt, die vollständig erhaltene Altstadt des alten Ragusa, wie Dubrovnik in venezianischer Zeit hieß. Prächtige mehrstöckige Häuser säumen die Placa, die breite Hauptstraße, auf der Tausende von Touristen flanieren. Sie beginnt an besagtem Tor und endet am alten, durch einen kleinen vorgelagerten Felsen geschützten Hafen. Links und rechts steigt das Gelände an, so dass die Parallelstraßen um so höher liegen, je weiter sie von der Placa entfernt sind. Die verbindenden Querstraßen sind notwendigerweise Treppen, Autoverkehr ausgeschlossen. Hoch oben umringt die wuchtige, von einem natürlichen Felsen getragene und vollständig erhaltene Stadtmauer das ganze Ensemble. Hier zu wohnen, muss herrlich sein! Aus meinem Fenster erhasche ich im Morgenlicht einen Zipfel des Meeres. Zur Arbeit gehe ich meinen Treppenweg hinunter, besorge mein Frühstück auf der Placa, und steige auf der anderen Seite wieder hinauf. Keine Autos, kein Lärm außer dem Gewusel, das beim Öffnen der zahlreichen Läden entsteht. Nachmittags gehe ich vielleicht zum Hafen hinunter, steige in ein Boot, das mich zur “Liebesinsel“ bringt, wo ich mich am Strand erhole. Am Abend bin ich wieder in der Stadt, kaufe ein, klöne mit Nachbarn im Straßencafe, esse vielleicht im Restaurant und beschließe den Tag mit einem Rundgang über die erleuchtete Stadtmauer, bevor die heimeligen Laternen über den Treppengässchen mir endgültig heimleuchten. Und während ich dies träume, sitze ich auf der Stadtmauer, lasse die Beine baumeln, sehe dem geschäftigen Treiben zu, in den Augen die vom Meer gespiegelte Abendsonne und in den Ohren das Gebrabbel von Niko, der neben mir seine Autos hin- und herschiebt.

 

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Edelsteine suchen! Die drei Kinder und ich sitzen an der Flanke der Abraumhalde in Idar-Oberstein, jeder mit einem Hammer in der Hand, und versuchen, unter all den Steinen die typische Form der Drusen zu finden. Wer eine erspäht hat, klopft sie vorsichtig mit dem Hammer aus dem Steinbrocken heraus und sammelt sie in seinem Beutel. Die Gelegenheit ist günstig, denn in dieser edelsteinreichen Gegend wurden gerade Tunnelarbeiten abgeschlossen, bei dem viel Aushub anfiel. Die Nachricht war bis zu mir nach Bergedorf gedrungen, und ich habe mich schnellstens mit Niko, Bine und Penni auf den Weg gemacht. Es ist die allererste Reise mit einem selbst eingerichteten VW-Bus, sozusagen auch eine Testreise für vier Personen. Obwohl man die Edelsteine von außen nicht sehen kann, wissen die Kinder schon genau, wie eine Druse aussehen muss, und sind voll Goldgräberstimmung dabei. Erst am nächsten Tag werden die Geheimnisse in einer Schleiferei der Stadt gelüftet: Die Drusen werden vorsichtig aufgesägt, und die feinen Farblinien der Achate kommen zum Vorschein, besonders, wenn man die Schnittfläche mit Spucke benetzt. Man könnte sie auch schleifen lassen, aber das ist uns zu teuer. Die Stadt selbst ist nicht mehr sehenswert, seit man die Nahe, an deren steilen Ufern sich die Altstadt hinzog, mit einer Durchfahrtsstraße überbaut und unsichtbar gemacht hat. Also kochen und essen wir trotz der noch vielen Provisorien nur in unserem Bus.

 

580

Ich muss aufhören, sie anzustarren. Das ist mehr als unhöflich. Aber mich fasziniert sie, so deplaziert, wie sie wirkt. Ich stehe auf der Treppe einen Absatz höher als sie und tue so, als würde ich über den Roten Platz hinüber die goldenen Kuppeln des Kreml betrachten. Aber verstohlen betrachte ich sie. Eine wirkliche Dame von mindestens 40 Jahren, schätze ich. Sie ist viel schlanker als ortsüblich, das ist auch durch den sichtbar teuren Mantel mit dem wuscheligen Pelzkragen zu sehen. Passend schlanke Beine kommen unter ihm hervor, und die Füße stecken in Stiefeletten mit Absatz. Ihr Gesicht mit der hellen Haut und der schmalen russischen Nase ist geschminkt, aber nicht mit dem üblichen Knallrosa, sondern dezent und gekonnt. Die kleine Pelzkappe auf dem Kopf verdeckt nicht die braunen Locken, soweit sie hinten zusammengebunden sind. Sie steht ganz still. Nur ihre Augen mustern lebhaft die Vorübergehenden. In der linken Hand trägt sie eine Damentasche. Die rechte, mit schwarzem Fingerhandschuh bekleidet, hält einen Schuh anbietend hin, einen schmalen, schwarzen Schuh mit Absatz. Ein Schuh zum Tanzen vielleicht oder zur Abendgarderobe. Da sie nichts weiter bei sich hat, ist klar, dass sie nur dies eine Paar Schuhe verkaufen will. Nun hat sie mich doch bemerkt und sieht mich an. Ich lächle entschuldigend. Sie mustert mich kurz von unten nach oben und wendet sich wieder den Vorübergehenden zu. Dass ich kein Kunde für sie bin, sieht sie natürlich auf den ersten Blick. Geflissentlich wende ich mich nun den anderen ca. 300 Menschen zu, die neben ihr stehen, die ganze Treppe hinunter und weiter die Straße entlang, die alle nur irgendeine Kleinigkeit verkaufen wollen: Einen Sack Kartoffeln, ein Küchengerät, ein Kleid, ein Glas Honig, selbstgestrickte Strümpfe, selbstgemachte Marmelade, Stecker für Elektrokabel, ein Werkzeug, Silberbesteck, Blumengestecke und was nicht alles mehr. Männer und Frauen, alt und jung und offensichtlich auch aus unterschiedlichen Verhältnissen, stehen stumm nebeneinander da und zeigen ihre Ware, während scharenweise die Menschen vorbeiströmen. Manche verhandeln auch gerade mit einem Käufer. Die Schlange auf der anderen Straßenseite hat damit nichts zu tun. Dort steht man nach frischer Milch an. Das verstehe ich. Auch die Oma, die selbstgestrickte Strümpfe verkauft. Aber warum eine Dame stundenlang im Schneematsch steht, nur um ein paar Schuhe loszuwerden, erscheint mir irgendwie geheimnisvoll.

 

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Über 30 % Steigung? Das schaffen wir nicht. Also schlagen wir nicht den direkten Weg nach Ohrid ein, sondern fahren die Nationalstraße 2 durch den Kosovo. Es dämmert. Wir sollten einen Schlafplatz suchen. Aber nun steht eine ganze Familie am Straßenrand, Eltern, zwei Kinder, und winken. Die nehmen wir mit. Sie wollen nach Kos. Mitrovice, also fahren wir nun auch dorthin. Wir können mit unseren Trampern nicht reden, schade. So fahren wir schweigend. Inzwischen wird es dunkel. Plötzlich leuchtet vor mir ein helles Licht auf. Ich trete auf die Bremse. Spät erkenne ich ein unbeleuchtetes Pferdefuhrwerk, auf dem hinten eine alte Frau sitzt, die immer dann, wenn ein Auto sich nähert, eine Laterne aufleuchten lässt. Zum Glück fahre ich ohnehin nicht schnell. Unsere Tramperfamilie steigt in Mitrovice aus. Nun ist es zu dunkel für die Schlafplatzsuche. Also können wir uns auch gleich die Stadt ansehen, eine unglaublich dreckige Stadt. Bergeweise liegt der Müll an den Straßen, Massen von Unrat, zwischen denen wir gerade noch unseren Bus parken können. Wir gehen spazieren. Läden und Werkstätten sind trotz der späten Stunde noch offen. Wir beobachten die Fertigung von Filzkappen für muslimische Männer. An ausschließlich alten, niedrigen und sehr einfachen Häusern vorbei, Straßenzug um Straßenzug, kommen wir an einen Fluss. Auf der anderen Seite der Brücke sind Plattenbauten, „Errungenschaften des Sozialismus“, offenbar die Neustadt. Von dort rennt ein junger Mann gestikulierend über die Brücke auf uns zu. Er hat uns von Weitem als Ausländer erkannt und freut sich, jemanden zu treffen, mit dem er englisch sprechen kann, was er ganz vergeblich gelernt hat, da einfach keine Ausländer hierher kommen. Bereitwillig erklärt er uns die Stadt. Drüben in der Altstadt gebe es nur Albaner, aber hier in den Plattenbauten wohnten Serben wie er. Sie hätten völlig unterschiedliche Sprachen auf den jeweiligen Flussseiten und blieben bei fast allen Aktivitäten jeweils unter sich. Als wir nach einiger Zeit zum Bus zurückkommen, erleben wir eine Überraschung: Unser Bus steht noch an derselben Stelle, aber der umgebende Müll ist weg. Alle Straßen sind sauber gefegt, der ganze Dreck ist spurlos verschwunden. Es war wohl doch nur der Tag der Müllabfuhr, ohne Mülleimer und im Dunkeln. Als wir am nächsten Morgen die Stadt auf der N2 wieder verlassen, begegnet uns über Dutzenden von Kilometern eine nicht abreißende Kette von Pferdekarren. „Nach der Müllabfuhr kommt der Markttag“, schätzen wir.

 

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Wir müssen nicht zu Fuß gehen, die Beförderung ist organisiert. Letztes Durchzählen in Prutz, einsteigen in den Postbus - und benehmt euch anständig! Vorbei an idyllischen Wäldern, vom Gebirgsbach durchsprudelt, an der breiten Schneise einer Mure, an einer turmhohen Staumauer, am Stausee und schließlich mit Dutzenden von Spitzkehren weiter aufwärts. Wir lassen die Wälder unter uns, die von Gebirgstundra abgelöst werden. Die Hänge sind überzogen mit blitzenden Silberadern, im Gegenlicht glitzernden Rinnsalen, die sich zu Bächen sammeln. Wer hier aussteigt und sich nicht bewegt, kann den scheuen Murmeltieren zusehen, oder wie am Himmel sich Wolken bilden und wieder auflösen. Endstation ist der Gletscher, 2700m hoch, breit wie ein zugefrorener See in Schieflage, das untere Ende ein abrupter Absturz, das obere zwischen den Bergen verschwindend. Die Schulkinder aus dem fernen, platten Norden haben etwas zu staunen. Hinter den hervorstehenden Felsen, die eine Seite des Gletschers begrenzen, führt nun der Sessellift uns weiter hinauf, abseits von dem Trubel des Sommerski auf dem Gletscher, in Totenstille über unberührte Schneefelder. Die dritte Etappe nach der Endstation in 3000m muss dann doch zu Fuß zurückgelegt werden. Ob diese große Gruppe älterer Männer, die da zufällig mit uns auf dem Weg ist, auf dem Rückweg wohl auch die Schuhsohlen als Ski benutzt und johlend den Gletscher runterrutscht, runterpurzelt, wie wir es tun werden? Wohl kaum, aber jetzt stapfen wir alle gleichsam zwischen Schneefeld und Berghang hinauf. Das Joch liegt in 3111m Höhe. Breitbeinig stelle ich mich auf den Grat, einen Fuß in Österreich, einen in Italien, und betrachte die Schweizer Berge. Was sind hier schon Grenzen? Nach Süden im Sonnenlicht glänzt der Reschensee, aus dem die Kirchturmspitze noch herausragt und von dem versunkenen Dorf zeugt. Plötzlich erfüllt Wohlklang die bisherige Stille, erst zaghaft, dann immer Kräftiger. Die Männer, die mit uns aufgestiegen sind, haben sich im Berghang postiert, ihr Dirigent in der Mitte, und lassen mehrstimmige Lieder erklingen, die von den Felsen reflektiert in die Weite tragen. Es ist offenbar Gesangverein auf Reisen. Das harmonische, kraftvolle Klingen, dem ich überrascht und beglückt lausche, erweckt in mir den Eindruck, als sei man hier oben dem Himmel doch näher als anderswo.

 

620

A Malaga, Señores?“ fragt er, während er unseren Tank sorgfältig füllt. Eine Höflichkeitsfrage, nur um etwas zu sagen, denke ich, wenn er nur nicht so grinsen würde dabei. „Si, Señor!“ bestätige ich.. Er fuchtelt mit dem linken Zeigerfinger hin und her und bedeutet uns „No Malaga!“ und schüttelt den Kopf dabei. Wir können kein Spanisch, er kann kein Deutsch. Aber dass irgendetwas nicht stimmt bei dieser Fahrt, hatten wir schon vorher im Gefühl. Seit zwei Stunden befahren wir diese Straße; sie ist bestens in Schuss, eine Nationalstraße mit Nummer. Aber in der ganzen Zeit begegneten uns nur zwei Lastwagen. Und niemand fuhr mit uns, überholte uns. Wir waren allein auf der Straße bis wir diese Tankstelle fanden, eine große Tankstelle, sechs Zapfsäulen, aber menschenleer wie die Straße, wie das Land. Wir wollten gerade wieder abfahren, da hörten wir Rufen vom Feld gegenüber. Ein Bauer ließ sein Ackergerät stehen und kam, offensichtlich froh über einen Kunden, angerannt und fing sofort an, unseren Tank zu füllen. Beim Bezahlen versucht er uns ohne gegenseitige Sprachkenntnisse zu erklären, dass die Straße nicht mehr nach Malaga führe. Ein Bergrutsch habe sie voriges Jahr unter sich begraben. Au weih! Mit einem Schlag wird mir alles klar. Die leere Straße. Die verlassene Tankstelle. Die großen Schilder, die eine Umwegstrecke anzeigten, bevor wir nach Süden abbogen „Malaga por nueva porta“. Ich hatte mich nicht für den Umweg entschieden, und das war wohl ein Fehler. Der Bauer-Tankwart malt Linien in unser Fahrtenbuch, Namen von Ortschaften, Abzweigungen. Wir bedanken uns und biegen von der Straße ab. Es geht über Nebenstrecken, Feldwege, einsame Bergdörfer, deren Namen wir erfragen, vergleichen und wieder vergessen. Beschilderung gibt es nicht, nur unsere Skizze. Aber tatsächlich: Nach zwei Stunden gezielter Irrfahrt sind wir auf einer nagelneuen, lebhaft befahrenen Straße und rauschen mühelos über den neuen Pass, der Nueva Porta, an die Costa del Sol.

 

630

Es ist ja fast dieselbe Richtung, also nehme ich sie gern mit. Sie sagt, sie sei kein Grufti, auch wenn sie schwarze Haare, schwarze Kleidung und schwarze Fingernägel hat. Verrückt ist sie auf jeden Fall, aber lustig verrückt. Ich hole sie in Bremen ab. Sie will nach Eygalières, einem Künstlerdorf in der Provence - mir völlig unbekannt. Und vorher will sie in den Felsen klettern. Na ja, Künstlern und Klettern ist ja nicht so meine Sache. Ich will ans warme Mittelmeer, an die Côte d’Azur. Ich habe mir vorgenommen, eine bestimmte Bucht zu suchen, die ich bisher nur auf einem Foto gesehen habe. Unter steilen Felsen waren Segelboote aufgereiht, und ganz oben auf der Felsenkante, unter den Wipfeln großer Kiefern, war einsam ein VW-Bus zu sehen. Dort möchte ich meinen Bus nun auch gern hinstellen! Die Bucht heißt „Port Miou“. Sie zuckt die Schultern. Den Namen kennt sie nicht. Aber egal, mindestens bis Avignon können wir zusammen fahren und ich habe die endlos lange Strecke auf der Autobahn Gesellschaft - und was für welche! Meine neue Reisetochter kann den Bus fahren, Gitarre spielen und zahllose Lieder aus den 20iger Jahren singen.

Sie lebt von Cola, Kaffee und Zigaretten und stellt ansonsten keine Ansprüche. Drei Tage lang teilt sie mit mir die Spritkosten, das Dosenfutter und das enge Busbett. Sie erzählt von ihren Theaterkursen in der Provence und von ihren Klettertouren in den Alpilles. Ich erzähle von meinen Problemen mit Franzosen, weil ich deren Sprache nicht spreche und sie das grundsätzlich als Beleidigung auffassen, und dass ich als völlig Fremder trotzdem ständig nach dem Weg gefragt werde. Sie lächelt ungläubig, doch schon im allerersten französischen Ort, durch den wir gehen, werde ich nach dem Weg gefragt, und ihr verweigert man in einem Café fast 10 Minuten lang einen Aschenbecher, nur weil ihr das Wort „cendrier“ nicht einfällt - obwohl sie das Gewünschte in fließendem Französisch beschreibt.

Ob sie zum Klettern wieder in die Alpilles wolle, frage ich, nachdem wir Avignon hinter uns gelassen haben. Nein, diesmal wolle sie in den Calanques klettern. Gut, denke ich, dann haben wir ja noch mehr Weg gemeinsam. Meine Traumbucht vermute ich in der Nähe von Marseille. „Kennst du Cassis? Das ist sehr hübsch. Wollen wir uns da trennen?“ fragt sie. Ich bin einverstanden, gebe aber zu bedenken, dass es in Cassis nun wirklich keinen Parkplatz für den Bus gebe. Sie ist anderer Meinung und verspricht, mir einen zu zeigen. Mit bewundernswertem Orientierungssinn leitet sie mich durch die engen, gebirgigen Einbahnstraßen der malerischen Touristenstadt zu einem Felsvorsprung etwas außerhalb unter Pinien hoch über dem Meer. Mein Blick fällt auf ein halb verwittertes Schild, das nach unten zeigt: „Port Miou“. Wie im Traum stelle ich den Bus zwischen die langen Schatten der Pinienstämme, atme tief die würzige Luft ein, blinzle durch die lang benadelten Zweige hinunter auf die Segelboote in dem malerischen Fjord und kann es kaum fassen: Wir beiden so verschieden motivierte Menschen hatten von Anfang an auf den Meter genau dasselbe Ziel.

 

640

Das ist unser Schlafplatz! Ja, den wollen wir nehmen, hier wollen wir wohnen. Der See liegt vor uns, die Straße ist weit weg, kein Haus, keine Menschenseele zu sehen. Kinder, schließt alle Fenster! Auch die Dachluke! Schnell greife ich die Tüte mit trockener Birkenrinde, schon auf Vorrat gesammelt, öffne kurz die Tür, springe hinaus und werfe sie sogleich wieder zu. So hatten, wenn überhaupt, nur ein paar Mücken die Chance, hineinzukommen. Über dem Heck steht die Mückensäule meterhoch, angezogen von der Wärme des Motors. Schnell wird sie immer dichter und schwärzer. Ich bewege mich hastig, bin überall gut bekleidet. Trockenes Holz ist schnell gesammelt, vor dem Eingang entfache ich ein Feuer, mit Birkenrinde selbst bei Regen kein Problem. Es brennt. Schnell noch mehr aufwerfen, Holz liegt genug herum. Geduldig warten die Kinder im Bus. Niko und Isa halten die Tennisschläger wie Gitarren und singen laut daher, dass ich es draußen höre. Sie kennen das Warten. Sie kennen die Mücken. Das Feuer brennt, wird kräftiger. Ich werfe dickeres Holz auf, lasse es auflodern. Dann kommen die frischen Birkenzweige. Es qualmt kräftig. Die Mücken verflüchtigen sich. Der ganze Bus wird eingequalmt. Erst dann öffne ich die Tür. Wir bauen den Tisch auf und essen Abendbrot. Das Feuer muss in Gang gehalten werden, auch wenn der Motor kalt geworden ist, auch wenn ich auf das Dach klettere, um das Kinderzelt aufzubauen. Das Zelt ist mückenfrei. Aufs Klo, bzw. in die Wildnis, gehen wir nur zu zweit. Einer lässt die Hosen runter, der andere schlägt die Mücken tot. Bevor wir schlafen, dichten wir alle Ritzen ab.

Kräftige Sonne weckt uns am Morgen. Das Feuer ist aus. Wir lassen es so. Wir baden, wir waschen die Wäsche, wir fahren mit dem Schlauchboot auf den See, wir kochen Essen, wir sammeln Holz. Wenn der Abend kommt, der in Lapplands Sommer so lang ist, dass er sanft in den Morgen übergeht, werden wir Musik machen oder Domino spielen. Aber vorher werden wir das Feuer wieder kräftig entfachen.

 

660
Long Johns Sattel ist von Eis überzogen. Der Augustmorgen ist bitterkalt. Ich muss eine Kerze unter die Gaskartusche halten, um den Gasdruck für meinen Frühstückskaffee zu sichern. Der Himmel ist blau. Wenn die Sonne über die Berggipfel geklettert ist, wird sie dem Wintermorgen einen Sommertag folgen lassen. Der Malojapass ist seltsam genug. Steil geht es bergan vom Lago die Como, eine Straße wie ein Treppenhaus, Kehre an Kehre, über die sich die Lastwagen hocharbeiten. Und oben auf dem Pass geht es dann einfach nicht wieder hinunter. Ein ebenes Tal, eingerahmt von Bergen, breitet sich aus, Segelboote und Surfer huschen über die Seen, ein ungewohnter Anblick für eine Passhöhe. Trickreich haben wir uns auf den Pass fahren lassen, um ihn auf dem anderen Ende ganz gemächlich wieder hinunterzurollen, l000m Gefälle auf 100km Strecke, immer am Inn entlang, neben dessen Quelle wir jetzt stehen. Die Kälte hat uns noch zwei Tage im Griff, bis das Engadin sich soweit abgesenkt hat, dass der Sommer wieder normal wird. Long John ist vorn und hinten üppig beladen. Fünf Zentner wiegt er mit dem Zelt, den Luftmatratzen, der Kücheneinrichtung, den beiden Kindern vorn, den Klamotten hinten und mir obendrauf. Im Prinzip geht die Straße ja immer bergab, und oft zischt uns der Fahrtwind ganz gut um die Nase, aber kleinere Bergauf-Strecken sind nicht zu vermeiden. Dann gibt es drei Variationen: a) ich schiebe, b) ich lasse die Kinder aussteigen und schiebe, c) die Kinder schieben mit. Die nächste Talfahrt kommt sicher! An die vielen Leute, die uns fotografieren oder filmen, haben wir uns inzwischen ebenso gewöhnt wie an das herrliche Bergpanorama, das sich nach jeder Biegung neu entfaltet. Wir bleiben dem Inn treu bis nach Tirol, aber in Landeck verabschieden wir uns von ihm, vertrauen den Long John der Bahn an kaufen auch uns eine Fahrkarte.

 

670

Ich suche den Wisent. In diesen Wäldern soll es sie geben, die legendären, fast ausgestorbenen europäischen Bisons, und dafür war mir kein Weg zu weit. Die Fahrt mit dem Pferdekarren war lustig, aber Wisente gab es nicht. Kein Wunder das an den breiten Wegen mit den Touristenfuhrwerken, denke ich, und stapfe allein durch den Wald. Der Weg ist vielleicht nur ein Wildwechsel, wer weiß. Bei Sonnenschein habe ich nie Angst, mich zu verlaufen. Eher fürchte ich die russische Grenze. Den Russen traue ich nicht, jedenfalls keinen Grenzsoldaten. Ganz plötzlich in diese Gedanken springt mir ein Reh vor die Füße, von rechts aus dem Unterholz und links wieder hinein. Ich hätte es auf den Hintern klatschen können, wenn ich nicht vor Schreck ganz still dastünde. Es bleibt mir auch keine Zeit, den Schreck zu verdauen, denn gleich danach kommt das aus dem Gebüsch, was der Grund für Rehleins Eile ist: ein Wolf! Es muss ein Wolf sein. Ich habe Zeit, ihn zu betrachten, denn er folgt dem Reh nicht, sondern ist genauso erschrocken wie ich. Er steht mir auf dem Pfad gegenüber, drei Meter entfernt, würde ich sagen. Er sieht aus wie ein Schäferhund, ist aber grau, oben dunkler, unten heller. Er ist dünn, sein Fell borstig. Die vorgestreckte Schnauze ist schmal, seine ziemlich kleinen Ohren flach nach hinten gelegt, und seine Augen sind die einer Katze. Ich will natürlich nicht, dass er gerade dabei ist, im Geiste die Speisekarte zu ändern. Was er denkt, ist nicht auszumachen. Er wedelt nicht mit dem Schwanz, hält ihn aber auch nicht hoch, sondern waagerecht weggestreckt. Auch Wölfe haben Angst vor Menschen, beteure ich mir innerlich. Wir bewegen uns beide nicht, stehen wie Statuen da. Gern hätte ich mir einen Knüppel aufgehoben, es liegen ja viele herum. Aber ich will mich nicht bücken. Langsam rückwärts gehen ist auch nicht gut. Der Weg ist eigentlich kein Weg, ich könnte stolpern. Ich habe nichts anderes in der Hand als das Band, an dem der Fotoapparat hängt. Ich lasse ihn langsam pendeln, dann sogar kreisen. Wenn das Vieh jetzt springt, kriegt es den Apparat aufs Maul. Oder auch nicht. Mein Wolf springt aber nicht, sondern bewegt seinen Kopf fast unmerklich dem kreisenden Apparat nach, während er mich anstarrt. Dann taucht er in das Holz ein. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Übrigens auch keinen Wisent.

 

700

Die ganze Stadt ist eine Sackgasse. Kein Wunder, wenn die Häuser mehr über- als nebeneinander stehen. Die viel befahrene Fernstraße schwebt gleichsam durch den Ort, auf etlichen großen, steinernen Bögen, und verschwindet rechts hinterm Berg und links im Tunnel. Kein Haus liegt daran, nur eine Abfahrtsrampe bindet den Ort an, führt hinunter ans Meer, endet auf einem winzigen Parkplatz. Der Parkplatz für Boote ist dagegen bedeutend größer, der ganze Strand vor den großen Bögen liegt voll von Booten. Zum Glück für uns, die wir direkt am Meer wohnen, sind zwei der großen Straßenbögen mit einem Cafe gefüllt. Dort gibt es Toiletten. Die übrigen Bögen sind offen. Durch sie kommen wir auf einen kleinen Marktplatz. Dahinter erheben sich mehrgeschossige Häuser den Berghang hinauf, verzahnt und verschachtelt. Es macht Spaß, über die Treppchen und steilen Gänge zwischen den Häusern aufzusteigen, immer weiter hinauf, bis der Felsen zu steil wird. Von oben sehen wir auf den Viadukt hinab, auf dem sich gerade so viele Autobusse begegnen, dass der Verkehr zum Erliegen kommt. Dahinter glitzert das Meer im Gegenlicht. Gleich hinter dem Tunnel liegt die Stadt Amalfi, aber hier ist das kleine Atrani mit Berg, Himmel und Meer allein.

 

710

Eiffelturm, Triumphbogen, Notre Dame, Brücken der Seine – Die weltbekannten Monumente sind schon an uns vorübergerauscht, und das alles nur auf der Suche nach einem Parkplatz! Der Verkehr in dieser Stadt ist sagenhaft. Lörchen starrt entzückt aus dem Fenster, ihre Blicke mit Ausrufen der Überraschung und Freude begleitend. Ich starre auf die Straße, fünfspuriger Verkehr ohne jede Fahrbahnmarkierung. Wie soll ich bloß einen Schlafplatz finden, wenn ich nur damit beschäftigt bin, meine gedachte Schneise zu halten zwischen all den Autos vor, hinter und neben mir? Zu allem Überfluss geht es jetzt auch noch bergauf. Parkplätze am Berg können wir überhaupt nicht brauchen, wie sollen wir da kochen oder schlafen? Aber die Sorge ist umsonst, dichtgedrängt stehen die Wagen in jeder Gasse. Gerade muss ich wieder in eine Kurve – da sehe ich ihn, den Parklatz: im spitzen Teil der Kurve, daher eben, stehen wenige Wagen mit der Front zum Straßenrand. Hätte mich der einzige freie Platz nicht direkt durch die Windschutzscheibe angelacht, ich hätte ihn nicht gesehen. Einfach geradeaus hinein! Motor aus! – Nach angemessener Verschnaufpause packen wir Babywiege und Gitarre ins Führerhaus und sehen uns gründlicher um. Wir ist am Montmartre, haben den einzigen ebenen Platz weit und breit, ohne Rangiererei, vor uns Grünfläche, seitlich öffentliche Toiletten, hinter uns kleine Läden und Cafés, über uns Sacre Coeur und Place du Tertre, unter uns die Metro-Station. Ideal. Wir wohnen hier mehrere Tage.

Nach einem Besichtigungstag per Metro besteht Lörchen darauf, dass ich mich porträtieren lasse, oben auf dem Place du Tertre. Ich setze mich vor den Künstler, die letzte Abendsonne streichelt den Berg. Es dauert, die Sonne entschwindet. Die Laternen gehen an und verändern alles, die Farben, die Schatten, die Konturen. Aber Lörchens Sorge ist unbegründet, der Künstler setzt sein Werk unbeirrt fort, und sie ist mit dem Bild zufrieden. Danach sitzen wir unter all dem Jungvolk auf den Stufen zu Sacre Coeur, hören ihre Lieder, genießen den Blick auf die Lichter von Paris und träumen in die Nacht. Nach Hause haben wir es ja nicht weit.

 

730

Um 23 Uhr schläft Frankfurt schon sehr gründlich. Nicht nur der Bahnhof, auch der Weg hinunter in die Stadt ist öde. Bei meinem Gedanken an ein Hotel fällt mir ein, dass mein Geld in Polen viel mehr wert ist. Ich brauche nur über die Oderbrücke zu gehen und spare mindestens die Hälfte. Aber drüben empfängt mich noch mehr Öde. Der einzige, der noch Licht hat, ist der Grenzposten. Ich frage nach einem Hotel. Hotel? Ja, hm, natürlich. Er will mir erklären, aber sein Kollege unterbricht ihn mit verstecktem Grinsen. Die beiden wechseln ein paar polnische Sätze miteinander, dann entschließen sie sich, mir die gewünschte Auskunft zu geben. Die Adresse ist nicht weit, ich finde sie auch in der Finsternis.

Auch das Hotel ist dunkel, kein einziges beleuchtetes Fenster. Auf mein mehrfaches Klingeln öffnet ein junger Mann, ziemlich verschlafen, die Tür. Hotelzimmer? Ah, ja. Es ist wirklich billig, aber ich soll im voraus zahlen. Sehr ungewöhnlich für ein Hotel, denke ich. Ich bekomme einen Schlüssel, finde die Zimmernummer, alles kein Problem, bis ich die Deckenbeleuchtung einschalte. Ein rotes Licht fällt in das Zimmer. Die Farbe wäre an sich nicht nötig gewesen, denn es ist ohnehin fast alles in rot gehalten. Ein französisches rotes Bett mit roter Bettdecke und einem großen weißen Herzen drauf. Ein roter Plüschsessel, eine rote Nachttischlampe. Rotgemusterte Tapeten und Fenstervorhänge. Nur der elektrische Heizkörper ist nicht rot. Keine Frage, ich bin in einem Puff. Allein und müde. Innerlich alarmiert schließe ich die Tür sorgfältig zu und verriegle die Klinke zusätzlich mit der Lehne des Polsterstuhls und gehe schlafen. Ich schlafe übrigens sehr gut.

Morgens halb acht wache ich auf. Langsam fällt mir wieder ein, wo ich bin. In aller Ruhe mache ich mich fertig zur Abreise. Am Empfang ist niemand. Diesmal gelingt es mir auch nicht, jemanden zu wecken. Das ganze Haus ist tot, niemand aufzutreiben. Die Haustür ist verschlossen. Den Gedanken an Frühstück schiebe ich beiseite. Ich will weg. Ich öffne das Fenster neben der Haustür. Draußen ist frische Luft. Erst hänge ich also den Schlüssel wieder an seinen Platz, dann stelle ich die Gitarre vorsichtig draußen an die Hauswand, werfe den Rucksack und schließlich mich hinterher. Deshalb sollte ich wohl im Voraus bezahlen.

 

740

Nachts schließen die Portugiesen ihr Land ab. Brücken werden mit Gittertoren verrammelt, Fährlinien bis zum Morgen eingestellt. Solche Erfahrung ist mir nicht neu. Aber jetzt ist Mittag. Und die Grenze kommt noch gar nicht. Was soll also diese Schranke mitten über die Straße? Der Mann sieht nicht wie ein Polizist aus, eher wie ein Bahnbeamter. Er ist freundlich, spricht aber nur portugiesisch und kann mit unserer Straßenkarte nichts anfangen, da er zu den 60 Prozent Analphabeten im Lande gehört. Da kommt ein zweiter Mann in Arbeitskluft. Dieser hebelt die Schranke hoch, jener bedeutet uns, vorzufahren. Sie sieht aus wie eine provisorische Baustraße, aber in Portugal gehören Schlaglöcher zu jeder Straße. Erschrocken trete ich nach wenigen Metern auf die Bremse. Vor mir endet der Weg an einer Eisenbahnstrecke, und dahinter ist ein Abgrund. Zwei Männer sehen mich erwartungsvoll an. Tatsächlich, aus der Nähe gesehen fädelt sich der Weg in einer scharfen Linkskurve auf die Eisenbahnstrecke ein, nicht quer über die Gleise, sondern richtig auf den Schienenweg. Ein dritter Arbeiter winkt, ich solle fahren. Hinter mir wird gehupt. Ich fahre. Auf den Schwellen liegen Bohlen, auf denen sich jetzt die Räder von unserem Bus befinden müssen. Sehen kann ich es nicht. Nach kurzer Strecke fällt der Boden ab. Unten in der Schlucht schäumt ein Fluss. Ich sehe ihn durch die Bahnschwellen, denn ich wage nicht, nach links oder rechts zu sehen. Konzentriert versuche ich, die Räder auf den Bohlen zu halten. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein Rad hier auf der Brücke zwischen die Schwellen gerät! Auf der anderen Seite sind wir wieder auf der Fernstraße, auf der der Gegenverkehr schon wartet. Was ich hier erlebe, ist für die Einheimischen normal. Ich halte in einem winzigen Ort, um mich zu entspannen. Durch das Starren auf die Bohlen bin ich bei hellem Sonnenschein wie durch einen Tunnel gefahren und weiß bis heute nicht, wie die Brücke, die Landschaft, die Strecke wohl aussehen mögen.

 

745

Buon giorno, i passaporti, per favore!“ Schon wieder hält ein Streifenwagen bei uns, dessen Besatzung eine Personenkontrolle verlangt. Ich unterbreche mein Frühstück, grüße freundlich zurück und weise darauf hin, dass vor zehn Minuten gerade die Kollegen schon da waren. Die Beamten entschuldigen sich, wollen die Papiere gar nicht ein zweites Mal sehen und erklären mir, dass an dieser Stelle das Parken für Pkw erlaubt sei und es nichts zu beanstanden gäbe. Und das ist auch gut so, denn an unserer schmalen Sackgasse haben wir den einzigen Schattenplatz in der ganzen Stadt gefunden. In diesem extrem heißen Sommer wäre es nicht auszuhalten, wenn auch nur eine halbe Stunde die Sonne auf den Bus schiene. Die Reihe hoher Häuser hinter uns bewahrt uns vor der Morgensonne. Irgendein Rentner aus diesen Häusern war es wohl auch, der besorgt die Polizei rief, als er morgens auf den Balkon trat und die Vagabunden bemerkte. Die Straßenbäume bewahren uns vor der Mittagshitze, und der kleine Park, dessen Eingang vor unserer Haustür liegt, schützt uns nachmittags und abends. Im Park gibt es Trinkwasser und ein Klo. Um die Ecke gibt es den Bäcker, bei dem Salka das Frühstück besorgt hat. Zum Strand in Sottomarina, den wir wegen der Hitze mehrmals am Tag aufsuchen, sind es dreihundert Meter.

Als wir in der Abendkühle über die Lagune nach Chioggia kamen, tat die Sonne freundlich und lies die Häuser in malerischen Farben aus dem Wasser aufsteigen. Da machte es nichts, dass die Insel zwischen Chioggia und Sottomarina, die nur aus Parkplatz besteht, keinen Schatten bietet. In Erwartung des nächsten Morgens aber durchsuchte ich noch schnell die ganze Stadt und fand diesen Platz, der natürlich belegt war. Doch nachts um drei Uhr gab es hier die Parklücke, in der wir jetzt frühstücken. Und wenn es wieder Abend wird, haben wir die Wahl: Zelebrieren wir unseren Giro heute auf dem Markt von Sottomarina? Oder ziehen wir an den pittoresken Kanälen mit den venezianischen Brückchen in Chioggia entlang? Oder flanieren wir über die ausgedehnte Piazza inmitten der Stadt? Hier hat der Verkehrsverbund von Venedig eine Endstation. Aber wir wollen nicht nach Venedig bei dieser Hitze, wir wollen die hiesige Ruhe genießen.

Adam ist Schwede, aber er wohnt in Milano. Er ist geschäftlich hier. Wir treffen ihn auf der Piazza bei einem der Volksfeste, die in allen Ländern Europas ähnlich sind: Irgendeine gemeinnützige Organisation stellt Bierzeltgarnituren auf die Straße, bietet selbstgemachtes Essen an und organisiert ein Programm. Spät am Abend will Adam unbedingt noch unsere Unterkunft sehen. Er lacht herzlich über unser primitives Hotel. Aber jetzt ist es auch dunkel und angenehm kühl. Morgen, wenn die Sonne kommt und der Park unser Vorgarten wird, hat es wieder sechs Sterne.

 

750

Should auld acquaintance be forgot...“ Pünktlich um Mitternacht haut die Band rein, und alle singen mit. Die Straßen im Vergnügungsviertel Paceville sind voller Menschen, überwiegend Jugendlichen, nicht wie üblich in Jeans und Pullover, sondern fein herausgeputzt. Die Mädchen tragen figurbetonte Kleider oder Kostümchen, entweder Mini oder ganz lang, grundsätzlich schwarz, ausnahmsweise auch mal rot. Weinrote Lippen und hohe Schuhe sind selbstverständlich. Auch die Jungs tragen Schlips, auf jeden Fall ein Jackett, meistens schwarz, ausnahmsweise rot. Ich frage mich in dem Gewimmel ernsthaft, woher die Busse in ihrem unermüdlichen Einsatz solche Massen von Jungvolk herankarren, wo das Land doch so klein und die Einwohnerzahl sehr begrenzt ist. Touristen sind es auf keinen Fall. Ich selbst stoße mit Saskia und ihrer Gruppe deutscher und chinesischer Sprachschüler an, mit der ich dann weiter durch Pubs und Cafes ziehe. Bis in die frühen Morgenstunden ruft uns jeder, dem wir auf der Straße begegnen, ein fröhliches „Happy New Year“ entgegen. Sonst ist es ruhig. Raketen und Böller sind hier bei jedem größeren Fest üblich, nicht aber zu Silvester. ............... Der neue Tag beginnt grandios mit einem prächtigen Regenbogen: Direkt vor meinem Fenster überspannt er die Bucht und den Hügel von St. Julians. Heute ist wirklich alles zu.. Was tun? Im Haus ist es zu kalt, wenn man nicht gerade im Bett liegt. Draußen ist es deutlich wärmer, bei jedem Wetter, sogar nachts. Busfahren ist billiges Sightseeing. Von seiner Madonna bewacht und völlig unbeeindruckt von den rüden Verkehrssitten kurvt der Fahrer seine liebevoll bemalte Klapperkiste durch den dichten Linksverkehr, grundsätzlich mit offener Tür. Ich genieße das Grün des Landes, die belaubten Ficusbäume, die Palmen und Zypressen, Riesenkakteen und Agaven, aber auch das Gras und die Ringelblumen, mannshohen Weihnachtsstern und Hibiskus, dazu blühend. Als ich mich zur Rückfahrt an einer Bushaltestelle einfinde, erklären mir mitfühlende Passanten, dass ich dort wohl vergeblich warten würde. Busse fahren am Neujahrstag zwischen 12 und 15.30 Uhr nicht. „All over the island. You are unlucky.“ So sehr „unlucky“ bin ich dann auch nicht. Nachdem ich in alter Gewohnheit den Daumen in den Wind halte, nimmt mich schon nach fünf Minuten ein junges Paar mit, das gerade auf dem Weg zum „New Years Lunch“ ist, das traditionell im Familienkreis begangen wird. Und tatsächlich, außer der Heiligen Familie und ihren königlichen Besuchern, denen der Sturm am Gewand zerrt, finde ich niemanden mehr in den Straßen der Stadt. Aus den geschlossenen Gesellschaften in den Restaurants dröhnen abwechselnd gregorianische Gesänge und englische Weihnachtslieder, beides für unsereins recht befremdlich. Noch nicht einmal den Eingang in die Festung La Valetta finde ich auf Anhieb wieder, zu ungewohnt ist der Anblick des sonst mit Bussen vollgestopften, jetzt aber öden Terminals vorm Tor. Ein paar pfiffige Taxi- und Fiakerfahrer suchen die Gunst der Stunde bei überraschten Touristen zu nutzen, aber ich habe ja keine Eile, sondern Ferien und Sonnenschein. Happy New Year, Malta!

 

760

Wieso denn nach Amsterdam? Ungläubig höre ich den Nachbarn an. Für meine Ungarn-Bekanntschaft sollte das eine Überraschung sein, der letzte Besuch einer langen Reise. Der Überraschte bin jetzt ich: Sie sind auf Besuch nach Amsterdam gefahren. Dass die Leute reisen, kaum dass man sie lässt, kann eigentlich nicht überraschen. Was soll ich jetzt hier? Ich weiß, dass der Ort nichts hat, das anziehend wäre. Eine Stadt ohne Farbe, nur aus Grautönen, das wäre genug der Beschreibung. Hellgrau sind die sechsstöckigen Plattenbauten, auf deren Parkplatz der Bus nun steht. Grau ist sogar die Grünfläche zwischen den Bauten. Die Fabrik mit den zwei hohen Schornsteinen dahinten, in der alle 6000 Gommeraner arbeiten, wenn sie nicht für jemand arbeiten, der dort arbeitet, ist sowieso grau, eher dunkelgrau. Die Häuser der Altstadt sind grau, abgewohnt und unsagbar provinziell. Das alles weiß ich, aber ich weiß auch, dass der Abend bald da ist, und dass die anderen Orte, durch die ich noch fahren könnte, ebenso grau sind. Und genauso nach Schwefeldioxid riechen. Also bleibe ich hier. Morgen folge ich der Elbe bis Bergedorf. Aber pinkeln muss ich vorm Schlafen! Die nächste Grünfläche ist ein Friedhof, und da ist die Pietät vor. Missmutig mache ich mich auf einen längeren Weg gefasst, da fällt mein Blick auf den Schlüssel. Ein kleiner Bund liegt mitten auf der Straße. Ich hebe ihn auf. Polizei? Blödsinn! Wer den Schlüssel verloren hat, kann noch nicht weit sein, kommt zu Hause nicht rein und läuft suchend durch die Gegend. Hier gibt’s nur die vier Blocks, keine anderen Häuser. Und in der Tat: Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern kommt laut schimpfend, den Blick auf den Boden geheftet, aus einem Hauseingang. Als ich ihr den Weg versperre, holt sie Luft, um auch mich anzuknurren, erkennt aber dann doch ihren Schlüssel, den ich ihr entgegenhalte. Sie nimmt ihn, wir wechseln wenige erklärende Worte, und sie verschwindet mit ihren Kindern im Block. Etwas verwirrt gehe ich in den Bus, mache Abendbrot, habe den Grund meines Ausflugs ganz vergessen. Da klopft es. Die kleinen Jungs von eben bringen mir Obst. Ich zeige ihnen den Bus und unterhalte mich mit ihnen. Nach so vielen Wochen bekommen mir die Kleinen ganz gut. Da klopft es wieder, die Mutter sorgt sich um ihre Kinder. Mir fällt das Pinkeln wieder ein, und ich frage, ob ich vielleicht kurz ihr Klo benutzen darf. Darf ich, und nun sitze ich im 4. Stock, repariere Spielzeugautos, trinke Tee, finde eine Gitarre auf dem Schrank. Sie sieht überhaupt nicht aus wie eine Einheimische, denke ich, viel witziger, moderner, und auch viel schlanker. Sie lacht unentwegt, während ich Musik mache und sie die letzten Koffer packt. Morgen nach dem Frühstück reisen wir ab - ich mit Schnautzels Bus nach Hamburg und sie mit ihrem Trabbi nach Tirol.

 

765

Keine Nachricht von Niko! Langsam zerrt seine Sprachlosigkeit an meinen Nerven. Wir hatten uns lose für ein Treffen verabredet, denn er will mit seiner Mutter nach Marseille fliegen und wir gondeln sowieso in der Gegend umher. So haben wir uns ganz in die Nähe von Marseille begeben, in das Örtchen Cassis, wo es uns, obwohl wir nur zu den Schönen, aber nicht zu den Reichen gehören, bei Sonnenschein und Meer wunderbar gefällt. Wenn nur die Ungewissheit mit Niko nicht wäre! Montag Mittag kommt eine SMS, kurz und knapp: „Dienstag Arles, Mittwoch Nîmes.“ Also nicht Marseille? Nachfragen sind nicht möglich, Nikos britisches Telefon ist tot. Salka entscheidet: Wir fahren sofort nach Arles.

In Arles finden wir einen wunderbaren Platz für unseren Bus, mitten in der Stadt, direkt am Amphitheater, kostenlos, Sonne, weite Aussicht. Eine Weile mussten wir um diesen Platz kämpfen, aber dann war es herrlich. Anders als sonstwo hat man sich in Arles entschieden, die alten Römerbauten wieder aufzubauen, und ich gehöre zu den Menschen, die gute Nachbauten mehr lieben als alte Trümmer. Am Amphitheater wurden schon viele zerschlissene Teile durch nachgebaute Steine ersetzt, und das antike Theater, von dem fast nichts mehr erhalten ist, wird total rekonstruiert. Auch ansonsten gefällt uns die Stadt mit ihrer gut erhaltenen Stadtmauer und den malerischen Gassen sehr, und wir langweilen uns nicht. Nach fast 24 Stunden in Arles ohne jedes Lebenszeichen von Niko beschließen wir, nicht mehr auf ihn zu warten, jetzt den zweiten Abend in Arles zu genießen und morgen in die Camarque weiterzureisen. Während wir gerade den Bus verlassen wollen, wird neben uns ein Parkplatz frei, und wie üblich wird er schon nach wenigen Sekunden neu belegt, mit einem französischen Auto und - Niko am Steuer!

Es verschlägt ihm einen Moment die Sprache, als ich an seine Scheibe klopfe , und die Verblüffung über seinen omnipräsenten Vater steht ihm im Gesicht. Hannelore aber begrüßt mich fröhlich, als träfen wir uns gerade wie üblich auf dem Bergedorfer Wochenmarkt. Erst nach ein paar Sekunden realisiert sie, wo wir in Wirklichkeit sind, und stößt einen lauten Schrei aus, denn sie allein wusste von der ganzen Verabredung rein gar nichts. Als wir dann später in einem Restaurant am alten Römerforum gemütlich zusammen essen und lachen, kontert Niko meine Vorhaltungen, wir wären fast wieder weggefahren, weil er nichts habe von sich hören lassen, mit dem unschlagbaren Hinweis: „Wieso? Es hat doch alles wunderbar geklappt!“

 

770

Schwierig, aber wird schon gehen. So ungefähr deute ich seinen Gesichtsausdruck. Er spricht ein bisschen Deutsch, hat wohl in Deutschland gearbeitet, aber nicht so viel, dass er mir seine Arbeit erklären könnte. Es musste aber sein. Schon seit Tagen bin ich jeden Morgen mit einem Hammer unter den Bus gekrochen, um den Magnetschalter zu lockern, und heute morgen ging gar nichts mehr. Wie gut, dass wir den Bus auf einem Berg abgestellt hatten, aber nun sind wir in dieser winzigen Autowerkstatt, die nur an dem Schild zu erkennen war und in die unser Bus noch nicht einmal hineinpasst. Auf der Straße hat er zuerst die Batterie ausgebaut, sorgfältig geputzt, und nun gießt er die Säure Zelle für Zelle durch einen Filter in eine rechteckige Holzwanne. Batteriesäure sei „in diesen Zeiten“ sehr schwer zu bekommen. Und einfach eine neue Batterie? 0, eine passende müsse er schon aus Athen kommen lassen. Ich denke mit Schrecken an die Wartezeit, wir wohnen ja in dem Bus, und an die Kosten. Er spült die Zellen mit Wasser. Dann legt er Spannung an. Kurzschluss, jedenfalls in einer Zelle. Er lädt uns in sein Auto und fährt die ganze Stadt ab, jeden seiner Konkurrenten. Irgendwo bekommen wir eine Batterie, nagelneu, aber eigentlich nicht groß genug für einen Kleinbus. Natürlich sind wir einverstanden. Es geht zurück, vorsichtig kommt die alte Säure in die neue Batterie, und die dann ans Ladegerät. Nun krabbelt er auf der Straße unter den Bus und baut Anlasser und Magnetschalter aus. Es kostet ihn einiges, den verrosteten Magnetschalter zu zerlegen. Dann schleift er ihn gängig, dass es flutscht. Den Anlasser baut er auch auseinander, packt den Läufer in seine Drehbank und dreht den Kommutator säuberlich ein paar tausendstel Millimeter ab. Auf seine Drehbank ist er stolz. Der Kommutator glänzt wie neu. Als wir nach der Mittagszeit wiederkommen, ist die Batterie aufgeladen. In aller Ruhe baut er alles wieder ein, Stück für Stück, zuletzt die Batterie. Der Bus startet sofort. Mir schießt ein Vergleich durch den Kopf: Die deutsche VW-Werkstatt hätte vermutlich Anlasser, Magnetschalter und Batterie erneuert, zuzüglich Ein- und Ausbau … So zahlen wir nur die Batterie und etliche Arbeitsstunden, die aber noch nicht einmal teuer. Ja, lag der Fehler nun beim Magnetschalter, beim Anlasser oder bei der Batterie, denke ich im Weiterfahren. Richtig geklärt wurde das nicht. Aber egal, es gab nie wieder Probleme, die ganze Rückreise nicht, die ganze nächste Sommerreise nicht, und wie lange die Teile später noch gehalten haben, weiß ich nicht. Es war ja nicht unser Bus.

 

775

Hab’ keine Sorgen, Gefährtin,

fremd ist, was Deine Sinne erreicht,

wenn die Nacht jetzt kommt, doch

das Fremde, das will Dir ein Freund sein,

ein Mosaik von der anderen Seite der Welt.

 

Was Du siehst,

durch die Fenster am nachtschwarzen Himmel

ist doch nur der Komet,

ein seltener Gast aus den Weiten des Raumes,

der täglich dir treu bleibt und doch niemals wieder erscheint.

 

Was Du hörst,

ist doch nur das Rauschen der Brandung

da draußen am Strand,

das rhythmische Plätschern,

das Dir nur des Meeres Lebendigkeit zeigt.

 

Was Du riechst,

ist doch nur der Duft der Zypressen,

und uralter Pinien, die ihre Zweige

über Dich beugen.

 

Was Du schmeckst,

ist doch nur der Rest Bardolino, die winzige Spur,

die auf Deiner Zunge noch blieb nach dem Abend.

Kein Stoff, der Dich trunken macht, Sinne Dir raubt,

den Gliedern nur ganz sanfte Schwere gibt und sie entspannt.

 

Was Du fühlst,

das bin doch nur ich, der Dich wärmt

unter den Kissen in höhliger Enge,

der ohne Forderung und ohne Frage

die Träume erwartet genauso wie Du.

 

Was Du träumst,

ist doch nur der Traum von der anderen Seite des Lebens,

der sonnigen Seite, die wahr wird, wenn man sie träumt,

auch dann noch besteht, wenn der Morgen erwacht

uns’re Wege zu trennen.

 

790

Ich habe ja geahnt, dass das nicht gut geht. Jetzt sitzen wir im Sand fest. Aber was hätten wir machen sollen? Der Strand ist fünf Kilometer breit, zu Fuß eine Stunde vom Deich bis zum Wasser! Alle fahren hier mit dem Auto auf den Strand. Zum Glück kommt gerade ein Strandwächter auf seinem Jeep vorbei. Ohne viel Worte hilft er uns. Alle aussteigen, bitte! Er fährt unseren Bus ein Stückchen zurück, ein Stückchen vor, immer wieder, dann gibt er Gas - und der Bus humpelt aus der Kuhle. Der Mann hat Übung! Danke schön. Wir fahren auf der Piste, den Reifenspuren nach. Auflaufende Flut ist beste Badezeit. Die gute Badestelle erkennt man an der Menschenmenge. Als wir mit dem Bus mittendrin sind in dieser Menge, sehe ich plötzlich, viel zu spät, dass alle splitternackt sind und uns befremdlich - oder bedrohlich? - angucken. Auch das noch! Ich drehe mit kleinstmöglichem Wendekreis um und mache, dass ich wegkomme. Die anderen hinter mir lachen sich schlapp über meine Panik. Aber da gibt es nichts zu lachen! Obwohl unser Tempo schon ganz gut ist auf dem jetzt leeren Strand, werden wir verfolgt, und der nächste Schreck fährt mir in die Glieder, als wir sogar zügig überholt werden! Es sind zwei Strandsegler, diese dreirädrigen flachen Wagen mit dem großen Segel drauf, Windsurfen auf Sand. Mann, haben die ein Tempo drauf! Eine Aufregung folgt der anderen, und das in einer absolut flachen Sandwüste, Horizont in jede Richtung, eine Gegend, in der man nun wirklich nichts Aufregendes erwartet. Ich nehme das Gas weg. Dahinten sind wieder Autos und Menschen, muss ja nicht auch FKK sein. Ich reihe unseren Bus ein, und wir gehen baden. Auch von hier aus müssen wir noch ein Stückchen gehen bis zum Wasser. Zum Schwimmen ist es zu flach, aber es macht Spaß, sich mit Nordseewellen zu balgen, die gierig nach immer neuen Sandhügeln greifen und in wenigen Minuten jeden Sandwall erobern, den man ihnen entgegensetzt. Rückwärts in der Ferne sehe ich einsam unseren Bus. Wieso einsam? Wo sind denn all die anderen Autos? Während dunkle Ahnungen in mir aufsteigen, renne ich im Dauerlauf zurück, stapfe durch Priele voll eiligem Wasser, laufe durch Pfützen und tiefgründigen Sand. Aber es hat sich gelohnt. Die Flut hat gerade erst das linke Vorderrad erreicht. Ich springe in den Bus und fahre ihn ein Stück zurück. Aber ich traue mich nicht wieder weg. Erschöpft lege ich mich vor die Stoßstange und lasse die anderen allein weiter baden. Alle Leute suchen an den weiten Stränden Ruhe und Erholung, aber mir ist es heute echt zu aufregend hier.

 

795

Gefällt es Ihnen?“ Mir verschlägt es die Sprache, und ich nicke nur. Sie spricht deutsch, akzentfrei, aber in einem mir fremden Dialekt. Ich habe sie höflich französisch gegrüßt, als ich auf dem Heimweg an den Hobby-Malern vorbeiging, und dann doch kurz stehen blieb, um auf ihre Staffelei zu sehen. „Wenn ich malen könnte, würde ich auch hier malen“, sage ich. Die kleine, vollschlanke Frau mit ihren rot gefärbten Haaren mustert mich und meint: „Na ja, dafür können Sie offenbar musizieren“, zwinkert mit dem Auge und wendet sich wieder Roussillon zu, um den malerischen Ort weiter zu skizzieren. Richtig, ich habe die Gitarre auf dem Rücken. Ich freue mich, so unverhofft mit jemandem reden zu können. Wir wechseln ein Paar Sätze über den Ort und natürlich über die Steinbrüche. Ja, die will sie auch noch malen, morgen früh. Sie will jetzt nicht Eintritt für den halben Tag bezahlen. Ich locke sie mit einem Weg, den ich gestern ausgekundschaftet habe, durch den Pinienwald auf den Berg. Dort übersehe man den Steinbruch erstklassig und zahle keinen Eintritt. Sie ist interessiert und diskutiert es - französisch - mit einer anderen Dame, die gerade ihre Staffelei in einen Transporter packt und einen Korb herausholt.

Zu dritt gehen wir los. Die andere Dame ist größer, dünner und hat kurze graue Igelhaare. Sie spricht nur sehr wenig Deutsch, obwohl sie ebenfalls aus Colmar kommt. Die Elsässer Gruppe macht Urlaub mit Malerei in der Provence. Wir plaudern uns den ganzen Weg auf den Berg, genießen die Luft und bewundern die riesigen Pinienzapfen, die allenthalben verstreut liegen. Oben an der Kante, die steil in die Steinbrüche abfällt, werden wir belohnt für die Mühe: Der Ausblick auf die weichen, farbenprächtigen Ockerfelsen ist grandios. Durchgängig sind sie intensiv orange-rot, aber es gibt auch karminrote, fast violette, gelbe und sogar reinweiße Schichten. Durch den Abbau der Farbstoffe sehen die steilen Wände angenagt aus, bilden die seltsamsten Formen. Einige der roten Felsen ragen auch einzeln auf. Wir setzen uns alle drei an die Kante unter die Pinien und lassen die Beine in den Abgrund baumeln. Die Malerinnen holen Notizblöcke und Stifte heraus und beginnen zu zeichnen. Ich spiele Gitarre, seltsam angestaunt von den Leuten weit unten, die zwar Eintritt bezahlt haben, aber nicht für mich. Eine Flasche Wein, Brot, Käse und sogar Kuchen - der Korb war gut gepackt. Und so sind wir fröhlich und bester Dinge, als wir auf dem Heinweg noch die schönsten Zapfen einsammeln und uns für den Abend in Roussillon verabreden.

 

800

Mit einem kräftigen Satz springe ich über die Elbe. Bis Spindlermühle brachte mich der Bus. Der Rest wird gelaufen. Zunächst ist der Forstweg noch breit, auch die Elbe, die hier die Steine umtost, auf denen Kinder stehen und im Wasser spielen. Nachdem ihre Schwester, die von der Schneekoppe herunterkommt, dann nicht mehr dabei ist, wirkt die Elbe schon bescheidener. Aber noch immer tobt sie schäumend und quirlend von einer Stromschnelle zur anderen, und so soll es auch fast die ganze Strecke bleiben. Der Weg führt durch Hochwald, Beeren wachsen an seinem Rand und die Stille wäre perfekt, wenn das Rauschen meiner Elbe nicht wäre. Schmaler wird der Weg. Eine Knüppelbrücke führt ihn über den Fluss, der versucht, mit vielen kleinen Ärmchen all den großen Steinen aus dem Weg zu gehen, die mit Blumen und Moos bewachsen lauter Inseln zwischen den glitzernden Rinnsalen bilden. Die Schlucht wird so eng, dass neben der Elbe kein Platz mehr für den Wanderer bleibt. In Serpentinen führen Bergsteige die Wand hoch, heraus aus der Schlucht, hinauf auf die kahle Höhe. Immer weiter reicht der Blick über das Riesengebirge, doch fröhlich stimmt die schöne Aussicht nicht. Zu deutlich sind die kahlen Hänge Folgen des Waldsterbens. Das Ende der Schlucht ist erreicht, ein abruptes Ende, in das die Elbe den größten Wasserfall ihrer ganzen Laufbahn inszeniert. Hoch über der steil abfallenden Kante sehe ich dem Schauspiel zu, bevor ich die Elbbaude erreiche. Kalt ist der Wind. Eine Wolke hat sich über die Gipfel geschoben. Krüppelkiefern und Heide begleiten den Weg, der nur noch langsam ansteigt zur Kuppe der Elbspitze. Weit könnte ich sehen, wenn der Nebel nicht wäre. Ganz plötzlich und unspektakulär ist sie da, die Quelle der Elbe. Genau genommen gibt es gar keine Quelle. Drei handbreite Rinnsale eilen aus verschiedenen Richtungen durch das Gras, und dort, wo sie sich treffen, wurde ein Steinrund gebaut. Daneben sind mit buntem Mosaik die Wappen aller Städte eingelassen, durch die das Wasser, das sich hier auf den Weg macht, noch kommen wird. Das letzte Wappen ist Hamburg. Das gefällt mir gar nicht. Das letzte Wappen müsste Cuxhaven sein, denn schließlich liegt Hamburg nicht an der Mündung. Ich nehme mir vor, beim Fremdenverkehrsamt vorstellig zu werden. Das Ziel ist erreicht, aber es ist kalt und einsam hier im Nebel. Die Kamera trage ich vergeblich bei mir. Ich gehe noch eine Weile weiter. Zu meiner Freude taucht aus dem Nebel eine Familie auf. Sie begrüßt mich mit „dzindobre“. Aha, ich bin schon in Polen.

Am nächsten Morgen sehe ich zum Himmel. Er ist überall blau. Das Wetter ist viel besser geworden. Nun gut, dann gehe ich die zwanzig Kilometer eben noch einmal, wegen der Fotos. Für einen Hamburger ist die Elbquelle es allemal wert.

 

810

Wir fahren nach Kiew. So richtig viel Platz ist in den russischen Schlafwagen. Das ist angenehm, da wir ja nicht nur die Nacht, sondern auch die Tage im Abteil verbringen, eineinhalb Tage, von Endstation zu Endstation. In Lichterfelde wurde der Zug eingesetzt, in Kiew wartet Tamara am Bahnsteig. Wir haben unser Weihnachtsfest gerade hinter uns und das ukrainische vor uns, denn dort wird erst Anfang Januar gefeiert. Etliche Geschenke befinden sich in unserem Gepäck. Tief verschneit ist das polnische Land, das links und rechts vorbeizieht, ein schöner Anblick, und viel zu schnell wird es dunkel. Die Kinder legen sich schlafen, aber ich will bis zur weißrussischen Grenze wach bleiben, will das Umspuren erleben.

Zwei Uhr nachts, der Zug fährt über den Bug bei Brest. Etwas beklommen ist mir schon an dieser geschichtsträchtigen Stelle, auch wenn ich im Dunkeln kaum etwas sehe. Der Zug nach Kiew fährt nur zwei Stunden durch einen kleinen Zipfel weißrussischer Erde und hat dort keinen Aufenthalt. In Brest müssen wir nur zum Umspuren halten. Die Waggons werden mit allen Passagieren angehoben und für die russische Spurbreite auf ein anderes Fahrgestell gesetzt. Passkontrolle. Russische Soldaten besetzen den Waggon. Sie klopfen gegen die Wände, hebeln mit Schraubenziehern Verkleidungen herunter und lassen sie abgerissen hängen. Schließlich ist es ein ukrainischer Zug. Unsere Pässe sind in Ordnung. Aber sie wollen ein Transitvisum für die kurze Strecke ohne Halt. Das haben wir nicht. Immer mehr Uniformierte sammeln sich bei uns. Nach kurzer Beratung weisen sie uns an, die Kinder zu wecken und alles Gepäck mitzunehmen. Es gibt keinen Bahnsteig. Jeder ein schlaftrunkenes Kind an der Hand und Gepäck über der Schulter stolpern wir über Gleise und Bahnanlagen, immer dem Grenzsoldaten nach, bis in eine Halle. Hier könnte man ein Visum kaufen. Wir aber sollen keins bekommen. Unsere Einladung nach Kiew sei nicht ausreichend. Bis auf das „njet“ verstehe ich sowieso nichts, aber Karin erklärt dem Offizier, dass Auswärtiges Amt und Botschaft in Bonn zugesichert hätten, alles ginge so in Ordnung. Der Offizier, klein und stämmig, mit riesiger Mütze, wie der Bösewicht aus einem antisowjetischen Film, ändert noch nicht einmal den Tonfall. Wir haben es auch sicherlich falsch gemacht. Vielleicht wären wir durchgekommen mit klagendem Singsang, geduldig, wortreich und immer neuen Anlauf nehmend, auf unsere armen Kinderlein verweisend, die im Halbschlaf von ihren Verwandten in Kiew träumen und furchtbar enttäuscht sein würden, und die armen Kinderlein in Kiew, die auf ihre Weihnachtsgeschenke warten. Am besten dann in Tränen ausbrechen und weiterverhandeln. Russische Seele ansprechen. Aber so gut Karin auch russisch spricht, diese Art Verhandlung liegt Ihr genauso wenig wie mir. Wir haben sehr schnell das Gefühl, dass hier absolut nichts geht. Ich frage den Offizier nach seinem Namen, um mich zu beschweren, und Karin fängt trotz der nahen Gefängniszellen, die sie sofort wahrgenommen hat, vor Verzweiflung an, russisch zu schimpfen. Der Offizier läuft rot an, wirft ein paar Befehle um sich, und wir werden von bewaffneten Soldaten in einen anderen Zug geführt, einen nach Berlin. Abgeschoben. Niemand wagt, eine Fahrkarte zu verlangen. Tamara wartet vergeblich. Wir fahren nicht nach Kiew. Ich atme auf, als wir wieder in Polen sind. Europa ist am Bug zu Ende.

 

815

Sie ist die größte Straße im Ort, aber auch die schönste. Sie ist von meist zweistöckigen Ladenhäusern eingerahmt und mit großen Natursteinplatten belegt, die schon einige hundert Jahre auf dem Buckel haben müssen. Die anderen Straßen der mazedonischen Provinzhauptstadt haben entweder Holperpflaster oder außer dem Hühnerkot gar keinen Belag. Etliche Wege können von Fahrzeugen eigentlich gar nicht befahren werden, aber auch auf der Pracht- und Hauptstraße gibt es keine. Dafür wäre auch gar kein Platz. Denn es ist Abend, und der ganze Ort scheint sich hier zu versammeln. Man geht familienweise die Straße entlang, auf der einen Seite hinauf, bis man an die Stelle kommt, von der man einen herrlichen Blick auf den Ohrid-See werfen kann, wendet dort und geht auf der anderen Straßenseite wieder hinunter, dreht wieder am anderen Ende und beginnt von Neuem. Fast alle machen das so. Alte Leute stehen in Hauseingängen oder sitzen auf Bänken vor Cafés, grüßen die Vorübergehenden, die stehen bleiben, ein Schwätzchen halten und sich dann wieder in die lange Prozession einreihen. Kinder sind herausgeputzt, Kinderwagen werden stolz über die Steinplatten geruckelt. Und die Jugend? Die macht es ein klein wenig anders. Junge Mädchen gehen nicht mit ihrer Familie, sondern in Gruppen intensiv schwatzend auf und ab wie alle anderen. Die Jungen stehen ebenfalls in kleinen Gruppen lässig an Hauswände gelehnt und lassen die Menschen an sich vorüber ziehen. Kommt eine interessante Mädchengruppe vorbei, springen sie auf den Zug auf, sprechen die Mädchen an, gesellen sich zu ihnen, reden und scherzen mit ihnen, gehen eine Weile mit, bis sie sich an eine andere Hauswand stellen und dort genauso auf die nächste freie Mädchengruppe warten. Lörchen und ich haben sich schon lange in die große Prozession eingereiht und beobachten das alles mit Amüsement. Es dämmert, es wird dunkel. Alle gehen nach Hause.

Aus den Ferien zurückgekehrt erzähle ich meiner Mutter von der eigenartigen Prozession in Ohrid. „Och“, sagt sie, „das haben wir früher in Bergedorf genauso gemacht: Vun`n Mahnhoff to`n Bahnhoff.“

 

830

Kasperletheater ist meine Spezialität. Auch wenn die Auswahl an Puppen sehr begrenzt und die Bühne improvisiert ist, der kleinen Stephanie gefällt es wie jedem anderen Kind auch. Man merkt ihr nicht an, dass sie eine Unternehmerin ist, dass ihr nicht nur dieses Wochenendhaus in den Bergen und die Stadtwohnung in La Vella gehört, sondern auch das Diamantengeschäft, mit dem alles verdient wurde. Völlig pleite und auf der Flucht vor Gläubigern und Finanzamt kamen ihre Eltern irgendwann nach Andorra. Aber dann wurde Stephanie geboren. Wer in Andorra geboren wird, ist Staatsbürger. Nur Staatsbürger dürfen in Andorra Grundeigentum erwerben oder ein Geschäft betreiben. Beides tat Stephanie seit ihrer Geburt, natürlich gesetzlich vertreten durch ihre Eltern. Die Kleine versteht bestimmt noch nicht einmal so viel von Diamanten und dem so täuschend ähnlichen künstlichen Kubikzirkon, wie ich den paar Tagen meines Aufenthaltes lerne. O ja, in Andorra ist manches anders. Man zahlt überhaupt keine Steuern und nimmt dennoch staatliche Leistungen in

870
Viel weniger gefährlich erscheint mir die Fahrt nach Norden.
Auch so bleibt die Küstenstraße eng und kurvenreich, nur, nach Süden fährst Du immer am Abhang, hast in jeder Linkskurve den Blick frei auf die früher schon abgestürzten Fahrzeuge und vermisst die fehlende Leitplanke mehr. Nach Norden hast Du rechter Hand den Felsen, hin und wieder geschmückt mit einem kleinen Kreuz für jeden Toten. Vorsichtig fahren wir um einen Wohnwagen herum, die rechte Seite aufgerollt wie der Deckel einer Fischdose. Er ist dem Berg wohl etwas zu nahe gekommen. Trotz der fehlenden, sonst großartigen Aussicht auf das Meer empfinde ich es jetzt als eine verdiente Erholung, dass die Straße ein Stück hoch über der Küste geradewegs durch Wald führt. Wald ist in Dalmatien richtig selten. „Da brennt was,“ sagt Niko. Über dem Wald steht Rauch. Während wir weiterfahren, verdunkelt sich der Horizont. Mir wird mulmig, aber die Einheimischen fahren auch alle weiter, dem Feuer entgegen. Oder kommt das Feuer uns entgegen? Jetzt steht der Wald rechter Hand in hellen Flammen, und das bei dieser Trockenheit. Vor uns Polizei, wir werden von der Straße abgeleitet, hinunter nach Šibenik, raus aus dem Wald, rein in die Stadt. In Šibenik geht nichts mehr, alle Straßen sind verstopft von abgeleiteten Autos. Die Menschen, die in ihren Käfigen stundenlang ausharren müssen, tun mir leid. Unser Tramperpaar ist jetzt ganz glücklich, dass es auf der Herfahrt gerade von uns aufgelesen wurde, denn im Bus geht es uns trotz allem gut. Wir kochen, essen und beobachten dabei die Löschflugzeuge, die immer wieder auf das Meer niedergehen, im Fluge Wasser aufnehmen und es dann über dem Wald versprühen. Hoffentlich haben sie Erfolg. Nach dem Essen machen wir Musik für unsere Gäste, ich auf der Gitarre, Niko trommelt dazu auf den Bongos. Erst gegen Abend entspannt sich die Lage, langsam entwirren sich die Autos wieder Richtung Fernstraße, und unsere Tramper nehmen einen anderen Wagen, denn wir wollen nicht in die Nacht fahren. Neben der Stadt, knapp überm Meer, stellen wir den Bus in die Macchia, blasen das Schlauchboot auf, schieben es über die Kieselsteine ins Wasser und paddeln zu einer winzigen Insel hinaus. Die Insel, von fern schön anzusehen, enttäuscht uns. Sie besteht nur aus scharfkantigem Stein, über und über, man kann sie nicht betreten, mit einem Schlauchboot noch nicht einmal anlegen. Wir machen uns nichts daraus, genießen den wunderschönen Blick auf die Küste, eine kleine Vorstadt mit lauter weißen Häusern und dem typischen viereckigen, spitzen Turm der katholischen Kirche, alles im Abendsonnenlicht golden übermalt, dahinter Berg und Wald, und darüber nicht der sonst gewohnte blaue Himmel, sondern das Grau dunkler Rauchwolken. Welch ein Kontrast!

 

880

Alice war nicht allein im Wunderland, aber ich bin es. Einsam hallen meine Schritte durch das fensterlose Labyrinth. Hinter mir fällt eine schwere Tür zu. Hunderte von Kabeln wuseln zu meinen Füßen, schlängeln sich an der Wand hoch, durchkriechen die Mauern, begleitet oder gekreuzt von Rohren jeden Durchmessers. Immer wieder Treppen, armdicke Türen, Zimmer und Säle mit Sicherungen, Schaltkästen, Computerschränken, beeindruckenden Kabelbäumen. Bleibe ich stehen, erstirbt jedes Geräusch in den meterdicken Betonwänden. Erschrocken ziehe ich meinen Kopf aus dem Natriumtank zurück. Zu gruslig hallt mein eigener Atem. Die Kontrollstelle für Radioaktivität gibt dagegen keinen Piep von sich. Beruhigend. Ich greife mir zwei der hübschen Korbsessel und drapiere sie zwischen Ventilantrieben und Absperrschiebern, die in endloser Reihe aus dem Boden sprießen. Grotesk. Nach Lust und Laune kurble ich an den Ventilen für Wasser, Luft, Natrium, Stickstoff. Ein Irrenhaus ist das hier, und wenn die meterhohen Cartoon-Männchen nicht plötzlich von den Wänden springen, bleibe ich der einzige Insasse. In der Druckschleuse halte ich mich fest, als könnte sie plötzlich zu drehen anfangen wie eine Trommel im Tivoli. Jedenfalls würde mich das kaum noch mehr wundern als das Klohäuschen neben dem Generator. Mich fröstelt. Die Reaktorhalle ist kalt und totenstill. Es sieht aus wie am Morgen nach einer Party. Unordentlich stehen die Bistrotische zwischen den eisernen Geländern der beiden Abklingbecken. Überall stehen offene Flaschen und Plastikbecher. Die Bierzeltgarnituren unter dem Schwerlastkran und die vielen verstreuten Korbsessel verlieren sich im Dämmerlicht der großen Halle. Unter dem eingezogenen Rüssel der Lademaschine gibt es Freibier. Eine Pyramide von Flaschen ist vor dem Plutoniumlager aufgebaut, aber es gibt keinen Flaschenöffner. Ich schlage den Kronenkorken sanft und fast lautlos an der Kante des Reaktordeckels auf, der sorgfältig über mir abgestellt ist. Dann werfe ich den Korken mehr als zwanzig Meter tief in die Reaktorgrube, folge ihm mit meinen Blicken, während ich trinke. Alter, ist das nicht der Moment, auf den du immer gewartet hast? Mach vorwärts! Ich eile weitere Treppen und Gänge und finde die Schaltzentrale wie von selbst. Teppichboden verschluckt meine Schritte. An der Wand für den Reaktorschutz blinken Hunderte von Lämpchen und melden das Chaos. Mit wenigen Schritten bin ich am Platz des Reaktorfahrers. Die Flasche noch in der Hand drücke ich zielsicher auf den Roten Knopf. Alle Monitore springen an. Auf holländisch und deutsch tönt es: „Willkommen im Kernwasser-Wunderland Kalkar, dem einzigartigen Erlebnispark …“ Mir dreht sich der Kopf, während das Video geschäftig plappert und die Alarme dazu rhythmisch blinken. Raus! Raus hier!!

Warme Frühlingsluft umfängt mich. Helles Tageslicht durchflutet die Kantine. Mittagessen, Nachtisch, Kuchen satt, alles im Eintritt enthalten.. Mit völlig verkrampfter Haltung sitze ich am Tisch. Warum eigentlich? Das Irrenhaus ist doch lange nicht so verrückt wie das Normale vorher. Und das ist vorbei.

 

890

Lasst uns jetzt endlich systematisch suchen. Der Abend naht, und wir haben keinen Schlafplatz, lassen uns immer noch durch die sommerliche Altstadt treiben, von Insel zu Insel. Verlockend ist das große Segelschiff, das fast gegenüber dem königlichen Schloss festgemacht hat. Es ist eine Jugendherberge. Aber wir haben schließlich den Bus, und darin einige Latten und fünf Matratzenteile, alles in Eile bei Schnautzels zusammengezimmert. Nun sitzen wir endlich über dem Stadtplan, die Sonne ist dem Horizont schon verdächtig nahe. Im Dunkeln findet man kaum noch einen guten Schlafplatz. Hier, diese Grünfläche ist stadtnah und groß genug, die könnte es sein. Dass ein einsamer Fernsehturm darauf steht, dürfte nicht stören. Wir lenken den Bus durch die Stadt, nach Plan, sobald wir den Turm sehen, nach Sicht. Einsam? Die riesige grüne Wiese um den Fernsehturm ist voll von Jugendlichen, die in Gruppen sitzen oder liegen, Gitarrenmusik machen, Zelte aufgebaut haben. Wir erfahren von einem internationalen Jugendtreffen, das gerade jetzt zu Ende geht, und wir mit unserem Bus passen präzise da rein. Die Sonne ist immer noch am Horizont. Nur mit äußerster Mühe und ganz langsam schickt sie sich an, unterzugehen, beschert uns einen Abend, der uns viel Zeit lässt. Man hört zwar um uns herum manche europäische Sprache, aber Englisch können alle. So fällt uns die Unterhaltung nicht schwer. Nachdem die Sonne es endlich geschafft hat, unterzugehen, schlagen wir ihr ein Schnippchen. Der Fahrstuhl bringt uns auf die Galerie des Fernsehturms, und siehe da, die Sonne hat uns wieder und beschwert uns einen zweiten Sonnenuntergang an diesem Tag. Die Lichterinseln von Stockholm blinken zu uns herauf. Sie heben sich von dem dunklen Meer ab, das sie umgibt, sind aber mit Ketten von Brückenlaternen untereinander verbunden. Darüber leuchtet ein langer, roter Streifen am Horizont, der nur im Süden fehlt. Deutlich sehen wir die Spuren der Sonne, und wir können ahnen, wo sie schon in Kürze wieder aufgehen wird.

 

900

Die Stecke besteht fast nur aus Tunnel. Ich könnte weiterschlafen wie die Oma mir gegenüber, die schon seit Stuttgart in diesem Zug sitzt. Aber das Aufwachen lohnt sich, denn immer, wenn der Zug kurz aus dem Tunnel auftaucht, gibt es einen grandiosen Ausblick. Wie in einer Dia-Schau folgen die Bilder: Ein schmales Tal, ausgefüllt mit einem Städtchen, dessen bunte Häuser pittoresk an den Bergflanken hochklettern, umgeben von Wein und Oliven, mitten drin ein Platz, ein Hafen, das Meer. Und der Bahnhof. Aber an dem hält der Schnellzug nach Rom natürlich nicht. Husch, wird es wieder dunkel, und ein anderes Bild flammt auf, ähnlich zauberhaft, und noch eins, und noch eins. ........ Das Geräusch der Bremsen weckt die Oma. Der Zug steht fast ganz im Tunnel, nur die letzten Wagen erreichen noch einen Bahnsteig. „Hier möchte ich aussteigen“, sage ich und sinniere aus dem Fenster. „Machen Sie das doch“, sagt die Oma. „Das ist doch kein offizieller Halt!“ – „Na und? Der Zug steht doch.“ Sie hat recht. Ein kurzer Entschluss, und ich winke ihr von draußen, während der Zug wieder anrollt. Ein Bahnbeamter kommt schimpfend auf mich zu. Ich stelle mich dumm, als glaubte ich in La Spezia zu sein, und völlig sprachunkundig. Das Rotkäppchen gestikuliert in die Tunnel hinein, ist aber dann von meiner Fahrkarte beeindruckt, gibt noch gute Ratschläge und lässt mich gehen. Erwartungsvoll betrete ich mein letztes Dia . ........ Viel Platz bleibt nicht für die Örtchen zwischen der steil aufragenden Küste und dem Meer, und jedes Fleckchen in dem kleinen Taleinschnitt ist mit Häusern bepackt. Abgesehen von den Zügen gibt es keinen Verkehr. Doch, da ist eine einzige, schmale Straße, die irgendwo sehr kompliziert aus dem Berg herunterkommt und durch den Ort führt. An ihrem Rand abgestellte Fahrzeuge sind schließlich immer häufiger Boote statt Autos, bevor sie einfach am Hafen endet. Häuser, die nicht an der Straße liegen, sind nur über verschachtelte Gänge, Treppen oder Brücken zu erreichen, und manch obere Etage ist ebenerdig erreichbar. Unerwartet schnell habe ich die Stadt verlassen auf einem Fußweg, der um den Berg führt, sehe hinunter auf die Dächer, auf die Mole und das Meer, und der Weg geht weiter, immer am steilen Hang entlang. “Via dell’Amore“ heißt er, aber nur an wenigen Stellen ist es möglich, Hand in Hand zu gehen; manchmal lässt er kaum zwei Füßen nebeneinander Platz. Und doch ist er – abgesehen von Bahn und Schiff – die einzige direkte Verbindung zwischen den putzigen Orten, die man hintereinander in den Einschnitten der Steilküste sehen kann, wenn der Weg gerade um eine vorspringende Felsnase führt. Fünf Orte sind es, wie der Name “Cinqueterre“ schon sagt, jeder auf seine Weise beschaulich und unzugänglich. ........Inzwischen fängt die Oktobersonne langsam an, sich im Meer zu spiegeln. Gerade als ich darüber nachdenke, dass ich im nächsten Ort den Bahnhof aufsuchen muss, mischen sich leise Gitarrenakkorde in das sanfte Rauschen von Wind und Meer. Ich bleibe lauschend stehen. Gerade hier ist der Hang nicht ganz so steil, unter einigen Oliven unter mir gibt es Flecken, die man fast eben nennen könnte, und dort sitzen sie beim Picknick auf mitgebrachten Decken. Sie rufen mir zu und deuten, als ich näher komme, auf die Gitarre auf meinem Rücken. Ich setze mich und stimme mein Instrument nach den ihren. Sie sind eine christliche Gruppe, evangelisch, nicht katholisch, wie sie mit besonderer Betonung erklären. Ungewohnt in Italien. In Lévanto haben sie eine eigene Kirche, höre ich. Sie haben selbstgemachte Liederbücher dabei. Ich lerne ihre Lieder und lasse mich nebenbei zum Abendbrot einladen. Wir können uns zwar kaum unterhalten, aber fröhlich zusammen singen, während sich der Tag mit einem prächtigen Sonnenuntergang verabschiedet. Meine neuen Freunde kennen den „Weg der Liebe“ auswendig, so dass ich mit ihnen auch im Dunkeln ohne Absturz den nächsten Bahnhof erreiche.

 

910

Was für ein Schrei aus der Stille! Die Stille ist perfekt. Der Motor steht, der Bus ruht sich aus. Noch nicht einmal Geläut von den Almkühen ist zu vernehmen. Auch die Kinder sind ganz leise, denn sie beobachten interessiert, wie sich die roten Gondeln der Rigi-Bahn in der Luft begegnen. Wir liegen auf der abfallenden Wiese, unter uns eine Decke, über uns nur der blaue Himmel. Ausgerechnet von dort kommt der Schrei, fährt uns von oben her in die Knochen, so dass wir unwillkürlich die Köpfe einziehen. Ein heftiges Sausen begleitet ihn, ein rotes Ungetüm zischt über uns talwärts dahin. Noch einen Schrei stößt er aus, der Mann unter seinen Drachenflügeln, wir können sein Gesicht sehen, und jetzt, indem der Schreck abklingt, hören wir ganz deutlich, dass der Schrei nicht aus Angst oder Warnung gemacht ist, sondern aus unbändiger Freude. Wir sehen ihm nach, dem Flieger, wie er unter uns Runden dreht, kleiner wird, schließlich als winziger Punkt von dem blauen Dunst aufgenommen wird, der über dem Vierwaldstädter See liegt. Vielleicht kreist er noch lange, losgelöst, frei, und wir träumen dem Unsichtbaren nach den alten Traum von Fliegen.

 

915

Es ist zu heiß. An einer Wegkreuzung finden wir eine Mauer im Schatten. Ich setze mich mit dem Rücken an die kühle Wand. Salka legt sich auf die Mauer mit dem Kopf auf meinem Oberschenkel. Wir reden wenig, rühren uns kaum noch. Ruhe umgibt uns, denn die Gassen in der malerischen Altstadt Alfama sind für Autos nicht befahrbar. Die engstehenden Häuser teilen sich den knappen Platz im steilen Gelände und lassen nur wenig Raum für schmale Wege und Treppen zwischen sich. Wenn wir uns umdrehten, könnten wir hinunter sehen auf den Tejo und einen Teil der roten Hängebrücke, die ihn überspannt. Aber wir drehen uns nirgendwo hin. Im Schatten des Hauseingangs uns gegenüber sitzen ebenso unbeweglich zwei Frauen mit einem kleinen Kind. Neben dem Haus, auf der Schattenseite des Treppenweges, schläft ein Mann. Größere Kinder lagern sich auf anderen Stufen, sind wach, bewegen sich aber sehr sparsam. In der Hitze des Nachmittags liegen Einheimische und Fremde hier wie eine große Familie ohne ein anderes Bedürfnis als nach Kühle und Ruhe. Ganz langsam wird der Schatten über der Treppe breiter. Nach einer Stunde füllt er den ganzen Weg bis zum nächsten Haus. Die Kinder fangen zuerst an, leise zu spielen, der Mann wacht auf und döst noch ein wenig vor sich hin, die Frauen im Eingang halten ein Schwätzchen. Wir dagegen rücken ständig enger zusammen, denn unsere Schattenstelle wird schmaler. Dann steht der Mann auf, grüßt und geht. Die Frauen verschwinden im Haus. Die Kinder toben auf dem Weg vor uns und werfen uns hin und wieder einen neugierigen Blick zu. Die größte Hitze ist vorbei. Wir recken unsere eingeschlafenen Knochen und machen uns auf den Weg nach Hause: Zu Fuß bis zum Bahnhof in der Lissaboner City, dann bis Belém mit der S-Bahn, mit der Fähre über den Tejo und noch ein paar Stationen mit dem Linienbus bis zum Strand, wo unser Bus im Dauerschatten steht. Längst ist das Leben in uns zurückgekehrt, und mit den fallenden Temperaturen meldet sich auch der Hunger. Aus purem Übermut bestellen wir im Strandrestaurant den allgegenwärtigen Stockfisch Bacalhau. Er schmeckt uns ausgezeichnet, während die Sonne hinterm Atlantik versinkt und angenehme Kühle zurück lässt.

 

920

Dies Haus ist keine Immobilie. Sonnenstrahlen wecken mich auf. Ich liebe das. Weich und warm liege ich auf dem bequemen Bett-Sofa, eingehüllt in Federbetten, und blinzle in die Gegend. Die Sonnenstrahlen tasten sich über bestickte Kissen, bemalte Schränke, Häkeldeckchen und die mit großen Blumen bedruckte Tapete. Mein Blick folgt ihnen und bleibt an dem Wasserhahn hängen, direkt über meinem Kopfkissen. Hier sei früher die Küche gewesen, sagte man mir. Jetzt ist hier ein Wohnzimmer, aber vielleicht wird hier später einmal das Badezimmer sein, dann wird der Hahn wieder gebraucht. Er funktioniert, ich solle ihn ja nicht ausprobieren! Die Hausfrau ist voller Kreativität, von der sie nur einen kleinen Teil wirklich umsetzen kann. Wenn ihr Mann zur Arbeit ist, stellt sie die schweren Möbel auf Speckschwarten und fährt sie durchs Haus. Alles wird neu eingerichtet. Wenn ihr Mann zurückkommt, ist er mit zwei Problemen konfrontiert: Erstens findet er sein Bett nicht wieder und zweitens hat er die nächsten Wochen keinen Feierabend, weil er Fenster und Türen versetzen muss, damit sie zu dem neuen Möbelarrangement passen. Die Küche wandert von vorn nach hinten, von unten nach oben, die Zimmer werden geteilt, zusammengelegt, verlegt, je nach Inspiration. Die Haupteingangstür hat schon jede Himmelsrichtung gesehen. Terrassen, Anbauten, Windfänge, Kleintierställe, Zäune entstehen und vergehen noch deutlich schneller als Küche oder Stube. Alles andere als immobil ist dieses Haus.

Die nachkriegliche Wohnungsnot trieb sie damals, für ihre kleine Familie auf dem eigenen Acker ein Häuschen zu bauen, ohne Planausweisung, ohne Genehmigung. Es hatte zuerst nur ein Zimmer, mit Schornstein und Dach. Der Zugang war ein Feldweg, teilweise selbst angelegt. Von weitem war das Haus zu bemerken. Die Stadt, zu der der Acker offiziell gehörte, war noch nicht einmal zu sehen. Zu dem Bauern, den sie ihren „Nachbarn“ nannten, machte man einen guten Spaziergang an den Feldern entlang und über die Bahngleise. Während die Hütte nun trotz ihrer ständigen Verwandlung zu einem respektablen Einfamilienhaus heranwuchs, wuchs auch die nahe Stadt und streckte ihre Fühler hinaus. Man plante, der Bundesstraße 1 eine neue Trasse zu geben, über den Acker - und über das Haus, von dem offiziell nichts bekannt war. Jetzt galt es, alle Kreativität und Energie aufzuwenden, den Plan zu kippen. Das wunderliche Haus siegte. Die Straße nahm einen ganz anderen Weg, die Felder wurden Baugebiet für Einfamilienhäuser.

Wer das wandelbare Haus heute sucht, findet es nicht so leicht, ohne korrekte Adresse schon gar nicht. Völlig unscheinbar und angepasst steht es in einer Gegend, die Straße um Straße mit Einfamilienhäusern bebaut ist. Die Großstadt hat es geschluckt. Dass sie sich an das Haus - und nicht umgekehrt - angepasst hat, kann niemand mehr erahnen.

 

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Es sollte nur eine Abkürzung werden, aber wir haben uns im Eichenwald verlaufen. Eigentlich erscheint die Gegend sehr übersichtlich, denn die Eichen reichen uns gerade bis zum Knie. Die kleinen Büsche haben seltsam stachelige Blätter, aber richtige Eicheln als Früchte, also müssen es wohl Eichen sein. Doch die Übersichtlichkeit täuscht. Dieses stachelige Gestrüpp, das die ganze Gegend bedeckt, verbirgt eine extrem unebene Gegend mit Löchern und Abgründen. Dabei brennt uns die Sonne auf den Kopf, und wir haben keine andere Wahl, als die „Abkürzung“ aufzugeben und reumütig auf den markierten Wanderweg zurück zu kehren. .

Von nun an verlassen wir den Weg nicht mehr und folgen brav den roten Zeichen an Bäumen und Felsen, kühlen unseren Kopf im Schatten der Pinien. Nur noch 15 Minuten sollen uns von unserem Ziel trennen. Wir stehen an der Felsenkante und sehen das Meer, die Schlucht, die malerischen Felssäulen und die Pinien, die sich zwischen ihnen festkrallen. Aber zu meinem Schrecken sehen wir noch etwas anderes : Die Markierung leitet uns direkt die Felskante hinunter. Wir sehen uns um und vergewissern uns, aber es bleibt dabei, der offizielle Wanderweg führt die steile Kante hinab. Vorsichtig beginnen wir zu klettern, zu rutschen, jeden Halt ergreifend, der sich irgend bietet. Salka macht das Klettern Spaß, mir steht der Schweiß überall. Meine Zweifel, dass dies gar nicht der richtige Weg sein kann, werden hin und wieder durch deutliche Markierungen an den Felsen zurückgewiesen. Mit der einen Hand einen Baumstumpf krallend, mit dem rechten Fuß vorsichtig nach einem Halt suchend, taste ich mich abwärts. An vielen Stellen müssen wir uns gegenseitig halten und helfen. Es geht immer weiter hinab, eine schmale Kante unter einem Felsvorsprung, Bäume werden häufiger, freundliche Felsen bieten uns große Stufen, endlich sind wir unten.

Salka zieht sofort die Schuhe aus und stapft ins Meer. Ich setze mich erschöpft auf den Kiesstrand und betrachte die Wand, die wir gerade herunter gekommen sind. Jetzt sieht man die unregelmäßigen Säulen aus Felsgestein von unten. Jede wirft einen scharfen Schatten. Oben schließt die Kante mit den Schirmen grüner Pinien ab. Vorn glitzert das Meer durch die schmale Öffnung der Calanque d’En-Vau. Ein bunter Dreimaster ankert dort und vervollständigt perfekt das malerische Bild. Salka kommt und setzt sich neben mich in den Kies. Wir genießen den Tag und den Anblick, denn wir haben gleich zu Anfang bemerkt, dass wir nicht über die Steilwand zurück klettern müssen, sondern einen Wanderweg nehmen können, der uns hinten bequem aus der Calanque nach Hause führen wird.

 

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Are you Catholics or Protestants?“ Das ist die allererste Frage. Ca. 20 Jungen und Mädchen stehen neugierig vor unserem Bus. Ich versuche vorsichtig zu erklären, dass wir aus Deutschland kämen und die Frage der Religion bei uns nicht eine so große Rolle spiele. Der Wortführer hört sich das an, dann sagt er nur: „We are Catholics. Hundred Percent.“ Damit war das Thema zum Glück durch. Im Grunde sind sie wie andere Kinder auch. Sie singen mit, wenn der Gaak seine Oasis-Songs spielt, sie tanzen wie die Spicegirls, sind fröhlicher Ferienstimmung, nur ihr Benehmen ist schwer zu ertragen. Kinder aus Hochhaus-Ghettos, assoziiere ich sofort. In was für Häusern sie wohnen, weiß ich natürlich nicht, aber sie kommen aus Belfast. Dort fanden wir die Kantsteine in den besseren Bezirken besitzergreifend blau-weiß-rot bemalt - und prompt grün-orange-weiß in den Wohnbezirken der Katholiken. Aber letzteres darf offensichtlich nur heimlich gemalt werden, während in den herausgeputzten protestantischen Orten kunstvolle Triumphbögen über der Hauptstraße blau-weiß-rot verkünden: “God save the Queen!“ Der Streit ist überall gegenwärtig. Hier an der Nordküste gibt es nur einen kleinen Badeort, Sandstrand, Imbissbuden und eben den Campingplatz, den wir am Abend aufgesucht haben. Ich habe gleich gemerkt, dass er nur für Dauercamper, Wohnwagen mit Toilettenanschluss, vorgesehen ist, aber für „on pint“ will der Besitzer uns übernachten lassen. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass er „one pound“ meint, denn damit ist die Nacht für uns spektakulär billig. Die Kinder sind im Grunde ganz nett, hilfsbereit, zeigen uns alles, aber völlig unbritisch distanzlos. Sie setzen sich ungefragt in den Bus, lassen sich kaum wieder vertreiben, nehmen alles in die Hand, was erreichbar ist, klopfen nachts an die Scheiben, werfen unsere Wäsche von der Leine. Katholiken? Vielleicht auch das, aber vor allem Ghettokids ohne Perspektive, irgendwo ganz unten angesiedelt. Wir verlassen den Platz am nächsten Morgen. Ein Bleiben kommt für uns trotz des unerhört niedrigen Preises nicht in Frage, da sind wir uns einig.

Als wir in Derry die Republik erreichen, rechne ich fest mit einer gut befestigten Grenze, aber nichts da: Der Übergang ist völlig unscheinbar, wäre ohne die offensive Reklame der Tankstellen, die auf republikanischer Seite billig Sprit für englische Pfund verkaufen, gar nicht zu bemerken. Es gibt kein Grenzerhäuschen, keinen Zaun, keine hochgezogene Schranke, ja noch nicht einmal ein Schild, das den Hoheitswechsel anzeigte.

 

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Bin ich jetzt eine “labyrinthkluge Ratte“? Dann müsste ich hier doch schnell durchkommen. Im Magen ist ein scheußliches Gefühl. Im Kopf spuken mir psychologische Tierversuche herum, Ratten im Labyrinth. Was ist Lernen? Was ist Intelligenz? Jedenfalls brauche ich weniger, als ich dachte, denn die Menge schiebt. Die große Halle unter den Gleisen ist vollgestellt mit Buden, Lampen, Spiegeln und Drahtzäunen. Nur enge, verwinkelte Wege sind möglich. Alles, was eine Schirmmütze trägt, guckt bedrohlich. Gesprochen wird wenig. Kurze Sätze. Von Posten zu Posten, von Ecke zu Ecke komme ich vorwärts. Schließlich bekomme ich meinen Pass wieder, auch mein Gepäck, komme raus und bin drinnen. Noch zwei Stationen mit der S-Bahn. Das Abholen am Alex klappt, ich bin froh. Wir fahren eine Station wieder zurück, gehen zu Fuß, gar nicht weit, alte Vorkriegshäuser, „illegale Wohnung“ nennen sie das, wo wir uns alle treffen. Der junge Mann, der hier wohnt, hat keine „Zuzugsgenehmigung“, arbeitet aber offiziell in Berlin. Überwachung mit Lücken, denke ich erstaunt.

Aber Kinder, wir haben doch gar kein Werkzeug! O, welche Enttäuschung. Nein, ich muss Werkzeug kaufen, am besten drüben, denn hier, wo unser Bus steht, gibt es nur Bäume. Wir steuern auf die schmale Lücke in der Mauer zu. Der freundliche Grenzer hat einen Bauchladen zum Stempeln von Pass und Kinderausweis. Ziemlich schnell finden wir einen Eisenwarenladen. Der Meißel kostet nur 2 Mark. Wir bezahlen in West, denn wir haben ja nichts anderes, und kehren um zur Lücke. Wieder gibt es Stempel, was die Kinder begeistert. Mit dem neuen Meißel und einem Stein als Hammer schlagen sie abwechseln auf die Mauer ein, um möglichst schöne Stücke herauszuhauen, so wie Tausend andere es auch machen. Das vielstimmige Geklopfe übertönt alles, aber viel gibt es hier auch nicht zu übertönen.

Ob es klug war, von Osten zu kommen? Jetzt stecken wir im Stau. Und das geht nun schon seit dem Alexanderplatz so. Langsam rückt das große Tor näher. Menschenmassen bevölkern den Pariser Platz. Einen Moment muss ich doch den Atem anhalten, als unser Bus genau unter dem Brandenburger Tor hindurchfährt. Am Tiergarten finde ich den alten Parkplatz wieder. Wir nehmen den etwas weiteren Weg bis zum Reichstag in Kauf, denn dort ist alles vollgeparkt. Es gibt Buden, Straßenmusik, Jongleure, allgemeine Volksfeststimmung. Kostenlos werden kleine Schnipsel des groben Stoffs verteilt, mit dem der ganze Reichstag eingehüllt ist, mit dicken blauen Seilen verschnürt. Von fern dagegen glänzt das Tuch weiß im Sonnenlicht, und die Seile wirken wie feine Paketschnüre. Vorsprünge, Mansarden, Kamine, alles ist sorgfältig eingepackt und extra verschnürt. Der Reichstag sieht weit schöner aus als sonst. Es ist wirklich ein gelungenes Kunstwerk. Auch die Kinder finden das.

 

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Die Brieftasche ist weg! Unser Geld! Entsetzt starrt Lörchen in ihre Handtasche. Die grüne Brieftasche mit den Postsparbüchern, Geld, Führerschein - alles weg. Und wir hatten uns noch verwundert amüsiert, als uns gestern nicht nur einmal fremde Neapolitaner warnten, die Handtasche, den Fotoapparat nicht so sorglos zu tragen, wenn wir durch die Altstadt ziehen. Der Wirt, bei dem wir gerade bezahlen und abreisen wollten, macht einen nervösen Eindruck. Vielleicht glaubt er, wir würden sein Hotel verdächtigen, oder - noch schlimmer - wir könnten nun vielleicht nicht zahlen. Der soll bloß ruhig sein. Sein Hotel wäre kaum eine Bezahlung wert. Das Bett krachte bei der ersten Berührung mit uns zusammen. Am Sonntagmorgen versuchte er uns mit Zwieback (!) zum Frühstück abzuspeisen. (Aber da kennt er Lörchen schlecht, auf ihre Entrüstung hin besorgte er doch noch Brötchen.) Und dazu habe ich bei ihm die einzige Wanze meines Lebens kennen gelernt, zum Glück als Leiche. Nein, er soll bloß ruhig sein. Außerdem verdächtigen wir ihn nicht. Wir sind sicher, auf dem Schiff von Capri her oder in der Straßenbahn muss es passiert sein. Wahrscheinlich in der Straßenbahn, denn da war unglaubliches Gedränge, und Lörchen wunderte sich, dass ihre Handtasche aufgegangen ist. Herr Wirt, bezahlen können wir trotzdem. Was wirklich wichtig ist, trage ich wie immer auf der Haut: Geld, Karten und Pässe. Auf die Brieftasche können wir zur Not verzichten. 70 DM und 50.000 Lire sind zwar ärgerlich, aber die Sparbücher nützen dem Dieb nichts, und was brauche ich einen Führerschein, wenn wir doch gar kein Auto haben. Unser Daumen genügt uns. Ich habe keine Lust, mir die schöne Fahrt nach Capri nachträglich vermiesen zu lassen. Es war traumhaft, beim Schwimmen vor der Insel konnten wir durch das klare Wasser bis zum Meeresgrund sehen und die Fische beobachten. Ich bezahle also ganz ruhig den Wirt, und der zeigt uns den Weg zum „Ufficio Denunzie“ in der „Questura di Napoli“. Dort ist man freundlich, aber es dauert. Ein „interprete“ wird geholt, der uns auf deutsch fragt und die Anzeige italienisch in die Maschine diktiert. Dabei plaudert er mit uns über Neapels Kriminalität. Zum Beispiel erzählt er von Dieben, die mit Motorrädern dicht an offenen Cabrios vorbeifahren und den Beifahrerinnen die Handtaschen vom Schoß stehlen. Das lohnt sich bestimmt mehr als bei uns. Schade ist an der ganzen Sache eigentlich nur, dass Lörchen nun auf dem kürzesten Weg zurück nach Deutschland will. Und das heißt zu meinem Kummer: an Venedig vorbei.

Sechs Monate später erhalten wir in Hamburg Post vom Deutschen Generalkonsulat in Neapel. Sie schicken unsere Sachen. Brieftasche, Postsparbücher, Führerschein, Herbergsausweise, Adressen, Hinweise, Postkarten - alles ist wieder da, nur das Geld fehlt. Natürlich habe ich inzwischen all die Papiere neu besorgt, aber dass ich meinen alten Lappen wiederhabe, freut mich doch.

 

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Ich kann nicht mehr“, sagt sie. „Ich auch nicht. Lass uns zurückschwimmen,“ ist meine Antwort zwischen zwei Wellen. Aber ich habe Sabine gründlich missverstanden. Sie kann aktuell wirklich nicht mehr und taucht ab. Während ich mich ihr zuwende, sind die Rettungsschwimmer aber schon da. Sie hatten uns wohl schon im Auge, und wir sind nur fünfzig Meter vom Strand entfernt in der harmlosen Ostsee. Mit jedem Nackenschlag, den die kräftigen Wellen mir beim Zurückschwimmen verpassen, zweifle ich allerdings mehr an ihrer Harmlosigkeit. Wie sehr die Ostsee besonders im Winter toben kann, sehe ich an dem Ruinenrest der Kirche, der noch auf der Steilküste steht. Den fehlenden Teil hat die gierige See schon heruntergeholt. Der Seegang ist heftig, hat in den letzten Minuten zugenommen. Aufmerksam laufen die Retter den Strand entlang, ihre Augen auf die Wellen gerichtet. Zwei Köpfe tauchen auf und ab. zwei Menschen, die es offenbar nicht schaffen, durch die Brecherzone zurückzukommen. Einer der Retter hakt sich ein langes Seil um den Leib und taucht durch die Wellen voran. Die anderen folgen dem Seil in Abständen, während hilfreiche Badegäste es am Strand festhalten. Die beiden da draußen machen den Fehler, sich an der Buhne festzuhalten, die als lange Pfahlreihe weit ins Meer reicht, werden dabei von den Wellen gegen die ausgefransten Hölzer geschleudert. Der erste Retter ist jetzt draußen, der zweite folgt ihm am Seil. Sie haben Mühe, denn die Pfähle haben die Ertrinkenden getrennt. Das eine ist eine Frau; man kann den Badeanzug sehen, während die Männer bei großen Wellen versuchen, die völlig Erschöpfte über die Buhne zu holen. Dramatische Minuten folgen, während der Mann am Seil entlang aus eigener Kraft den Strand erreicht, wo er zusammenbricht. Endlich haben die Retter auch die Frau fest im Griff, ein schriller Pfiff ertönt, und alle Helfer ziehen am Seil, ziehen die drei durch die Brandung auf den Sand. Von Weinkrämpfen geschüttelt und aus vielen Schürfwunden blutend liegt das junge Mädchen auf einer Decke. Der Krankenwagen ist alarmiert. Die Strandwache rückt noch mehrmals auf gleiche Weise aus. An diesem Tag behält die Ostsee niemanden.

 

990

Niemals kann ich ohne Tränen daran denken. Erinnerst du sie noch, Niko, die Reise mit Tante Klaudia? Vielleicht nicht, vielleicht nur wenig. Du warst noch nicht einmal vier Jahre alt. Wir hatten den Bus aus einem Oldenburger Kuchenladen geliehen und lebten recht fröhlich auf Pappkartons. Bei einer Übernachtung an der Neretva hat uns irgendein Sammler sämtliche Aufkleber gestohlen. Ich ging mit dir an der Hand über die weltberühmte Brücke von Mostar, dem einzigartigen hohen Bogen, und wir standen unter der Brücke am Fluss. Ich staunte und du spieltest mit Steinen im Wasser. Wir übernachteten unbesorgt in einer Vorstadt von Sarajewo, zogen ein Dutzend Kinder an, die neugierig unser Treiben beobachteten. Ein Tischler in Sarajewo sägte uns ein paar Bretter zurecht, weil unsere Pappkartons langsam zusammenbrachen. Aber das zweitemal wirst du erinnern, als wir auf unserer Abschiedsreise mit unserem Bus aus Ungarn kamen, wir beide allein, da warst du schon fünfzehn Jahre alt, und ich fuhr mit dir wieder hin. Ich fand kaum eine Veränderung, die Moschee, die katholische, die orthodoxe Zentralkirche, alles auf engstem Raum beieinander, ein Sinnbild der Toleranz. Wir fanden dieselben Läden in der schönen alten Stadt oder auf dem malerischen Basar mit seinen Holzbuden, sogar den Tischler, wie vor 12 Jahren. Aber nun bestaunten wir es gemeinsam. Und wir fuhren mit der Seilbahn auf den Berg, um die Stadt von oben zu sehen. Wir fanden sogar denselben Platz an der Neretva wieder und gingen auch wieder gemeinsam über die Brücke von Mostar. Wir waren glücklich dort. Ich kann nie mehr ohne Tränen daran denken.